Kolumne

Happy Birthday, Christoph!

Christoph Blocher in einem Video seiner Partei SVP am Pool seiner Villa.

Christoph Blocher in einem Video seiner Partei SVP am Pool seiner Villa.

Was man auch von ihm halten mag: Politisiert hat er uns alle. Ein kleiner Geburtstagsbrief an Christoph Blocher.

Lieber Christoph Blocher,

Anna Miller

Anna Miller

Was bleibt von der Politik, wenn Sie nicht mehr sind? Sie haben die politische Dynamik der Schweiz immerhin geprägt wie kaum ein anderer in den letzten Jahrzehnten. Sie sind wie ein Fels, der da stand, in einem Meer, immer klar, immer gleich.

Ein Mensch, an den man sich, je nach Gesinnung, anlehnen konnte oder an dem man sich leidenschaftlich aufrieb. Sie brachten die wütendste, entschlossenste Opposition zusammen, die sich gegen Sie verbündete, und entfachten für einige junge Menschen eine Leidenschaft für das von Ihrer Partei, der SVP, so gern zitierte Vaterland. Sie werden genauso verehrt wie gehasst, und sind insofern ganz und gar unschweizerisch.

Ich erinnere mich noch daran, wie Sie 2007 tobten, als Ihnen während der Nacht der langen Messer in Bundesbern der Dolch in den Rücken gebohrt wurde und Sie aus dem Nationalratssaal stürmten, begleitet von einem Tross an Kameras und Reportern. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Ich würde mich gerne an einem verregneten Sonntag-Nachmittag zu Ihnen in die Stube setzen und ein paar Fragen stellen. Ich frage mich, was Ihnen durch den Kopf geht, bevor Sie einschlafen. Ob Sie als junger Mann verborgene Gedanken daran hatten, in eine linke Partei einzutreten, sich das aber dann schnell verflüchtigte. Ich frage mich, was Sie noch vorhaben, jetzt, mit 80 Jahren, ob Sie schon ein Fazit ziehen und ob Sie sich denn einen Segen wünschen, wenn es soweit ist, und von wem.

Ich glaube, Sie schämen sich nicht schnell. Sie mögen tragfähige Beziehungen. Und Menschen, die anpacken. Sie haben es geschafft, sich volksnah zu geben, obwohl Sie sich in Herrliberg verschanzen wie ein Notenbank-Präsident.

Sie haben es immer geschafft, bodenständig zu wirken, obwohl Sie einer der reichsten Männer des Landes sind. Sie haben es immer geschafft, werttreu und familienorientiert zu wirken, obwohl Sie die Öffentlichkeit ein Jahr belogen haben, als es um den Kauf der «Basler Zeitung» ging. Ich weiss nicht, wie viele Menschen Sie wirklich achten. Und ob Sie auch welche bewundern. Doch Ihre Balanceakte, die haben Sie nie an Popularität einbüssen lassen.

Blocher in seinem Haus in Herrliberg ZH.

Blocher in seinem Haus in Herrliberg ZH.

Ich erinnere mich an den Moment, in dem Sie im Dokumentarfilm «L’Expérience Blocher» von Jean-Stéphane Bron in der Limousine sitzen und aus dem Autofenster auf die vorbeiziehenden Felder blicken. Sie, der Mann, der gegen den Rat Ihres Vaters eine Bauernlehre absolvierte. Und er Ihnen irgendwann sagte: Was wirst du tun? Du hast kein Land.

Ihr Kampf um Land hat die Schweizer Politik Jahrzehnte lang geprägt wie kaum etwas anderes. Man kann Ihnen vorhalten, was man will, aber ich glaube, Sie sind sich selbst immer treu gewesen. Ich mag mit Ihnen nicht einig sein, wenn es darum geht, wen ich als schwarzes Schaf sehe, doch Sie waren mir eine Leitplanke. Eine Figur. Eine Haltung. Sie haben durch Ihre Öffentlichkeit mitgeholfen, mich zu politisieren. Alles Gute zum Geburtstag, Herr Blocher.

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