Bildung
Einzelne Kantone verschieben den Schulstart – und doch ist für alle klar: Schweizer Schulen sollen offen bleiben

Die Kantone sehen derzeit keinen Anlass, nach den Weihnachtsferien generell auf Fernunterricht umzustellen. Sogar ein Mitglied der Taskforce äussert sich gegen eine Schulschliessung.

, Niklaus Salzmann
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Kinder sollen, wie hier in Basel, weiterhin zur Schule gehen können.

Kinder sollen, wie hier in Basel, weiterhin zur Schule gehen können.

Keystone

Die Festtage, während derer sich die Zahl der Kontakte erhöht. Dazu die Mutation des Coronavirus, die sich ersten Erkenntnissen zufolge schneller ausbreitet. Diese Gemengelage macht Wissenschafter in der Schweiz und in Europa nervös. Sie fordern koordinierte Massnahmen. Und letztlich: einen neuen Lockdown.

Auch die Schliessung der Schulen wird wieder vermehrt diskutiert; in Deutschland, Österreich oder Grossbritannien bleiben sie nach den Weihnachtstagen länger geschlossen. In Österreich gilt vorderhand bis am 15. Januar Fernunterricht.

Taskforce-Mitglied sieht auch keinen Grund, Schulen zu schliessen

In der Schweiz haben zwar einzelne Kantone wie Nidwalden und Solothurn den Schulstart um drei Tage nach hinten verschoben. Doch generell ist man sich hierzulande einig, dass der Unterricht in der Volksschule am nächsten Montag wieder anlaufen soll. Selbst Marcel Tanner von der Corona-Taskforce des Bundes sieht derzeit keinen Grund, die Klassenzimmer zuzusperren.

Der Epidemiologe sagt, es gelte abzuwägen zwischen dem Primat des Rechts auf Bildung und der Frage, wie stark Kinder zur Dynamik der Epidemie beitragen. «Nach aktuellem Stand der wissenschaftlichen Daten aus der Schweiz und dem Ausland sind Schliessungen der obligatorischen Schulen nicht gerechtfertigt», so Tanner. Allerdings gelte es, die Situation gut zu überwachen und bei sehr starkem Anstieg der Übertragungen zu überdenken.

Erziehungsdirektoren warnen vor Folgen von Schliessungen

Die Eidgenössische Erziehungsdirektorenkonferenz EDK wird von Silvia Steiner präsidiert. Die Zürcher Bildungsdirektorin sagt, in der EDK sei man sich einig, dass die Rückkehr zum Fernunterricht unter allen Umständen vermieden werden müsse. «Die Schulen haben eine soziale Verantwortung», so Steiner. Viele Familien befänden sich nach der neuerlichen Ausbreitung des Coronavirus in einer schwierigen Situation. Wenn nun noch die Schulen geschlossen würden, seien die Folgen «weitreichend».

Silvia Steiner.

Silvia Steiner.

Keystone

Daneben betont Steiner, dass einzelne Kantone mit ihren Schutzmassnahmen deutlich weiter gingen als der Bund. Man kann diese Aussage auch als Plädoyer dafür lesen, dass der Bundesrat für die Schulen keine weiteren Massnahmen verfügen soll. Derzeit gibt es dafür auch keine Anzeichen: Laut bundesratsnahen Quellen ist für Mittwoch keine Sitzung geplant, es sind diese Woche also keine neuen Bundesregeln zu erwarten.

Gewisse Kantone machen Fernunterricht für ältere Schüler

Auch von der Pandemie gerade besonders betroffene Kantone wollen an ihren Schulplänen nicht rütteln. Stefan Kölliker, der St. Galler Bildungsdirektor, sagt auf Anfrage, dass eine Schliessung der Volksschule derzeit «kein Thema» sei. Bereits vor den Festtagen hatte die St. Galler Regierung beschlossen, dass Mittel- und Berufsschulen die ersten zwei Wochen des Jahres im Fernunterricht bestreiten. «Damit begegnen wir den Risiken, welche die Festtage mit sich bringen», sagt Kölliker.

Andere Kantone, etwa Zürich, haben für ältere Schüler bereits ähnliche Massnahmen beschlossen. So auch der Kanton Aargau, dessen Coronazahlen derzeit hoch sind. Am Mittwoch tagt der Regierungsrat. Schulschliessungen stünden dabei aktuell nicht im Fokus, heisst es auf Anfrage. Der Kanton Appenzell-Ausserrhoden hat gestern derweil mitgeteilt, dass der Präsenzunterricht am 4. Januar auf allen Schulstufen wieder aufgenommen wird.

Brigitte Häberli-Koller (CVP, TG).

Brigitte Häberli-Koller (CVP, TG).

Keystone

Bundespolitiker stellen sich hinter die Kantone, etwa Brigitte Häberli-Koller. Die Thurgauer CVP-Ständerätin sagt, man wisse derzeit noch zu wenig über das mutierte Virus, um neue Massnahmen zu treffen und damit vielleicht Probleme – etwa bei der Kinderbetreuung – zu verursachen. Maya Graf betont, dass offene Schulen «nicht nur für die Chancengleichheit, sondern auch für die psychische und soziale Gesundheit sehr wichtig» seien. Als zusätzliche Massnahme könnte sich die grüne Ständerätin (BL) eine generelle Maskenpflicht ab der fünften Klasse vorstellen – aber nur, wenn dies die epidemiologische Lage erforderlich macht.