Obergericht Zürich

Grenzwächter wegen Totgeburt vor Gericht: «Ich hätte mein Leben gegeben»

Die Syrerin Suha Alhussein mit ihrem Mann und ihrem jüngsten Sohn gestern vor dem Obergericht. Ennio Leanza/Keystone

Die Syrerin Suha Alhussein mit ihrem Mann und ihrem jüngsten Sohn gestern vor dem Obergericht. Ennio Leanza/Keystone

Der Grenzwächter, der eine Totgeburt zu verantworten haben soll, beteuert seine Unschuld. Welche Rolle spielte das Kopftuch der schwangeren Syrerin? Heute fällt das Urteil.

Nervosität zuckt über das kantige Gesicht von Christian L. (58), als er sich im Hauptsaal des Zürcher Obergerichts umschaut. Vor ihm sitzen fünf Militärrichter. Sie müssen noch einmal über die Rolle urteilen, die er, der Briger Grenzwächter, am 4. Juli 2014 gespielt hat: jenem Tag, an dem die Syrerin Suha  Alhussein Jneid in Domodossola eine Totgeburt erlitt, nachdem ihr wenige Stunden zuvor in den Räumlichkeiten der Grenzwache am Bahnhof Brig medizinische Hilfe verweigert worden war. Die heute 26-jährige Syrerin sitzt wenige Meter entfernt von L. neben ihrer Verteidigerin. Sechs Kinder hat Suha Alhussein inzwischen, das vierte davon hat sie am 4. Juli 2014 tot zur Welt gebracht. Es liegt in Italien begraben.

Die Umstände, die zum Tod ihrer Tochter führten, haben die Militärrichter in Bern vor einem Jahr untersucht. Das Gericht verurteilte L. im November 2017 wegen versuchten Schwangerschaftsabbruchs, fahrlässiger Körperverletzung und Nichtbefolgens von Dienstvorschriften zu einer bedingten Freiheitsstrafe von sieben Monaten und einer Geldstrafe von 9000 Franken.

Tränen vor Gericht

Sowohl die Verteidigung als auch der Auditor (der militärische Staatsanwalt) haben gegen das Urteil appelliert. Seit Montagmorgen läuft das Appellationsverfahren. «Ich hätte meine Leben jederzeit gegeben für das Leben dieses Kindes», sagt L. Das viele Nachdenken habe dazu geführt, dass er fast keine Emotionen mehr spüre. Suha Alhussein hingegen hat Emotionen. Während ihrer Aussage weint die Syrerin, die heute in Deutschland lebt. Diesen Tag in Brig, den vergesse sie in hundert  Jahren nicht.

Totgeburt nach Rückführung: "Meine Mandantin ist sehr traurig"

«Meine Mandantin ist sehr traurig»

Im Interview erzählt der Kläger vor Prozessbeginn, was er sich erhofft, während die Anwältin der Geschädigten erklärt, dass es der Syrerin nicht gut geht.

Am 4. Juli 2014 war Suha Alhussein in einer Gruppe von 36 Flüchtlingen auf dem Weg von Italien nach Frankreich an der schweizerisch-französischen Grenze aufgegriffen worden. In einem Bus wurde sie nach Brig gefahren und in die Obhut der dortigen Grenzwächter gegeben. Noch am Nachmittag sollte sie mit einem Zug ins italienische Domodossola zurückgeschafft werden. Während der Stunden in Brig entwickelte sie heftige Schmerzen und begann zu bluten. Ihr Mann bat die Grenzwächter um Hilfe, auch den angeklagten Christian L. – erfolglos.

Der ranghöchste Grenzwächter auf der Briger Wache an jenem Tag betonte gestern vor Gericht erneut, dass er den kritischen Zustand der hochschwangeren Frau nicht rechtzeitig erkannt habe. Er habe zwar versucht, sich ein Bild von der Lage zu machen, was aufgrund der vielen Menschen in den engen  Räumen schwierig gewesen sei. «Es war aber offensichtlich, dass diese Frau nicht wollte, dass ein fremder Mann sieht, wie es ihr geht», sagte L. Erst als er sah, wie andere Flüchtlinge Alhussein in den Zug trugen, habe er deren Not erkannt und umgehend medizinische Hilfe in Domodossola angefordert.

Drei Jahre fürs Wegschauen

Der Auditor fand gestern scharfe Worte für L.s Verhalten. «Alle Alarmglocken standen auf Rot und alles, was der Angeklagte dachte, war: Die Flüchtlinge müssen schnell raus, um fünf ist hier Schluss.» L. wäre verpflichtet gewesen, die Gefahren für die Frau und das ungeborene Kind zu erkennen und Hilfe anzufordern. «Die Grenzwächter haben in dieser Situation jede Menschlichkeit vermissen lassen», sagte der Auditor und sprach von einer «unverständlichen Gleichgültigkeit» gegenüber dem Schicksal der schwangeren Frau. Er forderte drei Jahre Haft, davon sechs Monate unbedingt.

Alhusseins Verteidigerin schloss sich der Forderung an. Ihre Mandantin sei bis heute traumatisiert. Daran ändere auch die Tatsache nichts, dass sie seit dem Vorfall nochmals zwei Kinder zur Welt gebracht habe. Die Frage nach dem Warum beschäftige alle Betroffenen bis heute. Ihr Verdacht: «Das Kopftuch meiner Mandantin ist der Grund gewesen, wieso L. nicht gehandelt hat.»

L.s Anwalt sieht in seinem Mandanten ein Bauernopfer, das «den Grind hinhalten müsse» für ein grundsätzliches Problem. In der Briger Grenz wache sei die Infrastruktur zum Zeitpunkt des Vorfalls «himmeltraurig» gewesen. Es habe weder eine Tragbahre noch einen Rollstuhl gegeben. Zudem habe den Grenzwächtern die Schulung im Umgang mit Flüchtlingen gefehlt. «Das ist kein Schoggi-Job, sondern eine äusserst schwierige Aufgabe», betonte der Verteidiger. L. habe letztlich das einzig Richtige getan, als er die Rückführung der hochschwangeren Syrerin trotzderen Notlage nicht gestoppt habe. «Der 22-minütige Transport nach Domodossola hat dazu geführt, dass die Frau früher zu einer angemessenen medizinischen Versorgung kam, als das in Brig möglich gewesen wäre», sagte L.s Verteidiger. Sein Mandant sei folgerichtig von allen Vorwürfen freizusprechen.

Heute fällt das Militärappellationsgericht sein Urteil, ausgerechnet an L.s 58. Geburtstag.

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