Ukraine-Krise
Ex-Geisel kritisiert Aussenminister:«Der beste Schutz ist die Öffentlichkeit»

Simon Gerber wurde während der Balkankriege selbst als Geisel genommen. Heute kritisiert er die Informationspolitik des Bundes zu den verschleppten OSZE-Mitarbeitern. Der Gang an die Öffentlichkeit sei der wirksamste Schutz für Geiseln.

Antonio Fumagalli
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Simon Gerber (57) war 1995 während über eines Monats in der Gewalt von serbischen Soldaten – ein traumatisches Erlebnis. Jiri Reiner

Simon Gerber (57) war 1995 während über eines Monats in der Gewalt von serbischen Soldaten – ein traumatisches Erlebnis. Jiri Reiner

Herr Gerber, Ende Mai wurden mehrere OSZE-Mitarbeiter – darunter ein Schweizer – in der Ostukraine verschleppt. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie davon erfuhren?

Simon Gerber: Es rief in mir natürlich die schrecklichen Erinnerungen an meine eigene Geiselhaft hervor – auch wenn diese nun schon fast zwanzig Jahre her ist. Ich versuchte mir vorzustellen, wie sich die Verschleppten fühlen. Auch wenn einem im Vorfeld die Risiken einer Mission bewusst sind, kann man solch eine Situation ja unmöglich simulieren. Da reagiert jeder anders.

Aussenminister und OSZE-Vorsitzender Didier Burkhalter sagte diese Woche, dass man mit den Geiselnehmern in Kontakt sei. Mehr wollte er aber nicht preisgeben. Weshalb?

Simon Gerber

Während der Balkankriege reiste Simon Gerber, damaliger Leiter der «Kulturbrücke Schweiz-Sarajevo» mehrfach in die Krisenregion, um sich mit lokalen Kulturschaffenden auszutauschen. Gravierende Zwischenfälle gab es nicht - bis zum 2. April 1995: Serbische Soldaten nahmen Gerber und die Übersetzerin Marija Wernle-Matic an einem Checkpoint fest und inhaftierten sie unter einem Vorwand. Nach 34 Tagen und mithilfe der serbisch-orthodoxen Kirche kamen sie frei. Die Hintergründe der Entführung und der Befreiung kennen sie bis heute nicht - das Bundesgericht hat ihnen den Einblick in die komplette Akte aufgrund höher zu gewichtender Interessen des Staates verweigert. (fum)

Das müssen Sie erklären.

Der beste Schutz für Geiseln ist es, so viel öffentliche Aufmerksamkeit wie möglich zu haben. Je mehr Druck auf die Geiselnehmer ausgeübt wird, auch über die Medien, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich auf die Verhandlungen einlassen und die Festgehaltenen schliesslich freilassen. Da kann es nur schon helfen, wenn die Behörden die Identität der Geiseln bekannt geben.

Wenn dem so ist, weshalb gehen nicht einfach die Angehörigen der Verschleppten an die Öffentlichkeit?

Man muss davon ausgehen, dass das Umfeld unter Druck gesetzt wird, damit es sich nicht äussert – in meinem Fall war dies auf jeden Fall so. Viele Angehörige neigen in so einer Notsituation dazu, einer starken Stimme zu glauben. Zum Glück war meine Familie damals beratungsresistent.

Kann zusätzlicher öffentlicher Druck nicht auch den Effekt haben, dass die Geiselnehmer den Kopf verlieren und in einer Kurzschlusshandlung gar das Leben der Festgehaltenen in Gefahr bringen?

Wenn die Gruppierung eine politische Agenda hat – wovon ich im vorliegenden Fall ausgehe –, glaube ich dies nicht. Auch die Geiselnehmer müssen auf ihr Image achten.

Im Hintergrund wird verhandelt. Was läuft da genau ab?

Im konkreten Fall kann ich dies natürlich nicht sagen. Klar ist, die Schweiz ist einem mannigfaltigen Geflecht von Interessen ausgesetzt. Dass sie derzeit den OSZE-Vorsitz innehat, macht die Sache nicht einfacher. Es ist durchaus möglich, dass die Schweiz auf die Befindlichkeiten Russlands Rücksicht nehmen muss.

Die Schweiz opfert also gewissermassen ihre Geisel aus wirtschaftlichem Interesse?

So extrem kann man das nicht sagen und ich bin sicher, dass die Schweiz die Geiseln freibekommen will. Es ist nur naiv, zu glauben, dass die Interessen des Staates und der Geiseln in jedem Fall deckungsgleich sind. Indem die Behörden nur bedingt informieren, grenzen sie sich den Spielraum nicht ein. Denn vergessen wir nicht: Je mehr man der Öffentlichkeit preisgibt, desto mehr Rechenschaft ist man schuldig.

Sie wurden in einem anderen Land, in einer anderen Epoche und unter anderen Umständen verschleppt. Machen Sie es sich mit Ihrer Kritik am Vorgehen des Aussenministeriums nicht etwas einfach?

Natürlich ist kein Fall gleich. Ich bin aber überzeugt, dass es gewisse Konstanten gibt – und eine davon ist der Druck, den es für eine schnelle Lösung braucht. Ich bin sicher, dass ich damals ohne öffentliche Diskussion weit länger in Geiselhaft geblieben wäre.

Sprechen wir über Ihren Fall, Sie wurden 1995 in Sarajevo verschleppt. Was war der schlimmste Moment?

Am meisten Angst hatte ich, als die Geiselnehmer meinen Computer durchsuchten und bemerkten, dass wir unter anderem auch über Kriegsverbrechen, die auf das Konto ihrer Soldatenkollegen gingen, recherchierten. Man drohte mir mehrfach, dass man mich umbringen werde. Dass am gleichen Checkpoint, wo wir verschleppt wurden, kurz zuvor ein hoher bosnischer Politiker erschossen wurde, half natürlich nicht zur Beruhigung. Schlimm waren auch die hygienischen Bedingungen, diesen Geruch werde ich nie mehr vergessen.

Gab es auch Lichtblicke?

Ja, einige. Wir waren in einer Art Gefängnis und wurden immer wieder verhört. Da die Geiselnehmer keinen Übersetzer hatten, musste meine Kollegin, die der Sprache mächtig war, dies manchmal übernehmen. Das war absurd und lustig zugleich. Wir merkten auch schnell, mit welchen Aufsehern man einigermassen normal kommunizieren konnte. Auf diesem Weg erfuhren wir nach etwa 20 Tagen, dass unsere Befreiung nahte.

Ist Geld geflossen?

Ich hörte später, dass das IKRK humanitäres Hilfsmaterial im Umfang von rund 200 000 Franken als Gegenleistung lieferte – beweisen kann ich das aber nicht. Das Bundesgericht hat unser Begehren, Einblick in alle Akten zu erhalten, abgelehnt. Das hat mich in meiner Annahme nur noch bestärkt, dass die Behörden damals auch Schritte unternahmen, die uns Geiseln nicht nützten.

Was glauben Sie, wann kommt die Schweizer Geisel in der Ostukraine frei?

Das ist unmöglich zu sagen. Klar ist: Der Fall hängt direkt mit der weiteren Entwicklung der Krise zusammen. Ich hoffe, dass es wie damals bei uns auch plötzlich schnell geht – und das können die Behörden beeinflussen, indem sie Licht ins Dunkel bringen.

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