nachruf
Er war Blochers grosser Gegenspieler in der EWR-Schlacht: Spitzendiplomat Franz Blankart ist tot

Gescheit, gescheiter, gescheitert. So bringt Politikwissenschafter und Historiker Claude Longchamp das Wesen und Wirken des verstorbenen ehemaligen Staatssekretärs Franz Blankart auf den Punkt. Ein Nachruf.

Claude Longchamp
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SVP-Tribun Christoph Blocher (l.) und Franz Blankart 1992, im Jahr der Abstimmung über den Europäischen Wirtschaftsraum EWR. Blankart hatte diesen Vertrag für die Schweiz verhandelt.

SVP-Tribun Christoph Blocher (l.) und Franz Blankart 1992, im Jahr der Abstimmung über den Europäischen Wirtschaftsraum EWR. Blankart hatte diesen Vertrag für die Schweiz verhandelt.

Ullstein Bild Dtl. / ullstein bild

Der Philosoph

Eigentlich war Franz A. Blankart ein weiser Philosoph. Er kannte auf noch so viele Fragen noch so überraschende Antworten. Das machte ihn bewundernswert.

Zudem war Blankart belesen wie kaum einer. Er debattierte stets mit Brillanz. Aber er war auch eitel, je länger desto mehr.

Das Studium der Philosophie schloss er 1964 in seiner Heimatstadt Basel bei Karl Jaspers ab. Zehn Jahre später wurde er Dozent an der Uni Genf. Seine akademische Laufbahn beendete er 2002 als ausserordentlicher Professor am renommierten Institut universitaire de hautes études internationales.

Das historische Vorbild

1992 hatte ich das Glück, die herausragende Persönlichkeit an einer Bruchlinie der Zeitgeschichte begleiten zu dürfen.

Ein wenig kam mir Blankart stets wie Ignaz P.V. Troxler vor, dem praktischen Philosophen aus Aarau. Der hatte 1815 die Schweiz am Wiener Kongress vertreten, und 1848 massgeblich geholfen, den Bundesstaat mit Volk und Ständen aus der Taufe heben. Beide, Troxler und Blankart, waren ihrer Zeit weit voraus.

Troxler hatte begriffen, dass sich Europa nach dem Untergang Napoleons veränderte. Man brauchte feste Grenzen und eine neue Staatsform zwischen Staatenbund und Nationalstaat.

Blankart wiederum sah, wie sich die nationalen Märkte im Sog der Globalisierung veränderten. Der Binnenmarkt mit durchlässigen Grenzen für Waren und Personen das Gebot der Stunde.

Blankart, der überzeugten Europäer, warb für den Zwischenweg aus europäischer Isolation und EU-Beitritt.

Der geborene Staatsdiener

Franz Blankart war zeitlebens ein geborener Diener des Schweizer Staates. Das FDP-Mitglied war zuerst Privatsekretär den beiden SP-Bundesräte Willy Spühler und Pierre Graber. Dann avancierte er zum engen Mitarbeiter von Staatssekretär Paul Jolles, der 1972 das Freihandelsabkommen der Schweiz mit der EU vorbereitete. Schliesslich wurde 1986 selber Staatssekretär, eng an der Seit von Bundesrat Kurt Furgler (CVP).

Der Diplomat Franz Blankart, links, uebernimmt am 3. November 1986 das Bundesamt fuer Aussenwirtschaft BAWI von seinem Vorgaenger Cornelio Sommaruga, 2.v. rechts. Bundesrat Kurt Furgler, 2.v. links, gratuliert.

Der Diplomat Franz Blankart, links, uebernimmt am 3. November 1986 das Bundesamt fuer Aussenwirtschaft BAWI von seinem Vorgaenger Cornelio Sommaruga, 2.v. rechts. Bundesrat Kurt Furgler, 2.v. links, gratuliert.

Str / KEYSTONE

Selbst im Kriegsfall hätte der Oberst der Schweizer Armee als Adjudant des Generals die Rolle des Denkers und Strategen im Hintergrund einnehmen sollen.

Die grosse Mission

Einmal wollte der ewige Staatsdiener selber im Zentrum stehen! Keiner hatte die EWR-Verhandlungen zwischen der Schweiz und der Europäischen Gemeinschaft (heute EU) so geprägt wie Franz Blankart.

Wäre es nach dem Chefunterhändler gegangen, hätte die Schweiz die einmalige Chance nutzen müssen. Neu begründet hätte sie eine veränderte, aber dauerhafte Position im europäischen Konzert finden sollen.

Man weiss es, daraus wurde nichts. Zwar war das Volks-Nein knapp, das Ständemehr aber umso deutlicher. Troxler aus der Staatsgründungszeit liess grüssen.

Der Abstimmungskampf eskaliert

So unendlich viel Blankart auch wusste und konnte, eines verstand er nie: die Schweizer Demokratie mit ihren Volksrechten.

Trat der Chefunterhändler im Abstimmungskampf auf, sprach er bisweilen hochdeutsch – genauso wie in gelehrten Seminaren. Nur war das vor einem Publikum, das ihn nicht bewunderte, sondern offen rebellierte.

Solche Auftritte trugen dem Karrierediplomaten den bleibenden Ruf ein, elitär zu sein. Der gelernte Kavallerist wirkte wie ein Grand Seigneur aus vergangenen Zeiten.

Franz Blankart vor dem Abflug zur Parafierung des EWR-Vertrages nach Brüssel, vor einer Crossair-Maschine.

Franz Blankart vor dem Abflug zur Parafierung des EWR-Vertrages nach Brüssel, vor einer Crossair-Maschine.

Edi Engeler / KEYSTONE

Die wechselseitigen Vorwürfe

Der gekränkte Blankart überwand die grösste Niederlage seines Lebens nie. Er hatte dauerhaft mit dem Vorwurf zu kämpfen, die Niederlage befördert zu haben. Im Gegenzug beschuldigte er seine ehemaligen Vorgesetzten, mit dem angekündigten EWR-Beitritt das Geschirr zerschlagen zu haben.

So erfolgreich alles bisherigen Paarungen mit Franz Blankart gewesen waren, er und FDP-Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz harmonierten nicht.

Seine Karriere als Spitzendiplomat endete, als der Bundesrat Jakob Kellenberger zum neuen Chefunterhändler mit der EU berief.

Blankart (.) mit seinem späteren Nachfolger Jakob Kellenberger im Bundeshaus (1992).

Blankart (.) mit seinem späteren Nachfolger Jakob Kellenberger im Bundeshaus (1992).

Michael Stahl / MICHAEL STAHL

Der vorzeitige Abgang

62-jährig verliess Blankart den Staatsdienst vorzeitig, um sich anderen Leidenschaften wie der Vermögensverwaltung in der familieneigenen Firma zu widmen. Und er pflegte das Mäzenatentum der Kunst. Seine Bewunderung für das grazile Ballett im hohen Alter wurde sprichwörtlich.

Nun bleibt ihm die Harmonie des Himmels.

Autor Claude Longchamp hatte 1992 als Leiter von gfs.bern beim Integrationsbüro von EDA/EVD ein Beratungsmandat für die EWR Abstimmung.