Umstritten

Ferien in Nordkorea: Wieso Schweizer Politiker wie Claude Béglé oder Christoph Blocher in die brutale Diktatur reisen

Führt Nordkorea mit eiserner Hand: Kim Jong-un.

Führt Nordkorea mit eiserner Hand: Kim Jong-un.

Wegen begeisterten Tweets über seinen Besuch in Nordkorea steht CVP-Nationalrat Claude Béglé in der Kritik. Er ist indes nicht der erste Schweizer Politiker, der in die stalinistische Diktatur der Kim-Familie reist. So machte auch SVP-Doyen Christoph Blocher schon einmal «Wanderferien in Nordkorea».

Strandferien in Italien? Städtetrip nach London? Mit dem Kreuzfahrtschiff über den Atlantik? Nein, der Waadtländer CVP-Nationalrat und Ex-Post-Präsident Claude Béglé hat sich in diesem Sommer für eine Reise nach Nordkorea entschieden. Und er twittert begeistert über seine Erlebnisse in der brutalen sozialistischen Diktatur: «Die Löhne sind niedrig (CHF 50 pro Monat), aber alles wird vom Staat kostenlos zur Verfügung gestellt: Reis und die wichtigsten Lebensmittel, Unterkunft, Gesundheit, Bildung. Und es funktioniert viel besser, als wir es uns hätten vorstellen können», schrieb er beispielsweise am Samstag.

Das kommt nicht überall gut an: CVP-Nationalrätin Christine Bulliard-Marbach kritisiert Béglés Reiseberichte. Er befinde sich in einem sozialistischen Land mit einem Diktator, der unangemessene Dinge tue, findet sie. «Die Tatsache, dass er sich von so vielen Dingen beeindrucken lässt, überrascht mich sehr», so Bulliard-Marbach gegenüber RTS. Nordkorea ist ein abgeschottetes Land, nicht gerade eine klassische Tourismusdestination, die Anreise nicht ganz einfach. Trotzdem ist Béglé keineswegs der erste Schweizer Politiker, der Nordkorea bereist:

Blocher machte «Wanderferien in Nordkorea»

Alt Bundesrat Christoph Blocher

Alt Bundesrat Christoph Blocher

Im Oktober 2009 weilte alt Bundesrat und SVP-Vordenker Christoph Blocher zusammen mit seiner Frau und der jüngsten Tochter zehn Tage lang in Nordkorea. Seine Eindrücke schilderte er später in der «Weltwoche». Titel des Artikels: «Wanderferien in Nordkorea». Weil das Land nach aussen streng abgeschottet sei, würden sich Urteile, Vorurteile, Geheimnisse und Vermutungen wie ein dichtes Geflecht um dieses weit weg liegende Unbekannte ranken, schrieb Blocher über die Beweggründe für seine Reise. «Was liegt also näher, als dieses Geheimnis selbst zu lüften, einmal hinzugehen und zu schauen, mit eigenen offenen Augen!»

Blocher beschrieb die Hauptstadt Pjongjang in seinem Artikel als «sauber» und die Koreaner als «anständig gekleidet». Das Hotel entspreche «westlichen Standards», habe aber «nur wenige Gäste». Nordkorea sei ein «durch und durch organisiertes Land» mit einer «wohl einzigartigen Monumentendichte», in dem «das Militär dominiert». Der SVP-Vordenker zog auch Parallelen zwischen der Demokratie Schweiz und der Diktatur Nordkorea: «Beide Länder möchten ihre Selbstständigkeit wahren und streben eine sichere Zukunft an.»

Wenig Verständnis zeigte Blocher hingegen für die «realsozialistische und diktatorisch-zentralistisch durchgesetzte Staatsallmacht». Nordkorea sei arm, die Leute müssten untendurch. «Es beelendet, wie Leute – vor allem ausserhalb der Hauptstadt – ihren Lebenskampf bestreiten müssen», so Blocher. Das Land benötige dringend wirtschaftliche Entwicklung. Es sei zu hoffen, dass Nordkorea eine Öffnung hin zur freien Marktwirtschaft schafft. Diese Hoffnung hat sich bisher indes noch nicht erfüllt.

Mit Wasserfallen ins Land des «Geliebten Führers»

FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen.

FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen.

Einige Monate nach Blocher machte sich eine Gruppe bürgerlicher Parlamentarier auf ins Land des «Geliebten Führers» – im Rahmen einer privaten und selber finanzierten Studienreise, wie sie damals betonten. Mit dabei: Christian Wasserfallen (FDP/BE), Walter Müller (FDP/SG), Ulrich Schluer (SVP/ZH) und Walter Glur (SVP/AG). Dabei stand auch der Besuch von zwei Projekten der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit auf dem Programm.

Den Sinn einer solchen Reise erklärte Christian Wasserfallen gegenüber der «Luzerner Zeitung»: «Wir wollen das Land kennenlernen, über das man so viel liest. Natürlich ist uns bewusst, dass wir ein staatlich kontrolliertes Pflichtprogramm absolvieren müssen und vieles vorgeführt wird.» Walter Müller sagte gegenüber dem «St. Galler Tagblatt», dass es bei der Reise vor allem um Horizonterweiterung und um das Knüpfen von Kontakten gegangen sei. Am meisten beeindruckte Müller die «nordkoreanische Tagwache». Laute Marschmusik und politische Parolen holte die Bevölkerung jeweils um sechs Uhr aus den Federn – bevor es im Kollektiv zur Arbeit auf Feldern und Wiesen ging.

Zum Geburtstagsfest nach Nordkorea

Doch nicht nur bürgerliche Politiker zeigten in der Vergangenheit eine Faszination für Nordkorea. Es gab auch immer wieder Besuche von linken Politikern in der sozialistischen Diktatur. Mehrere solcher Reisen schilderte die «NZZ» vor eineinhalb Jahren. 1978 beispielsweise waren internationale Grössen des Weltkommunismus nach Pjongjang gekommen, um den 30. Geburtstag der «demokratischen Volksrepublik» Nordkorea zu feiern. Aus der Schweiz waren Daniel Vischer, damals Sekretär der Progressiven Organisationen der Schweiz (Poch) und später Grüner Nationalrat, sowie Werner Carobbio, damals Nationalrat des Partito Socialista Autonomo und später der SP, dabei.

Mitte der 1980er-Jahre stattete auch der spätere SP-Nationalrat Peter Vollmer dem ostasiatischen Land einen Besuch ab und entdeckte eine Art «anderes Emmental», wie er in der «Weltwoche» schrieb. Er wunderte sich zwar über den Personenkult um den damaligen Herrscher Kim Il Sung, erlebte diesen bei einem Treffen aber als behäbigen älteren Herrn, mit dem es sich herzlich und scherzhaft parlieren lässt. Von der «NZZ» mit diesen Aussagen konfrontiert sagte Vollmer, dass er das heute anders schreiben und mehr Gewicht auf die Menschenrechte legen würde. 2012 reiste er nochmals nach Nordkorea. Sein Fazit: «Die Lage ist prekär, das Land teils deindustrialisiert, eine Öffnung wäre bitter nötig», sagte er gegenüber Swissinfo. Und von einer demokratischen Zivilgesellschaft sei das Land noch weit entfernt.

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