CVP-Fraktionschef

Filippo Lombardi fehlten 45 Stimmen – doch es gab schon knappere Wahlen

20 Jahre lang war Filippo Lombardi Tessiner Ständerat. Bei der sechsten Wahl fehlten ihm aber 45 Stimmen. Immer wieder kommt es bei Wahlen zu sehr knappen Entscheiden. Marco Romano (CVP) wurde 2011 sogar durch das Los Nationalrat.

36'424 Stimmen holte Filippo Lombardi (CVP) am Sonntag. Das reichte aber nicht, um zum sechsten Mal für das Tessin in den Ständerat einzuziehen. Nationalratspräsidentin Marina Carobbio (SP) kam nämlich auf 36'469 Stimmen. 45 Stimmen mehr.

Ständerat und CVP-Fraktionschef Filippo Lombardi fehlten 45 Stimmen zur Wiederwahl.

Ständerat und CVP-Fraktionschef Filippo Lombardi fehlten 45 Stimmen zur Wiederwahl.

«Nach 12 bis 16 Jahren im Parlament beginnt ein negativer Trend», sagt Fulvio Pelli, Ex-FDP-Präsident und Nationalrat von 1995 bis 2014. «Es wird immer schwieriger, gewählt zu werden. Die Leute wollen neue Köpfe.»

Pelli erfuhr das am eigenen Leib. 2011 musste er bis zuletzt um seine Wiederwahl zittern. 58 Stimmen retteten ihn. Noch knapper war es 2011 beim Tessiner Nationalrat Marco Romano (CVP). Er gewann die Wahl gegen Monica Duca Widmer nur dank Losentscheid. Dass drei der knappsten Wahlen der Neuzeit im Tessin stattfanden, sei Zufall: «Jede Wahl hat ihre eigene Geschichte», sagt Pelli.

Diese knappen Wahlen sorgten für Schlagzeilen:

Losentscheid: Marco Romanos (CVP) Glückstag 2011

Marco Borradori, 2011 stellvertretender Regierungspräsident, präsentiert das Los, das er gezogen hat: gewählt ist Marco Romano.

Marco Borradori, 2011 stellvertretender Regierungspräsident, präsentiert das Los, das er gezogen hat: gewählt ist Marco Romano.

23'979: Exakt so viele Stimmen hatten bei den Nationalratswahlen 2011 sowohl Monica Duca Widmer wie Marco Romano (beide CVP). Sie landeten damit gemeinsam auf dem zweiten Platz. Was ein Novum war in der Geschichte der Nationalratswahlen.

Noch am Sonntagabend nahm die Tessiner Staatskanzlei einen Zufallsentscheid per Computer vor. Wie es üblich ist bei Stimmengleichheit von Kandidierenden in Gemeinde- und Kantonswahlen. Den Entscheid kommunizierte die Kanzlei aber erst nach zwei Tagen, weil sie sich zuvor rechtlich absichern wollte.

Marco Romano nahm den Entscheid nicht hin. Er verlangte eine Nachzählung der Stimmen und rekurrierte bis vor Bundesgericht. Dieses ordnete einen neuen Losentscheid an. Er müsse manuell und öffentlich erfolgen, betonte das Bundesgericht. In Anwesenheit der Kandidaten und der Regierung.

Es war Marco Borradori (Lega), der als Glücksfee amtete. Der damalige stellvertretende Regierungspräsident zog in der öffentlichen Sitzung im Saal des Grossen Rates den Namen Romanos aus dem Leinensack.

Romano wurde 2019 als Nationalrat knapp wiedergewählt. Und Monica Duca Widmer, die per Los unterlegene Gegnerin, fand 2019 einen neuen Job: Der Bundesrat wählte sie zur Verwaltungsratspräsidentin der neuen Ruag-Beteiligungsgesellschaft. Sie soll die Neustrukturierung des Unternehmens vorantreiben.

45 Stimmen: Abwahl von Filippo Lombardi (2019)

Filippo Lombardi (links) wird nach der Abwahl vom Präsidenten der FDP Tessin getröstet.

Filippo Lombardi (links) wird nach der Abwahl vom Präsidenten der FDP Tessin getröstet.

Wo er die 45 Stimmen verloren haben könnte, wird sich Ständerat Filippo Lombardi, auch Präsident des HC Ambri-Piotta, mehrmals gefragt haben. Nationalratspräsidentin Marina Carobbio Guscetti sicherte sich ihre Wahl vor allem in den Städten Bellinzona und Locarno.

Das sind Städte, in denen die Ambri-Fans klar dominieren. Hat Ambris linke Curva Sud etwa nicht den Präsidenten des Klubs gewählt? Sondern Carobbio? Fulvio Pelli sieht die Situation anders. «Ambri allein gewinnt nicht bei einer politischen Wahl», sagt er - und fügt hinzu: «Ohne Ambri hätte Lombardi vielleicht deutlich schlechter abgeschnitten.»

Marco Chiesa (SVP) und Marina Carobbio (SP) hätten «viel Lust und Enthusiasmus» ausgestrahlt, um Ständeräte zu werden, sagt Fulvio Pelli. Filippo Lombardi und Giovanni Merlini (FDP) hingegen «nur die Pflicht, um das Amt zu verteidigen».

Ob das nun das Ende seiner langen Karriere sei, wollte SRF von Lombardi wissen. «Das werden wir noch sehen», sagte er. «Ich werde mir Überlegungen machen, ob ich in die Frühpensionierung gehe oder etwas anderes mache. Das wird sich zeigen.»

58 Stimmen: Fulvio Pelli zittert bis zuletzt (2011)

Fulvio Pelli.

Fulvio Pelli.

Fulvio Pelli trat 2011 zur Wiederwahl als Nationalrat an, weil er Präsident der FDP Schweiz war und dies auch bleiben wollte. Dafür musste er aber im Tessin wieder ins Parlament gewählt werden.

Um Haaresbreite wäre das schief gegangen. Pelli musste lange zittern, weil die Stimmlokale von Lugano die Auszählung sehr spät beendeten. Letztlich blieb er dank 58 Stimmen Nationalrat. Er trat dann 2012 als FDP-Präsident und 2014 als Nationalrat zurück.

61 Stimmen: das Wunder von Obwalden (2007)

Es war der Sarner Christoph von Rotz, dem 2007 ein historischer Sieg gelang: Er schaffte als Obwaldner SVP-Vertreter den Einzug in den Nationalrat. Damit war die Mehrheitspartei CVP erstmals seit der Gründung des Bundesstaates nicht mehr mit einem Vertreter aus Obwalden in Bern präsent.

Gleichzeitig errang die SVP auch erstmals in einem Einerwahlkreis der Urschweiz einen Sieg. Von Rotz, damals Fraktionschef der SVP im Obwaldner Kantonsrat, gewann mit hauchdünnem Vorsprung: Er lag 61 Stimmen vor Patrick Imfeld (CVP), dem Zweitplatzierten.

64 Stimmen: Lochers «Churer Wunder» (2019)

Lange schien es bei den Nationalratswahlen 2019 in Graubünden, als ob der Status Quo aufrecht erhalten bliebe. Bis sich «ein kleines Churer Wunder» ereignete, wie es die überraschend gewählte SP-Nationalrätin Sandra Locher Benguerel bei «Watson» formulierte.

Als Chur, die progressive Hochburg, ausgezählt war, wurde klar: Nicht die Grünliberalen profitieren, sondern die Sozialdemokraten. Sie konnten nicht nur den Sitz von Silva Semadeni verteidigen, die zurücktrat. Sie gewannen auch noch einen zweiten Sitz dazu.

Mit 64 Stimmen Vorsprung auf Josias Gasser (GLP) wurde Sandra Locher Benguerel gewählt. Sie profitierte von der Listenverbindung, die SP, Grüne und GLP als Klimaallianz geschlossen hatten.

138 Stimmen: erste Freiburger Ständerätin (2019)

Johanna Gapany.

Johanna Gapany.

Mit gerade mal 138 Stimmen Vorsprung wurde die 31-jährige Johanna Gapany (FDP) erste Ständerätin für den Kanton Freiburg. Sie schlug den amtierenden CVP-Ständerat Beat Vonlanthen im zweiten Wahlgang.

Noch am Sonntag war man von 158 Stimmen Unterschied ausgegangen. Gapany hatte gemäss Angaben der Freiburger Staatskanzlei 31'122 Stimmen erzielt, Vonlanthen 30'964.

Die CVP Freiburg verlangte eine Nachzählung der Stimmen. Die Staatskanzlei überprüfte die Resultate am Montag detailliert und fand zwei bis dahin nicht berücksichtigte Auszählkuverts, die sie in die Berechnungen einbezog. «Die Resultate wurden kontrolliert, korrigiert und für gültig erklärt», sagte dann Danielle Gagnaux-Morel, Leiterin der Staatskanzlei. Eine Nachzählung der Stimmen sehe das Gesetz im Kanton Freiburg nicht vor.

280 Stimmen: Comeback von Roland Fischer (2019)

Roland Fischer.

Roland Fischer.

Roland Fischer (GLP), der Dozent für Public & Nonprofit Management an der Hochschule Luzern, war schon einmal Nationalrat: von 2011 bis 2015. Doch 2015 verlor er sein Mandat aufgrund der GLP-Verluste.

2019 kam Fischer im Kanton Luzern zu einem spektakulären Comeback. Dank der Listenverbindung mit den Grünen und der SP. Der SP fehlten 280 Listenstimmen, um neben Prisca Birrer-Heimo (bisher) einen zweiten Sitz zu ergattern. Es waren Fischer und die GLP, die sich diesen Sitz holten.

Autor

Othmar von Matt

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