Kommentar

Hey Hausfrau, du Opfer! Warum wir die Wahlfreiheit und Freiwilligkeit fördern sollten

Die Frauen machen immer noch einen Grossteil der Hausarbeit. (Symbolbild)

Die Frauen machen immer noch einen Grossteil der Hausarbeit. (Symbolbild)

In der heutigen Zeit müssen sich Frauen, die freiwillig Vollzeit-Mütter sind, zunehmend rechtfertigen. Statt sie anzugreifen, sollten wir unsere Energie besser darauf verwenden, Wahlfreiheit für alle zu fördern.

Wer sich in der heutigen Zeit so richtig schämen will, Augenrollen erzeugen, Unverständnis ernten, der versuche es doch mal als Hausfrau. In meinen Kreisen zumindest, die sich als progressiv wahrnehmen, als feministisch und urban, ist die Vorstellung, als Frau am Herd zu stehen und keiner bezahlten Arbeit nachzugehen, eine Zumutung auf allen Ebenen.

Emanzipierte Frauen arbeiten – emanzipierte Männer auch, aber weniger als auch schon

Ich hätte, würde ich mich für dieses Lebensmodell entscheiden, in den Augen Einiger automatisch aufgegeben. Mich untergeordnet. Ich wäre nicht mehr viel wert, als Frau, als Mutter, als Mensch, als Teil dieser Gesellschaft.

Ich hätte mich fertigmachen lassen, von einem patriarchalen System, das mich dazu herabwürdigt, ausschliesslich zu meinen Kindern zu schauen, statt mich selbst beruflich zu verwirklichen. Meine Frau zu stehen. Vom Typen endlich mehr Zeit zuhause einzufordern. Weil heute, im Gegensatz zu vor ein paar Jahrzehnten, gilt: Wer als Frau emanzipiert ist, der arbeitet. Und wer als Mann emanzipiert ist, der arbeitet weniger als auch schon.

Das führt dazu, dass vier von fünf Frauen, die Kinder unter sieben Jahren daheim haben, in der Schweiz mittlerweile einer bezahlten Tätigkeit nachgehen. Den Grossteil der Hausarbeit machen sie trotzdem noch. Teilzeit arbeiten sie immer noch. Der Mann ist noch immer der Hauptverdiener. Aber eine Frau, die 20 Prozent wieder einsteigt, mit ein bisschen mehr als 1000 Franken Lohn im Monat, die alles balancieren muss, gefühlt tausend verschiedene Rollen einnehmen, ist legitimierter als eine, die für sich sagt: Ich bin Hausfrau und Mutter, und fertig.

Kita-Kosten übersteigen viele Löhne

Natürlich ist der Argwohn zu einem grossen Teil berechtigt. Denn faktisch machen es politische und wirtschaftliche Hürden in der Schweiz vielen Familien schwer, eine gleichberechtigte Partnerschaft zu leben.

Der Mann verdient immer noch mehr, selbst wenn er im gleichen Berufsfeld arbeitet. Geschweige denn, dass «typische Frauenberufe» tiefer entlöhnt werden. Die Kita-Kosten übersteigen so manchen Lohn, weshalb sich viele Paare dazu entscheiden, dass dann doch einer von beiden zuhause bleibt – und strukturell ist das eher die Frau, weil sie im Schnitt eben weniger verdient.

Rollenverteilung soll auf Freiwilligkeit beruhen

Die Familien leben heute weiter weg von möglichen Betreuungspersonen wie Grosseltern oder Geschwister, oder vom Arbeitsort, weil sich der Traum vom eigenen Heim nur noch auf dem Land verwirklichen lässt. Was die Organisation schwieriger macht. Dass Frauen die gleichen Chancen haben sollen wie Männer, ist Teil einer modernen, gleichberechtigten, offenen Gesellschaft. Und diskussionslos auf allen Ebenen durchzusetzen.

Genau das bedingt jedoch auch, dass sie frohen Mutes ein Modell für sich wählen können, das ihnen entspricht. Egal, ob dieses Modell eine Vollzeitstelle ausserhalb der vier Wände beinhaltet oder eine 100-Prozent-Mutter-Stelle innerhalb der eigenen vier Wände. Es sollte keine Rede wert sein und vor allem keine Verurteilung nach sich ziehen, welchen Weg ein Paar in der Rollenaufteilung geht, solange diese Rollenverteilung auf Freiwilligkeit beruht und innerhalb eines fairen, egalitären und unterstützenden Systems gewählt wurde.

Mentale Unterstützung aus dem engen Umfeld ist wichtig

Eine Mutter in der heutigen Zeit dafür zu verachten oder zu kritisieren, dass sie sich, trotz anderweitiger Optionen, dazu entschieden hat, zuhause zu bleiben und ihre Zeit und Arbeitskraft primär der Erziehung der Kinder zu widmen, ist schlicht ignorant und intolerant. Viel lieber sollten wir unsere Energie dafür einsetzen, für ein politisches und gesellschaftliches Klima zu kämpfen, in welchem alle die Rolle einnehmen können, die sie wollen. Vollzeitväter, Vollzeitmütter, Hausfrauen, Karrierefrauen, Karrieremänner, Teilzeit-Eltern.

Wir sollten politisch und wirtschaftlich darauf hinarbeiten, so emanzipiert zu sein, dass sich jeder Mensch, egal, welchen Geschlechts, darauf besinnen kann, welche Art von Familie er erschaffen will, und sollte Hilfestellungen erhalten.

Hausfrauen sollten nicht kritisiert werden. (Symbolbild)

Hausfrauen sollten nicht kritisiert werden. (Symbolbild)

Dazu zählt neben wirtschaftlicher Unterstützung auch eine moralische und mentale Unterstützung von Bekannten, Freunden, Verwandten und der Gesellschaft.

Feminismus heisst in erster Linie, dass sich jeder frei, sicher und unterstützt für ein Lebensmodell entscheiden kann, mit welchem er am zufriedensten lebt. Frei von Diskriminierung, Häme oder Hass.

Wenn kritisieren, dann gerne die toxische Männlichkeit, die Karriere-Wahn noch immer als Heldentat feiert. Aber sicher nicht Hausfrauen, die sich täglich ein Bein ausreissen, Kinder zu erziehen, die dieser Gesellschaft eines Tages gewachsen sind.

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