Bahngeschichte
«Es kann schon zugehen wie im Wilden Westen»

Vorbild und Modell – Gewöhnlich werden Bahnhöfe im Kleinen nachgebildet. Einer aber wurde mit Blick aufs Modell gerettet.

Max Dohner
Drucken
Teilen
Nicht sein erster Triumph, aber wohl sein grösster: Daniel Ammann mit seinem Nachbau des Bahnhofs Wildegg.Annika Bütschi

Nicht sein erster Triumph, aber wohl sein grösster: Daniel Ammann mit seinem Nachbau des Bahnhofs Wildegg.Annika Bütschi

Ist das Leben ungenau? Spontan würde man sagen: Ziemlich ungenau. Noch ohne zu wissen, ungenau in Bezug auf was? In Bezug zur Realität?

Eisenbahnfans und Modellbahner haben einen genauen Bezug zur Realität. Modellbahner nennen sie «Vorbild». Die Bahn ist nur ein Aspekt der Realität, das wissen sie. Aber ein geradezu universaler Aspekt. Das «Vorbild» hat den Massstab 1:1. Den kann man verkleinern und das «Vorbild» so auf ein Modell übertragen. Ist das Spiel, Glück oder Befreiung? Wenn man die Welt verkleinern kann?

I. Ultras spielen nicht

Modellfreiheit in Bezug auf das «Vorbild» gibts kaum. Das Spielerische mag am Anfang stehen, hört aber bald auf. Weil es Freiheit eigentlich nicht geben darf. Nicht für Ultras. Nicht für Puristen. Nicht für Proto- oder Hardcore-Modellbahner. Allenfalls für Kinder, seien die klein oder erwachsen. Die Modellfreiheit besteht nur so lange, wie man sich unschlüssig ist über den Massstab. Hat man den mal festgelegt, ist der Auftrag klar: «Vorbildtreue!»

«Vorbildtreue» ist schiere lustvolle Verdammnis: jahrelange, oft lebenslange Chnifelibüez. Nichts für die, die bloss spielen mit der Modellbahn. Etwas für «Profis», also solche, die das Spiel weitertreiben: zur «Arbeit» oder zum «Werk». Das ist nach wie vor nicht das reale Leben, mag sein, immerhin aber eines: massstabgetreu.

Nun gibt es tausendundeine Geschichten von Modellbahnern und ihrer Kunst und Mühe ums «Vorbild». Geschichten verborgenen Büsser- und Märtyrertums. Anekdoten von kleinen Triumphen und grossen Flüchen, vom namenlosen Scheitern und stillen Vollenden im Estrich oder Keller. Vom täglich-nächtlichen Ringen um die Frage: Wie nahe kommt ein Modellbahner dem «Vorbild»? Welche «Kompromisse» muss der Kompromisslose schliessen? Eines aber ist allen Geschichten gemeinsam: Sie laufen nur in einer Richtung: vom «Vorbild» zum Modell.

Jetzt hat sich das mal geändert.

Für einmal wurde ein Modell im Massstab 1:87 beigezogen, um am «Vorbild» im Massstab 1:1 zu bauen. Ja, um das «Vorbild» recht eigentlich zu retten. Eine Sensation ist das ausserhalb der Szene nicht geworden und wurde innerhalb der Szene mit dem üblichen Respekt unter Profis gewürdigt. Trotzdem war das ein bisschen so, wie wenn die Strömung eines Flusses umgedreht würde.

II. Das «hohe Tier der SBB»

Das Modell zeigt einen Bahnhof nach seinem Ursprungszustand. Dieses Modell wurde besichtigt, um nachzuprüfen, wie weit man richtig lag, um das vergammelte Original in den alten Zustand zu versetzen, zu renovieren. So, dass es seine historische Erscheinung wieder erlangte. Oder «seine Würde», wie es der verantwortliche Sanierer sagt.

Das Modell hatte Daniel Ammann gebaut. «Vorbild» war der Bahnhof Wildegg AG im Zustand von 1858. Ammann baute ihn nach im Massstab H0 (gesprochen: Ha-Null), 1:87. Und dann ging es eben auch mal in die andere Richtung – unseres Wissens zum ersten Mal: vom kleinen Bahnhof zum grossen. Das «Vorbild» profitierte vom Modell. Deshalb erzählen wir hier die Geschichte eines Modellbahners auch mal ausführlicher als gewöhnlich.

Der Bahnhof Wildegg war einst ein Knotenpunkt der NOB gewesen, mit Umsteigemöglichkeit zur Seetalbahn. Später der umschlagstärkste Bahnhof der Schweiz (wegen der Zementindustrie). Hier war die Seetalbahn früher elektrifiziert als die SBB. Englische Investoren wollten von hier aus die internationale Route über Hochdorf LU und Gotthard nach Süden legen. Und jetzt sollte, zusammen mit dem Bahnhof, diese ganze Geschichte verschwinden?

Daniel Ammann ist ein Liebhaber der Seetalbahn seit Kindsbeinen. Und mittlerweile wohl ihr bester Kenner. Was immer zur Seetalbahn gehört – er sammelte, archivierte, fotografierte – und baute. Den Bahnhof Seon zum Beispiel, den Bahnhof Lenzburg-Stadt. Und Wildegg.

Gelegentlich stellte Ammann die Modelle aus. «Immer ein Amoklauf», sagt er, wegen Beschädigungen: «Bis heute ist zum Glück nichts passiert.» Aber er hört auf: Die Ausstellung des Bahnhofmodells auf dem Areal des «Vorbilds» soll seine letzte Ausstellung werden (nächstes Wochenende, im alten Wärterstellwerk Wildegg).

An einer Ausstellung ist «einem hohen Tier der SBB» das Modell des Bahnhofs Wildegg aufgefallen, sagt Ammann. Es meldete sich die Fachstelle für Denkmalschutzfragen der SBB und bat um Pläne, Unterlagen, alte Bilder. Die Fachstelle will in der Schweiz rund zwei Dutzend alte Bahnhöfe erhalten, so weit finanziell tragbar, möglichst im Ursprungszustand.

Wildegg kam infrage. Und so fuhr hier dann nicht der Kran mit der Abrissbirne auf, sondern es kamen Spezialisten, um den Bahnhof zu restaurieren. Ein später Triumph des Modellbauers Daniel Ammann. Nicht sein erster, aber sein grösster.

III. Schwimmende Akten

Toni Häfliger ist heute pensioniert. Der Mann aus Stans war der Leiter der Fachstelle für Denkmalschutzfragen der SBB, als der Bahnhof Wildegg restauriert wurde, eines von Häfligers letzten Projekten. «Wir nutzten», sagt er, «Ammanns Modell und seine alten Fotos durchaus als Quelle.

Es ging tatsächlich darum, den Bahnhof ins Programm der Erhaltungen zu bringen. Dafür notwendig war eine Analyse der Bausubstanz. Hierbei sahen wir, wie gut Ammanns Modell mit unseren Untersuchungen übereinstimmte, zum Beispiel bei der Farbgebung. Die ganze Sache war kostspielig, das Geld dafür nicht einfach aufzutreiben. Der Bahnhof hat jetzt aber wieder seine alte Seele bekommen.»

Ammanns Modell sei «ein Anfang gewesen, nicht die Richtschnur», sagt Häfliger. Das deutet auf eine Parallelaktion – SBB und Modellbauer –, nicht auf eine chronologische Abfolge der beiden Werke, wie es Ammann schildert.

Vielleicht kostet es die SBB einfach etwas Mühe, einzuräumen, sich mit ihrem «Vorbild» nach einem Modell gerichtet zu haben. Fest steht, dass die Leute von den SBB staunten, wie gut Ammann dokumentiert war. Das klingt etwas, als hätte er bessere Unterlagen gefunden, als sie selber hatten.

Ammann erzählt, er habe manchmal Akten retten müssen (in Lenzburg), die in überschwemmten Kellern schwammen. Er griff aber auch zum Messband und mass an Ort und Stelle alles peinlich genau nach. Ammann bezeichnet sich als «Puristen», bezogen auf seine Gebäude. Bei Loks und Wagen stützt er sich auf Industrieprodukte, allerdings fein detaillierte, also teure. Umgerechnet sind Ammanns Bahnhöfe nun alle genau so gross wie in Wirklichkeit.

IV. Zwei Zehntelmillimeter

«Es war schon schön», sagt Daniel Ammann, «als ich einen Güterwagen an die Modellrampe stellte. Der Abstand zur Rampe stimmte, umgerechnet, haargenau überein. Auf den Zehntelmillimeter.» So viel Genauigkeit aber genügt nicht allen – Ammann nennt sie «die Wahnsinnigen».

So einer habe mal, an einer Ausstellung, Ammanns Rangiergleis ausgemessen und nachgerechnet. «Falsche Länge», bemerkte er, «um zwei Zehntelmillimeter.» Ammann sah den Kritiker stumm an. Die Fasson verliere er eigentlich nie, sagt er, unter «Wahnsinnigen».

Genauigkeit im Modellbau strebt er zwar an, mit Lupe, mit einer ruhigen Hand, die Ammann auch bei seinem Beruf (Offset-Drucker) dient. Aber er könne auch wieder Distanz gewinnen. Nur einmal habe er sich gründlich geärgert.

Ein Besucher blickte auf Ammanns Bahnhof und schüttelte den Kopf: «Falsch, kreuzfalsch.» Ammann sagte, er könne ihm Pläne zeigen, alles stimme. «Kreuzfalsch», wiederholte der Mann stur. Es gibt Perfektionisten. Eine andere Sorte aber sind offenbar die Unbelehrbaren.

V. Der Kampf um die Barriere

Bahnfans sind eine spezielle Sorte. An sich meist unauffällige Leute, fällt das dann ins Gewicht, wenn irgendwo etwas Altes von der Bahn zu holen oder «zu retten» ist.

Ammann redet von einer Dreiwegweiche – «die letzte in Europa» – die man in Lenzburg gesichert habe.

Dann von einer alten Barriere, um die es zu ganz früher Morgenstunde ein regelrechtes Gerangel zwischen Fans, Polizei und politischen Behörden gegeben habe, nur Minuten, nachdem sie von den SBB aufgegeben wurde. «Das ging zu und her wie im Wilden Westen», erinnert sich Ammann.

Die Barriere steht heute in seinem Garten, wie auch ein Bahnhofsbrunnen, auf den Ammann viele Jahre ein Auge geworfen hatte.

Immer mehr Anekdoten rollen ab, eine eigentliche Saga pasionada des Bahnvirus. Ammann erzählt von einem «Wahnsinnigen», der nachts ein stillgelegtes Gleis von allem Strauchwerk befreit habe und dann mit einer Lok darauf runtertuckerte, mitten durch die Stadt.

Ammann musste mit einer Flagge winken, um verblüffte Autofahrer zu warnen. Die Leute stürzten an die Fenster der umliegenden Häuser. Das zu erwartende Rösslispiel erschien mit Sirene. Der «Wahnsinnige» liess sich lächelnd stoppen, büssen und vernehmen – nicht unbedingt frei, aber glücklich.

Aktuelle Nachrichten