Natur
Herdenschutzhunde schnappen zu: Die Zahl der Angriffe auf Wanderer steigt

Sie verjagen Wölfe. Doch Herdenschutzhunde greifen manchmal auch Wanderer und Biker an. Der Tessiner Mitte-Nationalrat Fabio Regazzi will deshalb Menschen besser vor den vierbeinigen Herdenbewachern schützen.

Drucken
Teilen
Herdenschutzhunde der Rasse Maremmen-Abruzzen-Schäferhunde bewachen eine Schafherde in Thierachern bei Thun.

Herdenschutzhunde der Rasse Maremmen-Abruzzen-Schäferhunde bewachen eine Schafherde in Thierachern bei Thun.

Peter Schneider/Keystone

Die junge Frau umlief die Ziegenherde im Tessin weiträumig. Dennoch bellte sie ein Herdenschutzhund an und schnappte schliesslich zu. «Das ist alles sehr schnell passiert», sagte die Frau gegenüber dem Fernsehen der italienischen Schweiz. Die Bilder mit den Bisswunden in beiden Beinen boten keinen schönen Anblick.

Herdenschutzhunde, meistens sind es Maremmen-Abruzzen-Schäferhunde, haben den Auftrag, Nutztiere vor dem Wolf zu schützen. Im vergangenen Alpsommer standen knapp 300 Herdenschutzhunde aus dem Bundesprogramm im Einsatz. Sie bewachten 48'000 Schafe, 1500 Ziegen und 500 Rinder, wie das Bundesamt für Umwelt (Bafu) auf Anfrage mitteilt. Die Herdenschutzhunde müssen gewisse Qualitätsanforderungen erfüllen, zum Beispiel im Bereich der Ausbildung. Der Bund fördert die Schutzhunde mit finanziellen Beiträgen.

Schutzhunde bissen im letzten Jahr 26 Personen

Die eingangs erwähnte Frau ist nicht die einzige, die eine unliebsame Begegnung mit einem Vierbeiner mit Wachauftrag erlebt hat. Das Grundproblem: Oft führen Wander- und Bikerwege durch ein Gebiet, in dem Schutzhunde wirken. Trotz Beschilderung, Warnhinweisen und Konzepten zur Unfallverhütung lassen sich Konflikte nicht immer vermeiden. Sie scheinen sogar zuzunehmen. Gemäss Bafu bissen Herdenschutzhunde aus dem Bundesprogramm im letzten Jahr 26 Personen. Noch in den Jahren 2019 und 2018 verzeichnete das Bafu bloss 17 Beissvorfälle, noch vor fünf Jahren waren es weniger als zehn.

«Wer schützt uns vor den Herdenschutzhunden?», fragt deshalb Fabio Regazzi. Der Tessiner Nationalrat (Die Mitte) berichtet von wachsendem Unmut, auch bei Tourismusbetrieben. In einer Interpellation schlug er deshalb weitere Massnahmen vor, um Konfrontationen zwischen Mensch und Schutzhund «auf ein Minimum zu reduzieren» – zum Beispiel, indem Schutzhunde am Tag nur noch selten eingesetzt würden, weil der Wolf die Herden in der Regel in der Nacht angreife. Der Bundesrat findet dies keine gute Idee.

Da Wölfe keineswegs nur bei Nacht angreifen, wäre ein zeitweises Wegsperren von Herdenschutzhunden zweckwidrig.

So schreibt er in der Antwort auf Regazzis Vorstoss. Er taxiert auch die Ausbildung der Hunde für angemessen. Probleme ortet der Bundesrat bei den Kantonen, welche die Massnahmen zur Konfliktverhütung mangelhaft umsetzten. Er empfiehlt den Kantonen etwa, dafür zu sorgen, dass Wanderwege nicht durch das Territorium von Schutzhunden führen, Wanderwege zeitweise zu sperren oder umzuleiten. Zudem würden sich auch Touristen nicht immer geschickt verhalten im Umgang mit Herdenschutzhunden.

Regazzi überzeugen die Argumente des Bundesrats nicht. Dieser unterschätze das Problem und wälze die Verantwortung auf die Kantone ab, sagt er. Der Mitte-Nationalrat befürchtet, dass sich das Problem in Zukunft noch verschärfen wird – auch, weil immer mehr Wölfe im Land umherstreifen. Mittlerweile zählt das Bafu in der Schweiz rund 110 Wölfe, doppelt so viele wie 2018. Zudem hat das Volk im vergangenen November das revidierte Jagdgesetz abgelehnt. Es hätte die Hürden zum Wolfsabschuss gesenkt.

Regazzi prüft, den politischen Druck auf den Bundesrat zu erhöhen und einen weiteren Vorstoss einzureichen, um das Konfliktpotenzial zwischen Mensch und Herdenschutzhunden zu verringern. Am eigenen Leib hat Regazzi keine Attacken von Herdenschutzhunden erlebt. Er erzählt aber von Vorfällen, in denen seine Schwester und seine Nichte sowie ein Freund mit seiner Tochter von den vierbeinigen Schafsbewachern angegriffen wurden. Sie alle kamen mit dem Schrecken davon, Regazzis Schwester riss der Schutzhund die Tasche aus der Hand. Der Nationalrat vermutet eine hohe Dunkelziffer mit derartigen Ereignissen.

Doch sind Herdenschutzhunde gegenüber den Menschen aggressiver als gewöhnliche Hunde? Alberto Stern, Tierarzt und Schutzhundtrainer, verneinte dies im Fernsehen der italienischen Schweiz. Die grosse Unbekannte sei der Charakter der Hunde. Schaf- und Ziegenhalter gaben derweil zu Protokoll, Probleme mit Wanderern und Bikern liessen sich kaum vermeiden. Sie appellierten an einen rücksichtsvollen Umgang. Dieser ist nicht immer gegeben. Manchmal verhalten sich Touristen unbewusst provokativ oder sie lassen sich sogar zu Tätlichkeiten hinreissen, indem sie mit Pfefferspray, Steinen oder Wanderstöcken die Hunde zu verscheuchen versuchen.

Meistens aber würden die Begegnungen zwischen Schutzhunden und Menschen problemlos verlaufen, da die Schutzhunde in der Ausbildung bewusst auf den Umgang mit Menschen sozialisiert würden, sagt Martin Baumann vom Bafu. Auf der Website www.herdenschutzschweiz.ch finden sich einige Verhaltenstipps für Begegnungen mit Herdenschutzhunden. Wichtig sind etwa ein ruhiges Verhalten und der Verzicht, den eigenen Hund mitzuführen. Im Zweifelsfall solle man lieber umkehren oder die Herde grossräumig umlaufen.