Sperrstunde
Gastrosuisse-Präsident Platzer ist sauer: «Wir müssen für Symbolpolitik herhalten»

Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer ist nach den Massnahmen, die der Bundesrat am Freitag getroffen hat, sauer. Insbesondere Gesundheitsminister Alain Berset wird scharf kritisiert.

Lucien Fluri
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Der Präsident des Branchenverbandes Gastrosuisse, Casimir Platzer, ist gar nicht glücklich mit den Massnahmen des Bundesrats.

Der Präsident des Branchenverbandes Gastrosuisse, Casimir Platzer, ist gar nicht glücklich mit den Massnahmen des Bundesrats.

Keystone

«Die Auswirkungen sind dramatisch», sagt Casimir Platzer. Der Präsident des Branchenverbandes Gastrosuisse ist gar nicht glücklich mit den Massnahmen, die der Bundesrat am Freitag getroffen hat.
«Der Bundesrat würgt dem Gastgewerbe die Luft ab», sagt Platzer. Die nun getroffenen Massnahmen kämen einem Lockdown gleich. Die Sperrstunde um 19 Uhr verhindere einen Abendservice. Und am Mittag fehle wegen der Homeoffice-Empfehlung die Kundschaft. «Es ist ein Tod auf Raten», so sein Fazit.

Mehr als die Hälfte der Betriebe sei bereits in akuten Schwierigkeiten, sagte Gastrosuisse-Direktor Daniel Borner. Der Umsatz sei Ende Oktober im Vergleich zur Vorjahresperiode um 50 Prozent gesunken. Bereits seien 30'000 Arbeitsplätze verloren gegangen. «Die Lage verschärft sich dramatisch.» Und bis die angekündigte Härtefallregelung – es dürfte Ende Februar werden - greife, sei es zu spät. Gastrosuisse fordert deshalb «rasche und unbürokratische finanzielle Unterstützungen», und zwar in Form von A-fonds-Perdu-Beiträgen. Borner sprach von 600 bis 800 Millionen Franken pro Monat, die nötig seien, um die Umsatzverluste in Gastronomie und Hotellerie auszugleichen. Schon vor den jetzigen Entscheiden hatte der Verband gewarnt, dass zwei von fünf Betrieben nicht überleben könnten.

«Der Bundesrat hatte den Mut nicht, die Restaurants zu schliessen, weil er die finanziellen Folgen nicht tragen will», sagte Platzer. Betroffen sind auch Tausende Mitarbeitende, die in der Tieflohnbranche bei Kurzarbeit nur 80 Prozent des Lohnes erhalten. «Dies geht unter die Haut», sagte gestern Bundesrat Ueli Maurer. Er rief das Parlament auf, hier im Rahmen des Covid-Gesetzes, das in der laufenden Wintersession in den beiden Kammern diskutiert wird, eine Lösung zu erarbeiten.

Harte Kritik an Bundesrat Alain Berset

Gewisse Erfolge erzielten die Gastrobetriebe zwar noch gegenüber den ersten, am Dienstag vorgestellten Plänen des Bundesrates. So dürfen sie am Sonntag geöffnet haben. Und in gewissen Fällen können die Kantone die Restaurants bis 23 Uhr geöffnet lassen. Die Voraussetzung hierfür ist, dass der Reproduktionswert im Kanton während mindestens 7 Tagen unter 1 und die 7-Tages-Inzidenz während mindestens 7 Tagen unter dem Schweizer Schnitt liegt. Zudem müssen im Kanton ausreichende Kapazitäten im Contact-Tracing sowie in der Gesundheitsversorgung vorhanden sein.

Diese Sonderregel bringe aber wenig, sagte Platzer. Denn die vorgeschriebenen Werte könnten täglich ändern. «So können wir nicht arbeiten. Ich weiss wirklich nicht, was der Bundesrat überlegt hat.» Es brauche in der schwierigen Situation dringend Planungssicherheit für den Einkauf, das Personal, die Kunden und die Reservationen.

Kritik liess Platzer insbesondere auf Gesundheitsminister Alain Berset einprasseln. Dieser habe seine «Hausaufgaben zwischen der ersten und der zweiten Welle nicht gemacht.» Weder habe Berset zusätzliche Intensivbetten geschaffen noch das Contact-Tracing im nötigen Rahmen aufgebaut. «Der Gesundheitsminister agiert nur noch sehr unglücklich und reaktiv.» So müsse beim R-Wert mit Zahlen operiert werden, die mehrere Tage alt seien und nicht die tagesaktuelle Lage widerspiegelten.

«Gastgewerbe muss für Symbolpolitik herhalten»

Irritiert ist Platzer auch, weil der Bundesrat die Bemühungen der Kantone nicht honoriere, die Anfang Woche selbst Massnahmen beschlossen haben. «Die kantonalen Entscheide werden nun vom Bundesrat übersteuert.» Dies sei unverständlich. «Jetzt ist das Chaos komplett. Es gibt einen Wildwuchs zwischen kantonalen und Bundesmassnahmen.» Und es werde nicht beachtet, dass das Gastgewerbe gute Schutzkonzepte habe. «Der Bundesrat wollte eigentlich sagen, dass die Leute zuhause bleiben sollen», so Platzer. Dies habe er sich aufgrund der Kostenfolgen nicht getraut. «Das Gastgewerbe muss nun für diese Symbolpolitik herhalten.»

Takeaway-Angebote und Lieferdienste können weiterhin bis 23 Uhr geöffnet sein, wenn kantonale Vorschriften nicht einschränkender sind.