Der mehrfach verurteilte Vergewaltiger Hassan K. erhält weitere sechs Monate Freiheitsstrafe. Das Bezirksgericht Dietikon hat ihn gestern verurteilt, wegen der Anstiftung zum Entweichenlassen von Gefangenen. Der Häftling hatte die damalige Gefängnisaufseherin Angela M. mehrmals gefragt, ob sie ihn freilassen könne. Sie erhörte den Wunsch und verhalf ihm zur Flucht aus dem Gefängnis Limmattal am 9. Februar 2016.

Mit seinem Urteil folgte Richter Benedikt Hoffmann dem Antrag in der Anklageschrift. Entsprechend zufrieden zeigte sich Anette Schmidt von der Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis. Vom Urteil sei sie nicht wirklich überrascht gewesen, sagte sie in einer ersten Stellungnahme.

Verteidiger war überrascht

Überrascht war hingegen Jürg Krumm, der bei der Urteilseröffnung Hassan K.s Verteidiger Valentin Landmann vertrat. Man könne das Urteil so nicht stehen lassen und werde Berufung einlegen. Somit wird sich das Zürcher Obergericht noch mit dem Fall befassen müssen. Staatsanwältin Schmidt ist zuversichtlich, dass die zweite Instanz der Argumentation des Bezirksgerichts folgen wird.

Einig sind sich die Prozessparteien beim Sachverhalt: Hassan K. hatte Angela M. mehrmals gefragt, ob sie ihn freilasse. Das hat er auch so zugegeben. «Aufseher, Mitinsassen, Staatsanwältin, ich habe allen Leuten diese Frage gestellt, ob sie mich freilassen würden. Ich wollte frei sein», sagte Hassan K. Ein- oder zweimal, vielleicht auch mehr, habe er Angela M. gefragt, so Hassan K. weiter.

Zu Beginn hatte Angela M. die Bitten noch abgelehnt. Später willigte sie dann doch ein. Vor der Flucht ging sie zu seiner Zelle und sagte: «Okay, heute.»

Zusammengefasst: Hassan K. steht dazu, er hatte die Idee zur Flucht.

Aus der Frage entsprang die Tat

Weil Gefängnisausbrüche in der Schweiz aber nicht strafbar sind, könne man auch Hassan K. nicht bestrafen, meinte Verteidiger Valentin Landmann. Hassan K. habe lediglich sich selbst begünstigt.

«Es kann nicht sein, dass er straffrei bleibt», betonte dagegen die Staatsanwältin. Es gehe nicht darum, die Flucht zu bestrafen, sondern die Anstiftung zur Fluchthilfe. Es sei zudem unerheblich, dass Angela M. frei entscheiden konnte, ob sie der Bitte nachkommen wolle. Eine Anstiftung sei es trotzdem. «Der Beschuldigte gestand denn auch ein, dass er es gewesen sei, der Angela M. davon überzeugt hat, ihm bei der Flucht aus dem Gefängnis zu helfen», so die Staatsanwältin.

Das sah auch der Richter so: Auch eine Frage könne einen Tatentschluss wecken, sagte er bei der Urteilseröffnung. Der Sachverhalt sei eingestanden und decke sich mit dem Untersuchungsergebnis, vor allem auch mit den Aussagen von Angela M. «Damit ist auch klar, dass der Entschluss von Angela M., ihn freizulassen, zurückzuführen ist auf die Frage von Hassan K.», so der Richter weiter.

Respektlosigkeit im Gerichtssaal

Während der Arabisch-Übersetzer die richterlichen Ausführungen übersetzte, fiel ihm Hassan K. mehrmals ins Wort, auf Arabisch. «Hören Sie zu!», gab ihm dann der Richter zu verstehen.

Eher strafmindernd wirkte sich aus, dass der Täter keine grosse Rücksichtslosigkeit und keine grosse Raffiniertheit an den Tag legte. Zulaste gelegt wurde Hassan K. aber, dass es sich nicht um einen spontanen Tatentschluss gehandelt hatte.

Die Liebe zu Angela M. sei gleichzeitig strafmindernd und erhöhend: Zum einen erklärt sie seine Bitte nach ihrer Fluchthilfe, zum anderen war es gerade diese gegenseitige Liebe, die er sich mit einer gewissen Hartnäckigkeit zunutze gemacht hatte. Das Geständnis und «Spuren einer gewissen Einsicht» seien zudem leicht strafmindernd.

«Stark straferhöhend» wirkten sich aber die diversen Vorstrafen aus. Wegen zweien davon sitzt er derzeit im Gefängnis mehrjährige Freiheitsstrafen ab. Zum einen muss er eine vierjährige Freiheitsstrafe wegen einer Vergewaltigung absitzen, die er im November 2014 auf einem Schlieremer Parkplatz an einer 15-Jährigen beging. Zum anderen ist eine weitere Freiheitsstrafe wegen einer Vergewaltigung im Thurgau noch nicht vollständig abgesessen. Und jetzt also weitere sechs Monate Strafe.

Gefängnis-Heirat ist aufgegleist

Wie Hassan K. bei der Befragung durch den Richter offenbarte, haben er und Angela M. inzwischen die Heiratspapiere eingereicht und warten nun auf eine Antwort der Behörden. Der 28-jährige Syrer, dessen Asylgesuch 2012 gutgeheissen wurde, und die 33-jährige Schweizerin wollen im Gefängnis heiraten. Sie sind seit längerem verlobt.

Der gestrige Prozess hat eine spezielle Vorgeschichte. Im Oktober hatte das Bezirksgericht das Verfahren noch eingestellt, da der Sachverhalt keinen Straftatbestand erfülle. Im Februar hiess aber das Obergericht eine Beschwerde der Staatsanwaltschaft gut und verdonnerte das Bezirksgericht dazu, doch eine Verhandlung durchzuführen.

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