Bezirksgericht Baden

«Fall Anna»: Der Staatsanwalt beantragt eine Strafreduktion für die Grossmutter

Der Staatsanwalt hielt in seinem Plädoyer fest, Martina Hess habe zu keinem Zeitpunkt das Recht gehabt, über Annas Aufenthaltsort zu bestimmen.

Der Staatsanwalt hielt in seinem Plädoyer fest, Martina Hess habe zu keinem Zeitpunkt das Recht gehabt, über Annas Aufenthaltsort zu bestimmen.

Seit Mittwochmorgen läuft der Prozess im «Fall Anna»: Der Staatsanwalt fordert eine zweijährige bedingte Freiheitsstrafe gegen Annas Vater Beni Hess. Für Annas Grossmutter Martina hat er das geforderte Strafmass um vier auf 16 Monate gesenkt – wegen der langen Verfahrensdauer.

Die Geschichte mit dem Drama um Anna (Name geändert) sorgte landesweit für Schlagzeilen. Am Mittwochmorgen hat nun am Bezirksgericht Baden der Prozess begonnen. Staatsanwalt Christoph Decker wirft Beni Hess aus Bremgarten AG vor, seine eigene Tochter dreimal entführt und sie ihrer in Mexiko lebenden Mutter vorenthalten zu haben (wir berichteten). Mitangeklagt ist Annas Grossmutter Martina Hess.

Bei der Befragung stand die mutmassliche Entführung vom Mai 2015 im Vordergrund. Nachdem das Bundesgericht entschieden hatte, die damals neuneinhalbjährige Anna müsse zu ihrer Mutter nach Mexiko zurückgeführt werden, floh Anna mit ihrer Grossmutter nach Südfrankreich. Die französische Polizei beendete die Flucht nach 12 Tagen.

Martina Hess verteidigte ihr Vorgehen. „Es war glasklar, dass Anna nicht mit ihrer Mutter nach Mexiko gehen wollte“, sagt sie. Die Grossmutter wehrte sich gegen den Vorwurf in der Anklageschrift, sie habe gegen das Kindeswohl gehandelt. „Das Bundesgericht hat Anna mit dem Rückführungsentscheid aus ihrem Umfeld gerissen“, sagte sie.

Sie habe sich erhofft, dass nach der Flucht nach Frankreich alle Beteiligten zum Schluss kämen, dass Annas Verbleib in der Schweiz die beste Lösung wäre. Sie habe nicht ihren Willen, sondern jenen von Anna durchgesetzt. Es sei nie eine Option gewesen, für längere Zeit unterzutauchen.

Staatsanwalt sieht egoistische Motive

Staatsanwalt Christoph Decker hielt in seinem Plädoyer fest, Martina Hess habe zu keinem Zeitpunkt das Recht gehabt, über Annas Aufenthaltsort zu bestimmen. Sie habe sich nie reuig gezeigt und sei unbelehrbar. In einem abgehörten Telefongespräch hätten die Strafverfolgungsbehörden mitverfolgt, wie Martina Hess ihrem Sohn angeraten habe, Anna gegen ihre Mutter aufzuhetzen.

Für Staatsanwalt Decker handelte Martina Hess aus egoistischen Motiven mit dem Ziel, Annas Verbleib in der Schweiz durchzusetzen trotz gegenteiligem Entscheid des Bundesgerichts. Ihr Vergehen taxierte er als mittelschwer. Decker beantragte eine bedingte Freiheitsstrafe von 16 Monaten wegen Entführung und Entziehens von Minderjährigen. Wegen der langen Verfahrensdauer reduzierte er das geforderte Strafmass im Vergleich zur Anklageschrift um vier Monate.

Für Beni Hess verlangte Decker eine bedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren, die dazugehörige Busse solle das Gericht in seinem Ermessen verhängen. Annas Vater wird mehrfache Entführung, Entziehen von Minderjährigen und versuchte Nötigung vorgeworfen. Beni Hess verneinte, bei der Planung und Durchführung von Annas Flucht nach Frankreich aktiv beteiligt gewesen zu sein. Er habe Annas Mutter auch sicher nie gedroht, sie sehe ihre Tochter nie mehr, wenn sie sich weigere, eine Vereinbarung über Annas Verbleib in der Schweiz zu unterschreiben.

Hess erklärte, weshalb er sich entschied, die damals 8-jährige Anna 2014 nach einem dreimonatigen Schweizaufenthalt mit Schulbesuch nicht wie vereinbart zu ihrer Mutter nach Mexiko zurückschicken. Zum einen habe er Bedenken gehegt wegen der hohen Kriminalität in Mexiko, zum anderen habe sich Anna gut in der Schweiz eingelebt. Er habe mit der Kindsmutter schon immer abgemacht, dass Anna die Schule in der Schweiz besuchen würde. Er habe dieses Vorgehen nur um ein Jahr vorgezogen.

Staatsanwalt Decker warf Hess vor, der dreimonatige Schulaufenthalt sei nur ein Vorwand gewesen, um sich mit Anna dauerhaft in der Schweiz niederzulassen. Er habe sie schon für das ganze kommende Schuljahr in der Schweiz angemeldet, bevor er mit ihr Mexiko verlassen habe. Anna sei ihrem egoistisch gesinnten Vater ausgeliefert gewesen, ein 8-jähriges Mädchen könne nicht selbstständig nach Mexiko zurückreisen.

Beni Hess habe die Kindesmutter besiegen und fertig machen wollen. Er habe nie das Recht gehabt, alleine über den Aufenthaltsort seiner Tochter zu bestimmen. Hess habe sich als uneinsichtig und unbelehrbar erwiesen. Anfang 2018 habe er in Mexiko erneut gegen den Willen der Mutter mit Anna ein Flugzeug bestiegen und sie in die Schweiz entführt. Decker sprach von einem mittelschweren Vergehen.

Hess hofft, dass die Geschichte mit dem Prozess abgeschlossen werden kann und Anna auch mit ihrer Mutter die Zukunft positiv gestalten könne.

Beni Hess reiste 2015 wieder nach Mexiko, nachdem Anna zurückgeführt worden war. Anna äusserte während Jahren immer wieder den Wunsch, mit ihrem Vater in der Schweiz zu leben – auch wegen der grassierenden Kriminalität in Mexiko. Das Bundesgericht trug ihrem konstant geäusserten Willen Rechnung und ordnete anders als 2015 nicht mehr die Rückführung nach Mexiko an.

Anna hat mittlerweile ein Alter erreicht, das es laut Rechtsprechung erlaubt, von einem autonom gebildeten Willen auszugehen. Auf zivilrechtlicher Ebene ist der Fall damit zugunsten von Anna und ihrem Vater entschieden. Für das strafrechtliche Verfahren hat dies jedoch keinen Einfluss. Es ist auch unerheblich, ob sie quasi „entführt“ werden wollte oder nicht. Ein Kind unter 16 Jahren kann nicht selber bestimmen, wo es wohnen darf.

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