Bersets zweitägiger Besuch in Paris unterstrich die engen Bande der beiden Nachbarländer: 200 000 Schweizer leben in Frankreich, und 170 000 französische Grenzgänger arbeiten in der Schweiz. Zwei wichtige Streitpunkte sind heute beigelegt: Der Automatische Informationsaustausch in Steuerfragen, für den sich die Franzosen an vorderster Front stark gemacht hatten, ist Tatsache, und die Finanzierung des Flughafens Basel-Mulhouse ist geregelt.

Neu steht allerdings die Frage des institutionellen Rahmenabkommens der Schweiz mit der EU im Raum. Macron und Berset drückten dem Vorhaben ihre Unterstützung aus, wie der Schweizer Präsident der Presse mitteilte. Wie es scheint, blieb es allerdings beim diplomatischen Austausch der Standpunkte. In die Details hätten sie gar nicht gehen müssen, meinte Berset: «Wir haben uns auch so sehr gut verstanden.»

So bleibt offen, was Frankreich zu den Einwänden der Schweizer Gewerkschaften wegen befürchteter Lohneinbussen anbelangt. Berset meinte, die Verhandlungen liefen schliesslich zwischen Bern und Brüssel, nicht in Paris. Frankreich hat allerdings in solchen EU-Verhandlungen ein grosses Gewicht. Im August hatte der französische Aussenminister Jean-Yves Le Drian ein gewisses Verständnis für die Schweizer Anliegen geäussert und im Bereich der flankierenden Massnahmen «Lösungen im Kampf gegen Sozialdumping» geortet.

Brexit: ein zusätzliches Problem

Berset verhehlte nicht, dass der EU-Austritt Grossbritanniens «ein zusätzliches Problem» sei. Die französische Diplomatie nimmt in Sachen Brexit eine relativ unversöhnliche Haltung ein – und will den eidgenössischen Forderungen für ein bilaterales Abkommen deshalb nicht zu weit entgegenkommen. Denn sonst könnten sich die Briten – befürchtet man in Paris – darauf berufen und eine ähnlich «privilegierte» Partnerschaft mit Brüssel verlangen. Anders gesagt wird Frankreich der Schweiz brexitbedingt keine Geschenke in Bezug auf das Rahmenabkommen machen.

Und wer in der Schweiz mit dem Gedanken spielen sollte, auf die Personenfreizügigkeit zu verzichten, würde laut Frankreich den ganzen Zugang zum EU-Binnenmarkt gefährden, wie Le Drian schon im August unmissverständlich klargemacht hatte. Dass der Brexit das Verhältnis EU-Schweiz überschattet, ist umso bedauernswerter, als Frankreich für die Standpunkte Berns sonst durchaus Verständnis aufbringen könnte – und zwar nicht nur aus gutnachbarschaftlichen Gefühlen. Frankreich sucht seine Arbeitnehmer auch von Firmen und Arbeitern aus dem grenznahen Ausland zu schützen. Die Entsenderichtlinie der EU ist deshalb für die französische Regierung nicht erst seit Macrons Amtsantritt ein rotes Tuch.

Zudem hat Paris selber eine «Baustellenkarte» eingerichtet, die deutschen Handwerker das Leben schwer macht, wenn sie Aufträge im französischen Elsass annehmen. Bei ihrem einstündigen Treffen sprachen Berset und Macron auch über den Austausch im Forschungsbereich und die Frankofonie. Der Bundespräsident erklärte sich erfreut, dass die Schweiz wegen ihrer humanitären Anstrengungen am 11. November zu den Zeremonien des Ersten Weltkriegs nach Frankreich geladen sei. Beide Seiten sprachen sich zudem für Multilateralismus und das Atomabkommen mit Iran aus.

Schweiz betreibt «cherry picking»

Berset hatte am Dienstag in Paris bereits den Generalsekretär der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Angel Gurría getroffen. Er besuchte auch die Ausstellung der neuen Giacometti-Stiftung sowie das «soziale» Hightechlabor Liberté-Living-Lab.

Macron gab anders als Berset keine Pressekonferenz. Nach dem Schweizer Besuch in Paris verdichtet sich der Eindruck, dass Macron nicht unbedingt ein Schweiz-Versteher ist. Das erstaunt: Der 40-jährige Präsident hat wie die Schweiz politisch gemässigte Ansichten fernab der Extreme; als Investmentbanker vertrat er zudem auch die Interessen Schweizer Firmen wie Nestlé. Generell pflegt er eine hohe Arbeitsethik wie die Schweiz. Bei einem jüngsten Besuch in Dänemark lobte er, der durch eine katholische Privatschule geformt worden war, die «lutheranischen» Werte Skandinaviens. Was er von den Schweizer Tugenden, ob protestantisch oder nicht, hält, blieb am Mittwoch offen. Beim letzten Weltwirtschaftsforum in Davos hatte Macron sogar Kritik an den Schweizern geübt, weil sie in Europa «cherry picking» (Rosinenpicken) betrieben. Auch wenn Macron das Modell der Schweizer Berufslehre lobt, scheint er eher vom deutschen Modell beeindruckt. Als guter Franzose denkt er nun einmal in grösseren Bezügen.