Für gewöhnlich sorgen Hebammen dafür, dass der Nachwuchs ihrer Klientinnen gesund und munter zur Welt kommt. Beim eigenen Nachwuchs hapert es allerdings: «Es sollten mehr Hebammen ausgebildet werden», sagt Barbara Stocker, Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbandes. In einigen Gebieten könne es zu Engpässen kommen. Das gilt besonders in der Ferienzeit.

Zu den Engpässen hat die über Jahre steigende Geburtenrate beigetragen. Seit 2005 erblicken jedes Jahr mehr Kinder das Licht der Welt. Zuletzt waren es 87'900 Buben und Mädchen – so viele wie seit 20 Jahren nicht mehr. Die Familie erlebt eine Renaissance, weniger Frauen bleiben kinderlos, die Zahl der Kleinfamilien steigt. Zwar hat auch die Zahl der Hebammen in den letzten zehn Jahren kontinuierlich zugenommen (von 690 auf 1400), allerdings arbeiten viele in Teilzeit.

Hinzu kommt, dass die Ausbildungsplätze begrenzt sind. Es gibt zwar genügend junge Frauen, die Hebammen werden wollen, trotzdem können die beiden Fachhochschulen in der Deutschschweiz – die ZHAW in Winterthur und die BFH in Bern – nicht mehr Interessentinnen aufnehmen, da es nicht genug Praktikumsplätze in den Spitälern gibt. Zudem wurden in den vergangenen Jahren einige Stationen geschlossen. So fand zum Beispiel das Geburtshaus Jenins GR nicht genügend Hebammen und das beliebte Spital Riggisberg BE musste sich dem Sparzwang beugen, was eine emotionale Debatte entfachte.

Auch freiberufliche Hebammen können die neu entstehende Lücke nicht auffangen. Sie dürfen zwar Studierende anstellen und ausbilden, abrechnen können sie deren Leistungen allerdings nicht. Wenn sie angehende Hebammen ausbilden wollen, müssen sie das in den meisten Kantonen ohne finanzielle Gegenleistung tun. Auch die Studierenden erhalten nicht immer einen Lohn. Das sei unhaltbar, sagt Stocker. «Beide müssen für ihre Arbeit bezahlt werden.»

«Zeugen Sie dann keine Kinder!»

Was passiert, wenn zu wenige Hebammen nachkommen, zeigt sich derzeit in Deutschland. Geburtshelfer klagen über unhaltbare Zustände: Hochschwangere Frauen werden aus Krankenhäusern weggeschickt, weil alle Kreisssäle belegt sind. Hebammen warnen vor Zweisamkeit zu Ostern («Zeugen Sie keine Kinder!») weil der Geburtstermin auf Weihnachten, Silvester oder Neujahr fällt – und dann viele Hebammen freihaben. Und die Elterninitiative «Mother Hood» spricht sogar Reisewarnungen für Schwangere aus. Für Frauen, die ein Kind erwarten, sei es äusserst unsicher, nach Bayern, Hessen, Berlin oder Hamburg zu reisen. Dort könne keine sichere Geburt gewährleistet werden, weil viele Kreisssäle geschlossen wurden und sich nun die Geburten in den Städten ballen.

So weit ist es in der Schweiz nicht. Doch auch hierzulande werden manchmal Frauen mangels Platz in ein anderes Spital geschickt – selbst wenn die Wehen schon eingesetzt haben, berichtet Carolina Iglesias, die über 700 Geburten begleitet hat. «Das ist für ein reiches Land wie die Schweiz beschämend.» Zu solchen Fällen kommt es im Kanton Zürich vor allem in den geburtenreichen Monaten im Sommer, weil der Platz in den Spitälern begrenzt ist.

Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Hebammen seit Jahren an. Heute wünschen sich viele Mütter eine Betreuung mehrere Wochen über die Geburt hinaus. Die Zahlen belegen den Trend: Als Präsidentin des Vereins «Familystart Zürich» vermittelt Iglesias seit 2015 werdenden Eltern Hebammen, weil der Kanton Zürich zeitweise nicht mehr allen Familien eine Nachbetreuung gewährleisten konnte. 2017 fand der Verein für 3045 Mütter eine Hebamme. Vor zehn Jahren waren es via Kanton lediglich 1400.

Teamarbeit statt 24-h-Pikett

Um den Beruf für Hebammen attraktiver zu gestalten, treiben Vereine und Verbände neue Betreuungsmodelle voran. Im Team-Modell organisieren sich Hebammen untereinander und können sich ablösen. Bisher musste eine Hebamme vor der Geburt wochenlang 24 Stunden auf Pikett sein, weil niemand wissen kann, wann das Baby kommt. Die Teamarbeit garantiert geregeltere Arbeitszeiten mit ein bis zwei Freitagen in der Wochen.

Der Verband setzt zudem auf hebammengeleitete Geburten in der Nähe von Spitälern. Eine Hebamme betreut die Frau vor, während und nach der Geburt allein. Ärzte werden nur bei Bedarf beigezogen. In Aarau wurde ein solches Modell bereits vor einem Jahr auf dem Gelände des Kantonsspitals eingeführt und eigens wurden zwei Zimmer dafür eingerichtet. Dort ist die Hebamme allein, das Spital im Notfall aber in der Nähe. Das würde nicht nur den Stellenwert des Berufs steigern und Kosten sparen, sondern auch den Bedürfnissen der werdenden Mutter besser gerecht, sagt Verbandspräsidentin Stocker. Sie hofft, dass weitere Spitäler dem Vorbild folgen.