Gezinkte Titel
Einen Doktortitel gibt es bereits für 49 Franken

Sich mit einem Doktortitel zu schmücken, ist heute einfacher denn je. Auf dem Schnäppchenportal Groupon gibt es einen Ehrendoktortitel bereits für 49 Franken. Wer dazu noch mit Professor angesprochen werden will, muss lediglich 69 Franken für die Kombi hinblättern.

Lisa Kneubühler
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Der Doktortitel zum Schnäppchenpreis ist bereits ausverkauft

Der Doktortitel zum Schnäppchenpreis ist bereits ausverkauft

Screenshot www.groupon.ch

Der Aufruhr um die gezinkten Titel führt zur Frage: Was ist das Doktorat heute noch wert? Eine erste Antwort darauf liefert Groupon: 49 Franken – so wenig kostet der Ehrendoktortitel (Dr.h.c.) der Miami Life Development Church auf dem Schnäppchenportal. Der Aufstieg zum Professor (Prof.h.c.) kostet nur zehn Franken mehr und für 69 Franken darf man sich sogar mit beiden Titeln schmücken.

Kaum Plagiatsjäger in der Schweiz

Ein anonymer Blogger brachte die Plagiatsaffäre um die Bildungsministerin Annette Schavan im Mai 2012 ins Rollen. Auf seiner Internetseite «Schavanplag» publizierte der Blogger die kritischen Textpassagen. In Deutschland sind solche Webseiten üblich.

Die Seite «Guttenplag» befasst sich ausschliesslich mit dem ehemaligen Bundesminister Karl-Theodor zu Guttenberg. «Gottiplag» durchleuchtet die Dissertation des Ökonomen und Wissenschaftlers Hans Werner Gottinger, gegen den mehrfach massiv Plagiatsvorwürfe erhoben wurden. «Vroniplag» dokumentiert die Dissertationen verschiedener prominenter Personen. Ähnliche Seiten existieren in Österreich.

In der Schweiz ist die organisierte Jagd nach Plagiatoren derzeit höchstens eine Randerscheinung. Auf der Seite «Guttenplag» gibt es einen Link auf eine Schweizer Seite, die aber nicht mehr existiert. Im Chatraum von «Vroniplag» war gestern rund ein Dutzend Plagiatsjäger online; Schweizer Nutzer kennt man kaum. «Es war mal einer hier, aber das ist lange her», schrieb einer der Nutzer. Vermutlich sei das Interesse in der Schweiz nicht gross genug. (hug)

Titel ist Balsam fürs Ego

Ganz anders bemisst die Statistik den Wert des Doktorats: Gemäss Erhebung des Bundesamtes für Statistik (BfS) verdient ein promovierter Akademiker fünf Jahre nach dem Berufseinstieg im Schnitt brutto 16 000 Franken mehr pro Jahr als ein Master-Absolvent.

Dem Doktortitel haftet nach wie vor Prestige an, bestätigen Personalexperten auf Anfrage. Doch das Ansehen des Titels schwankt von Land zu Land beträchtlich: In Österreich und Deutschland sind die Titel noch immer sehr wichtig. In der Schweiz und im angelsächsischen Raum ist der Umgang hingegen lockerer.

Auch mit Blick auf die Branchen zeigen sich grosse Unterschiede. «In Sektoren, welche sehr spezifisches Fachwissen verlangen, hat sich die Konkurrenzsituation auf dem Arbeitsmarkt verschärft. Hier gewinnt der Doktortitel tendenziell an Bedeutung», so Rico von Wyss, Assistenzprofessor für Finance an der Universität St. Gallen. Im Dienstleistungssektor sind heute hingegen vermehrt Soft Skills wie Loyalität, Engagement oder Eigeninitiative gefragt. Über diese Eigenschaften gibt ein akademischer Grad aber nur bedingt Auskunft.

Fähigkeiten zählen mehr

Der Titel allein macht noch keinen guten Manager. Praxisnutzen und Fachkompetenz einer Person seien entscheidend, sagt Dominique Christen, Head of Human Resources der KPMG Schweiz. Auf der Führungsebene zeigt sich das besonders deutlich: «Die Promotion verliert wie andere Statussymbole im Management an Bedeutung», weiss der renommierte Headhunter Guido Schilling. Dass sich die Karriere nicht am Titel entscheidet, bestätigt der Schilling Report 2012: In der Schweiz verfügen nur 20 Prozent der Führungskräfte auf oberster Ebene über einen Doktortitel.