Berge

Gletscherschwund: Jeder fünften SAC-Hütte wird der Weg abgeschnitten

Stau auf fast 3000 Meter über Meer: Die Konkordiahütte ist nur über eine 150 Meter hohe Treppe erreichbar.

Stau auf fast 3000 Meter über Meer: Die Konkordiahütte ist nur über eine 150 Meter hohe Treppe erreichbar.

Die anhaltenden Temperaturrekorde bereiten dem Schweizerischen Alpenclub Sorgen. Wegen Gletscherschwund könnte ein Fünftel der rund 150 Hütten bald nicht mehr erreichbar sein. Nötig sind Investitionen in Millionenhöhe.

300 000 Übernachtungen verzeichneten die SAC-Hütten im vergangenen Jahr. Zu den am stärksten frequentierten Hütten zählten Cabane des Dix (7531), Monte-Rosa-Hütte (4952) und die Konkordiahütte (7514). Damit könnte im schlechtesten Fall bald Schluss sein. Ausgerechnet jene drei Unterkünfte, die in der Gunst der Bergliebhaber weit oben stehen, plagen grosse Probleme.

«Immer deutlicher bekommen die Hütten die Folgen der Klimaerwärmung zu spüren», sagt Hansruedi Keusen. Der Geologe und Mitglied der Hüttenkommission hat die Zustiege unter die Lupe genommen. Er geht davon aus, dass durch den Gletscherrückgang und den tauenden Permafrost für die Sicherung der Hüttenzustiege in den nächsten beiden Jahrzehnten Investitionen von mehr als 10 Millionen Franken nötig sein werden.

Kunstbauten errichten, Brücken im Winter entfernen

Keusen weist darauf hin, dass insbesondere bei der Forno-, Schreckhorn, Monte-Rosa-, Konkordia- und Lauteraarhütte dringender Handlungsbedarf bestehe. «Bei der Monte-Rosa-Hütte, deren Zustieg eine alpine Route ist, werden fünf neue Wegverläufe diskutiert. Eine Offerte rechnet mit einer Investition von einer Million Franken. Es müssten Kunstbauten errichtet werden.

«Geplant sind Brücken, die im Winter wieder entfernt werden müssen», so Hansruedi Keusen. Auf Hilfe dürfen die Betreiber von der Gemeinde Zermatt und den Bergbahnen hoffen, weil die Hütte mit ihren jährlich mehreren tausend Übernachtungen ein touristisches Magnet ist.

Springt die KWO bei der Lauteraarhütte ein?

Was passiert, wenn der finanzielle Background nicht vorhanden ist, zeigt sich am Beispiel der Lauteraarhütte im Grimselgebiet. Die von der Sektion Zofingen betriebene Hütte gilt mit ihren rund 1000 Übernachtungen als gefährdet.

Der Zustieg erfolgt momentan noch über die Gletscher. «Die Rundkluft ist aber kaum mehr zu überwinden. Daher wird eine Verlegung der Wege geprüft. Auf dem Tisch lag auch ein Vorschlag, unter einer steinschlaggefährdeten Zone zu bauen», erklärt Geologe Keusen. Kostenpunkt: etwa eine halbe Million Franken. Die Sektion Zofingen hat abgewinkt und die Idee nicht weiterverfolgt.

Letzter, rettender Strohhalm dürften die Kraftwerke Oberhasli (KWO) sein. Der Entscheid, ob die KWO sich finanziell beteiligen, hängt wohl davon ab, ob der Stromproduzent die Konzession für die Vergrösserung des Grimselsees erhält.

Sind die Tage der Konkordiahütte gezählt?

«Angesichts der hohen Kosten und der Eingriffe in die Landschaft, stellt sich die Frage, ob es zwingend nötig ist, am Standort einer Hütte festzuhalten», sagt Hansruedi Keusen. Er spricht damit ein Tabu an. Vielleicht kommt man zum Schluss,dass eine Hütte aufgegeben werden muss. Dann nämlich, wenn die Kosten ins Bodenlose steigen und ein alternativer Standort undenkbar sei.

«Ausgerechnet bei der Konkordiahütte könnte dieses Szenario eintreffen», so Keusen. «Die Hütte ist optimal gelegen. In der näheren Umgebung gibt es aufgrund des Steinschlag- und Lawinenrisikos keinen anderen Platz.

Nur: Der Ansturm auf die Hütte ist enorm. Heute steigen gegen 8000 Gäste, die letzten 150 Höhenmeter über eine luftige Treppe auf. Wegen des Gletscherschwundes muss die Treppe jedes Jahr um drei Meter verlängert werden. «Das Eis am Konkordiaplatz ist 700 Meter dick. Irgendwann kommt der Moment, wo eine Erschliessung mit einer Treppe keinen Sinn mehr macht, zumal viele Gäste heute schon Mühe bekunden», hat Hansruedi Keusen festgestellt.

Die Frage nach den Kosten

Eines ist klar: «Der SAC mit seinen Sektion und seinen rund 140'000 Mitglieder kann die Beträge in Millionenhöhe nicht aufwerfen», macht sich Hansruedi Keusen keine Illusionen. Im SAC wurden verschiedene Ideen diskutiert. Etwa einen Wegfonds zu schaffen.

Zur Kasse würde jene Berggänger gebeten, die zu einer der gefährdeten Hütten aufsteigen. Keusen ist sich bewusst, dass es sich bei dieser Variante um einen umstrittenen Vorschlag handelt und eher nicht weiterverfolgt wird. Einfacher scheint der Weg über Staatshilfe. Die rechtliche Grundlage für ein attraktives und sicheres Wandernetz haben das Volk und die Stände 1979 in der Bundesverfassung verankert.

Touristischer Aspekt verstärken

Laut dem Bundesgesetz über Fuss- und Wanderwege müssen die Kantone dafür sorgen, dass die Wanderwege unterhalten und gekennzeichnet werden. Diese Aufgabe haben die Kantone an die Gemeinden delegiert. Ziel des SAC ist es jedenfalls, mit den Gemeinden und Tourismusorganisationen nach Lösungen zu ringen. Jerun Vils, Geschäftsführer des SAC, äussert sich im «Tages-Anzeiger» optimistisch.

«Eine spektakulär gelegener Hüttenzustieg könne ein Magnet und damit eine Säule für den Tourismus und die Region sein. Denn in einem Punkt muss man kein Prophet sein. Die Gletscher werden sich rasend weiter zurückbilden, Landschaftsbild verändern und die Wegbauer vor Probleme stellen. Allein der Aletschgletscher zog sich im vergangenen Jahr um 33 Längenmeter zurück.

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