Genmanipulation

Ethikkommissions-Chefin erklärt: Was wir anders machen als die Briten

Die neue Präsidentin der Nationalen Ethikkommission Andrea Büchler erklärt, was in der Schweiz anders läuft als in England.

Die neue Präsidentin der Nationalen Ethikkommission Andrea Büchler erklärt, was in der Schweiz anders läuft als in England.

Wäre das Vorgehen der Briten in der Schweiz denkbar? Die neue Präsidentin der Nationalen Ethikkommission und Rechtsprofessorin Andrea Büchler erklärt, warum nicht.

Die Briten legen in der Fortpflanzungsmedizin einen Zacken zu und erlauben die Forschung mit genmanipulierten Embryos. Was in der Schweiz verboten und schlicht undenkbar ist, steht in Grossbritannien in einer bestimmten Tradition. Das sagt die Zürcher Rechtsprofessorin Andrea Büchler, die seit wenigen Wochen Präsidentin der Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin (NEK) ist. «In England werden diese Fragen anders diskutiert als bei uns», so Büchler zur «Nordwestschweiz».

In der Schweiz sind Genmanipulationen an Embryos oder sogenannte Keimbahneingriffe verboten. Und die Forschung an Embryos ist nur unter engen Rahmenbedingungen möglich. Ganz anders in Grossbritannien: «Der gestern gefällte Entscheid hat mich nicht überrascht. Er steht in einer ähnlichen Tradition wie Leihmutterschaft oder die Mitochondrien-Spende, die erst letztes Jahr erlaubt worden ist», so Büchler. Bei Letzterer geht es darum, defekte Mitochondrien einer werdenden Mutter mit funktionierenden zu ersetzen, die einer anderen Frau entnommen worden sind (Mitochondrien werden auch als «Kraftwerke» der Zellen bezeichnet). Letztlich geht es laut Büchler in England darum, in der Fortpflanzungsmedizin bessere Resultate zu erzielen. Oder anders ausgedrückt: einem Paar ein gesundes Kind zu ermöglichen.

Schweiz bewegt sich

Gemäss Büchler haben die Briten ein anderes Verständnis von Ethik: «Sie stellen vor allem die Bedürfnisse und den Nutzen ins Zentrum ihrer Überlegungen, wogegen wir einen werteethischen Diskurs führen.» Für die Briten ist also gut, was jemandem nützt, für die Schweiz und auch den Rest Kontinentaleuropas stehen eher die Risiken und das Missbrauchspotenzial im Vordergrund.

Genome Editing with CRISPR-Cas9

Genmanipulation an Embryos

Grossbritannien erlaubt zu Forschungswecken erstmals die Genmanipulation an Embryos. Die Zulassung betrifft die sogenannte CRISPR/Cas9-Methode, die es erlaubt, Gene im Erbgut gezielt auszuschalten. Das Video zeigt, wie die Genmanipulation genau funktioniert.

Nachdem das Schweizer Stimmvolk im Sommer die Verfassungsänderung zur Präimplantationsdiagnostik (PID) angenommen hat, stimmen wir diesen Sommer wegen des ergriffenen Referendums zum neuen Fortpflanzungsmedizingesetz erneut über das Thema ab. Sagt das Volk Ja, können bei einer künstlichen Befruchtung Embryos auf Gen-Defekte überprüft werden. Es werden mehr befruchtete Eier benötigt, als bei der Mutter eingepflanzt werden können. An diesem Punkt setzen die Briten nun an: Nur überzählige Embryos sollen für die Forschung genmanipuliert werden können. Die Schaffung von Embryonen zu Forschungszwecken ist und bleibt auch in Grossbritannien verboten.

Die Mehrheit der NEK, der Büchler vorsteht, hält PID für vertretbar. «Jedoch nur unter bestimmten Voraussetzungen und in erster Linie weil es das Leiden erblich schwer belasteter Paare lindern und ihnen die Erfüllung des Kinderwunsches ermöglichen kann», wie sie präzisiert. Kommt PID durch, hat sich die Schweiz ein wenig in Richtung Ethik des Nützlichen bewegt. Auch ohne die Forschung an genmanipulierten Embryos erlaubt zu haben.

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