In der letzten Juni-Woche hatte die Berner Kantonspolizei im Auftrag der Staatsanwaltschaft für Wirtschaftsdelikte zugeschlagen: Sie führte zwei Hausdurchsuchungen in der Hochseeflotten-Affäre durch, die den Bund über 200 Millionen kostet. Eine im Kanton Waadt, eine am Thunersee, am Wohnort von Reeder Hansjürg Grunder.

Dort wurde damals auch eine Person verhaftet, wie die Kantonspolizei mitteilte. Namen nannte sie nicht, aber es steht fest, dass die Berner gegen Grunder ermitteln. Bereits im August 2017 hatte Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann (FDP) gegen den Reeder sowie einen Ex-Chefbeamten Strafanzeige eingereicht, weil der Verdacht auf strafbare Handlungen im Zusammenhang mit den Schiffsbürgschaften besteht.

Jetzt zeigt sich: Die Untersuchungshaft dauerte knapp zwei Wochen. «Der Beschuldigte wurde aus der Untersuchungshaft entlassen», sagte Jolanda Egger, Sprecherin der Berner Kantonspolizei, am Dienstag auf Anfrage der «Nordwestschweiz». Die Sprecherin betont aber auch: «Die Ermittlungen werden indes fortgesetzt.»

Ex-Reeder Grunder war dieser Tage telefonisch weiterhin nicht zu erreichen. Er reagierte zuletzt auch nicht auf E-Mail-Anfragen. Sein Firmenanwalt gab an, er könne sich derzeit nicht äussern.

Verdacht: Überhöhte Preise

Wie die Berner Staatsanwaltschaft für Wirtschaftsdelikte Ende Juni mitteilte, bestehe der Verdacht, «dass die Täterschaft bei der Einreichung von Bürgschaftsgesuchen für die Finanzierung von Hochseeschiffen überhöhte Bau- und Erwerbspreise geltend gemacht hat, um widerrechtlich in den Genuss zu hoher Bürgschaften zu gelangen».

Eine Strafuntersuchung in gleicher Sache führt auch die Bundesanwaltschaft. Sie hatte das von Wirtschaftsminister Schneider-Ammann angestossene Verfahren gegen Grunder zum Erstaunen und zum Ärger vieler Beobachter an den Kanton Bern delegiert. Dasjenige gegen den ehemals für Bürgschaften zuständigen Chefbeamten Michael Eichmann führte sie selbst. Dieser ist mit Grunder befreundet, er arbeitete nach seiner Pensionierung zudem als «Berater» für den Reeder, mit dem er zuvor als Beamter zu tun hatte.

Allerdings kommt das Verfahren der Bundesanwaltschaft, bei dem es um Verdacht auf Amtsmissbrauch und ungetreue Amtsführung geht, offensichtlich weiterhin nur schleppend vorwärts. So ging die Behörde kürzlich den Aargauer SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner um sachdienliche Informationen an. Er hatte verschiedene Vorstösse zum Thema eingereicht.

Eichmann selbst sagte dieser Tage der «Nordwestschweiz», er sei von der Bundesanwaltschaft weiterhin nicht befragt worden. Der ehemalige militärische Untersuchungsrichter beteuert nachdrücklich seine Unschuld. Auch für Reeder Grunder gilt weiterhin die Unschuldsvermutung.

Der Bund hatte für ein Dutzend von Grunders Schiffen mit einer dreistelligen Millionensumme gebürgt. 2017 zog Bern nach jahrelanger Untätigkeit die Reissleine und schickte die völlig überschuldete Grunder-Flotte in Liquidation. Die Schiffe wurden so schnell wie möglich an einen ehemaligen ausländischen Partner Grunders verkauft, mit entsprechend hohen Verlusten. Der Skandal kostet die Steuerzahler mehr als 200 Millionen.