Corona-Pandemie

Ein geisterhaft ruhiges Oster-Wochenende im Tessin – Dank an Deutschschweizer

Einsamer Spaziergänger: Die Seepromenade von Ascona am Ostersonntag.

Einsamer Spaziergänger: Die Seepromenade von Ascona am Ostersonntag.

Nur wenige Touristen aus der deutschen Schweiz waren über Ostern im Tessin – die Polizei lobt «das disziplinierte Verhalten der Bevölkerung».

Der Exodus von der Deutschschweiz ins Tessin ist dieses Jahr ausgeblieben. Die zahlreichen Appelle, wegen des Coronavirus nicht über Ostern ins Tessin zu fahren, haben gefruchtet. Das hat das Fahrzeugvolumen am Gotthard und San Bernardino bereits am Gründonnerstag und Karfreitag klargemacht: Rückgang von 90 Prozent. Die Autobahn A2 war wie leergefegt – ein Bild für die Geschichtsbücher. Die Kehrseite der Medaille: Ostern als Saisonauftakt für den Tessiner Tourismus ist komplett ausgefallen. Hotellerie und Gastronomie sind im Krebsgang.

«Nur einige wenige Zweit­residenzen wurden bezogen», bilanzierte Polizeikommandant Matteo Cocchi, Chef des Krisenstabs, gestern vor den Medien in Bellinzona. Und lobte zugleich die Bevölkerung, welche der Empfehlung, zu Hause zu bleiben, weitgehend gefolgt sei: «Wir Tessiner sind in der Lage, die Regeln einzuhalten.»

Dank an wegbleibende Deutschschweizer

Tatsächlich: Beliebte Hotspots wie Ascona oder Locarno waren weitgehend verwaist. Dafür hatten auch die kommunalen Behörden gesorgt, die grosse Parkplätze blockierten. Gemäss Cocchi schritt die Polizei in rund 70 Fällen ein, weil sich mehr als fünf Personen versammelt hatten, zirka 30 Bussen wurden ausgesprochen. Die Polizei hatte ein grosses Dispositiv aufgestellt; neben Fahrzeugpatrouillen waren die Ordnungshüter mit Motorrädern, E-Bikes und zu Fuss unterwegs. In Minusio drohten Joggern, Velofahrern oder Inlineskatern Bussen von 50 Franken, wenn sie am Seeuferweg Sport trieben. Die Gemeindepräsidenten von Ascona und Gambarogno dankten den Deutschschweizern gestern in einem offenen Brief für die Sensibilität, «auf den Osterurlaub im Tessin zu verzichten».

In den sozialen Netzwerken gab es aber auch Kritik, wonach ­immer noch zu viele Leute unterwegs waren. «Offenbar lebe ich in einem anderen Kanton als der Kommandant», schrieb eine Facebook-Nutzerin während der Medienkonferenz. Einige Velofahrer wollten offenbar nicht auf ihre Touren verzichten. Ein Tessiner, der soeben vom Kanton Aargau ins Tessin umgezogen ist, beschwerte sich auf «20 Minuten» hingegen, dass er wegen seiner AG-Nummer mehrfach angepöbelt worden sei – notabene von Deutschschweizern.

Der Kanton hat besonders strenge Massnahmen ergriffen, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Sie gehen über die bundesrätliche Verordnung hinaus, beinhalten auch die Schliessung von Baustellen und nicht essenziellen wirtschaftlichen Aktivitäten. Der Bundesrat hat dem Tessin ein eigenes Krisenfenster zugestanden. Im Tessin sind 13000 Anträge auf Kurzarbeit eingereicht worden, welche 100000 Arbeitnehmende betreffen. «Das bedeutet für die öffentliche Hand eine Ausgabe von 300 Millionen Franken im Monat», sagte gestern Claudia Sassi, Leiterin des Kantonalen Arbeitsamts. Ab heute werden gewisse Massnahmen die aber gelockert. So können Industriebetriebe ihre Arbeit wieder aufnehmen, wenn sie die ­hygienischen Vorschriften und Abstandsregeln garantieren.

Ebenfalls gelockert wird das strikte Einkaufsverbot für die Over-65. Die Rentnerinnen und Rentner dürfen in einem Zeitfenster morgens bis 10 Uhr ­einkaufen, auch wenn weiterhin die Empfehlung gilt, sich die Einkäufe liefern zu lassen.

Ungewöhnliches Bild an Ostern: Gähnende Leere auf Gotthard-Autobahn

Ungewöhnliches Bild an Ostern: Gähnende Leere auf Gotthard-Autobahn

Meistgesehen

Artboard 1