Häusliche Gewalt
Gewalt in Paarbeziehungen: Frauenhäuser fordern Bund zum Handeln auf – und erhalten Unterstützung von Möbelriese Ikea

Fast jede zweite Frau in der Schweiz ist von häuslicher Gewalt betroffen. Mit einer Kampagne wollen die Frauenhäuser auf das Problem aufmerksam machen. Unterstützt werden sie dabei von Möbelhersteller Ikea.

Chiara Stäheli
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Ein Plakat aus der Sensibilisierungskampagne am Bahnhof Zürich.

Ein Plakat aus der Sensibilisierungskampagne am Bahnhof Zürich.

Bild: Keystone

In diesen Tagen startet in der Schweiz die erste nationale Kampagne gegen häusliche Gewalt. Vier Frauen, die aufgrund von Gewalt in der Beziehung ins Frauenhaus flüchteten, stehen im Fokus der Kampagne. Auf grossen Plakaten und in kurzen Social-Media-Videos macht die Dachorganisation der Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein (DAO) auf ihr Anliegen aufmerksam.

«Es ist uns ein grosses Anliegen, Gewalt in Partnerschaften auf den Radar der Politik und der Gesellschaft zu rücken», sagt Susan Peter, Geschäftsführerin der Stiftung Frauenhaus Zürich und Vorstandsmitglied der DAO. Sie hofft, dass häusliche Gewalt als gesamtgesellschaftliches Problem anerkannt wird.

Insbesondere auch, weil die Betroffenheit hierzulande gemäss Polizeistatistiken gross ist: Im vergangenen Jahr wurden täglich im Schnitt 55 Fälle von häuslicher Gewalt registriert, «und wir vermuten, dass die Dunkelziffer noch viel höher ist», so Peter. Das entspricht mehr als 20'000 Straftaten von häuslicher Gewalt im Jahr 2020.

Auch jeder vierte Mann ist betroffen

Dieser unschönen Tatsache begegnet die DAO nun mit der eingangs erwähnten Sensibilisierungskampagne. Begleitet wird diese von einer Studie, die durch das Forschungsinstitut Sotomo durchgeführt wird. Die erste Bevölkerungsbefragung fand Ende September in allen Landesteilen der Schweiz statt. Teilgenommen haben knapp 3600 Personen, davon waren 70 Prozent weiblich.

Die Ergebnisse lassen aufhorchen: Mehr als vier von zehn Frauen in der Schweiz sind von häuslicher Gewalt betroffen. Bei den Männern hat ungefähr jeder vierte bereits Erfahrungen mit häuslicher Gewalt gemacht. Diese Zahlen stehen in Widerspruch zu den nur 15 Prozent der Befragten, die angaben, bereits einmal Gewalt an der Partnerin oder dem Partner ausgeübt zu haben.

Als Risikofaktoren für Täterinnen und Täter werden in der Studie oft Alkoholkonsum, ein traditionelles Frauenbild oder psychische Krankheiten genannt. Und noch immer ist knapp jeder vierte Mann der Ansicht, dass eine «sexy angezogene Person» mitverantwortlich dafür ist, wenn sie belästigt wird.

Mit diesem Plakat möchte die Dachorganisation der Frauenhäuser auf häusliche Gewalt in der Schweiz aufmerksam machen.

Mit diesem Plakat möchte die Dachorganisation der Frauenhäuser auf häusliche Gewalt in der Schweiz aufmerksam machen.

Bild: Rod Kommunikation

Am stärksten betroffen sind laut der repräsentativen Sotomo-Studie Frauen und Männer zwischen 26 und 45 Jahren. Weiter zeigt sich: Personen aus tieferen Einkommensklassen sind signifikant häufiger Opfer von häuslicher Gewalt. Ein Grund für die fehlende Sichtbarkeit der Thematik im öffentlichen Raum dürfte auch folgende Tatsache sein: Jede zweite befragte Person ist der Ansicht, dass alles, was zu Hause passiert, Privatsache sei und nicht in der gesellschaftlichen Verantwortung liege.

Das will die DAO mit ihrer Kampagne ändern: «Es braucht einen öffentlichen Diskurs über Gewalt in Paarbeziehungen, damit sich in der Politik und in der Gesellschaft etwas ändert», ist Lena John überzeugt. Die Generalsekretärin der DAO fordert deshalb, dass der Bund gemeinsam mit Kantonen und NGO ein koordiniertes Vorgehen mit konkreten Zielen zur Reduktion der häuslichen Gewalt erarbeitet. John sagt:

«Die Schweiz steht in der Verantwortung. Wir wünschen uns, dass der Bund mehr Ressourcen in die Bekämpfung von geschlechtsspezifischer und häuslicher Gewalt investiert.»

Rechtlich gesehen ist der Bund bereits seit dem Inkrafttreten des Übereinkommens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von häuslicher Gewalt 2018 verpflichtet, umfassende Massnahmen gegen geschlechtsspezifische Gewalt zu ergreifen.

Ikea engagiert sich für die Kampagne

Nun hat sich der Bund – also das Eidgenössische Büro für Gleichstellung – mit der Finanzierung der Sotomo-Studie an der Kampagne beteiligt. Weitere Unterstützung erhält die DAO vom Möbelhersteller Ikea. Wie viel die bis im Frühjahr 2022 dauernde Kampagne kostet, lässt die DAO offen.

Zu Beginn der Pandemie hat Ikea Möbel an diverse Einrichtungen – darunter an elf Frauenhäuser – gespendet. Nun unterstützt der Möbelhersteller die DAO auch bei der Kampagne. Man wolle den Opfern von häuslicher Gewalt Gehör verschaffen, so Franziska Barmettler, Leiterin Nachhaltigkeit bei Ikea Schweiz. Sie fügt an: «Jeder Mensch verdient ein sicheres Zuhause.»

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