Bielersee

Gutachten aus Deutschland soll Bootsraser überführen

Staatsanwalt: «Beweise im Wasser finden, ist schwierig»

Staatsanwalt: «Beweise im Wasser finden, ist schwierig»

Mehr als zweieinhalb Jahre sind verstrichen, seit die Aargauerin Angela A. auf dem Bielersee von einem Motorboot überfahren wurde. So lange brauchten die Berner Strafverfolger, um den mutmasslichen Motorbootlenker anzuklagen.

«U.T.* ist in Amerika in den Ferien», sagte dessen Geschäftspartner zur «Nordwestschweiz». Spätestens für den Gerichtstermin wird U.T., ein 77-jähriger Seeländer Unternehmer, in Biel antreten müssen. Zwar steht noch kein Datum fest, doch hat die Staatsanwaltschaft Berner Jura-Seeland Ende Dezember nach zweieinhalb Jahren Anklage erhoben. U.T. soll am verhängnisvollen Abend des 11. Juli 2010 das Motorboot gelenkt haben, dessen Schiffsschrauben der 24-jährigen Aargauerin Angela A. das Leben kosteten.

Der Unfall - er war schrecklich. Angela A. und ihr Freund Stephan F. paddelten gemütlich über den Bielersee, ehe ein Motorbootlenker die beiden in ihrem Schlauchboot übersah. Die Aargauerin versuchte sich zwar mit einem Sprung ins Wasser zu retten, doch die Schiffsschraube erfasste sie. Die Frau verblutete auf der Unfallstelle in den Armen ihres Freundes, der die Tragödie unverletzt überstand.

Deutsches BKA involviert

Erst Tage nach dem Unglück rückte U.T. in den Fokus der Ermittlungen, weil er ein Boot des verdächtigen Typs besitzt. Zwar gab er zu, am besagten Abend in der Unglücksregion mit seinem Motorschiff und zwei Begleitpersonen auf dem See unterwegs gewesen zu sein, hält aber gemäss Sprecher der Berner Staatsanwaltschaft Christof Scheurer bis heute an der Version fest, während der Fahrt «nichts Aussergewöhnliches» festgestellt zu haben. Er habe eine reine Weste, liess er die Medien im Sommer 2010 wissen.

Das Wasser hatte damals längst Spuren von Boot und Schiffsschraube verwischt. So machte sich die Strafverfolgungsbehörde an ein aufwendiges Beweismittelverfahren, bei dem sie auch im Ausland Gutachten erstellen liess, unter anderem beim deutschen Bundeskriminalamt. Warum? «Wir verfügen in der Schweiz weder über das notwendige Wissen, noch über die notwendigen Apparaturen», räumte Scheurer gestern unumwunden ein. So tragisch ein tödlicher Bootsunfall auch sei: Es ist eine Seltenheit. Da mache es auch aus Kostengründen Sinn, international zusammenzuarbeiten.

Doch warum mussten zweieinhalb Jahre verstreichen, bis es zu einer Anklage kam? «Man kann einen Unfall zu Wasser nicht mit einem Unfall zu Land vergleichen», sagte Scheurer. Das Boot habe man nicht an der Unfallstelle sicherstellen können und das Wasser habe vieles abgewischt.

Erfolgreiche Verzögerungsstrategie

Zudem habe der Beschuldigte von seinen rechtlichen Mitteln Gebrauch gemacht. «Im schweizerischen Rechtsstaat ist es immanent wichtig, dass ein Beschuldigter sich bei jedem Verfahrensschritt äussern kann», so Scheurer. Und das tat U.T.: Zu Gutachten verlangte er weitere Abklärungen. Letztlich führte er Beschwerde vor Obergericht, nachdem ihn die Staatsanwaltschaft über die bevorstehende Anklage informiert hatte.

Auch das in der schweizerischen Strafprozessordnung verankerte Beschleunigungsgebot machte das Verfahren gegen U.T. nicht etwa schneller, denn es gilt bei Haftfällen. Sie haben Priorität und binden personelle Ressourcen. U.T. aber ist auf freiem Fuss.

Wie die Beweislage im Detail aussieht und welche Schlüsse und Anträge die Staatsanwaltschaft daraus zieht, das wollte Scheurer gestern nicht präzisieren. So viel ist klar: Die Anklage gegen U.T. lautet auf fahrlässige Tötung. Es gilt die Unschuldsvermutung.

*Name der Redaktion bekannt

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