Gedenkstätte
Ehemalige Verding- und Heimkinder fordern Härtefall-Fonds

An der Einweihung der ersten nationalen Gedenkstätte für Heim- und Verdingkinder in Mümliswil wurde eine Forderung laut. Ein Härtefall-Fonds für Betroffene wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

Fränzi Rütti-Saner
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Im ehemaligen Kinderheim Mümliswil zeigen eindrückliche Fotos aus der Vergangenheit den Heimalltag. im

Im ehemaligen Kinderheim Mümliswil zeigen eindrückliche Fotos aus der Vergangenheit den Heimalltag. im

«Warum bist du in der Anstalt?» – «Ich habe gestohlen.» – «Was hast du gestohlen?» – «Zucker.» – «Wo hast du gestohlen?» – «Zu Hause in der Küche.» – «Möchtest du wieder heim?» – «Ja, ja zur Mutter.» «Wie lange bist du schon hier?» – «Bald ein Jahr.» – «Wirst du geschlagen?» – «Ja». Dies ist eine protokollierte Aussage eines Heimkindes aus dem Jahr 1944 und solche Gespräche sind zu Tausenden in Akten zu finden. Doch jetzt gibt es für solche Stimmen von im Heim platzierten oder verdingten Kindern einen Ort der Erinnerung und Aufarbeitung: Die erste nationale Gedenkstätte Kinderheim Mümliswil ist am Samstag, 1. Juni, errichtet worden.

Besitzer war selbst im Kinderheim

Möglich machte dies der Zuger Unternehmer Guido Fluri, selbst eine kurze Zeit Heimkind in Mümliswil. Vor gut zwei Jahren kaufte der in der Immobilienbranche erfolgreiche Selfmade-Mann das ehemalige Kinderheim, welches als architektonisches Kleinod der Bauhaus-Zeit in Mümliswil seit dem Jahr 2000 leer stand. Bereits 1973 wurde das Kinderheim geschlossen.

2011 hat die Guido-Fluri-Stiftung, welche sich noch für andere gemeinnützige Anliegen einsetzt, entschieden, das Haus in eine Gedenkstätte umzuwandeln und Fluri beauftragte den Historiker Thomas Huonker mit der Erforschung und Aufarbeitung des Heimkinderwesens in der Schweiz.

An der Eröffnungsveranstaltung vom Samstag sprach Guido Fluri von der Hoffnung, welche mit dieser Gedenkstätte verbunden sei. «Die Betroffenen hoffen auf Wiedergutmachung für das verursachte Leid. Und denken wir daran: Noch gibt es viele, die bis heute nicht die Kraft aufbringen, über ihr Schicksal zu sprechen». Ein erster Schritt in Richtung Aufarbeitung wurde mit der offiziellen Entschuldigung des Bundes an die Adresse der Opfer durch Bundesrätin Simonetta Sommaruga am 11. April dieses Jahres getan.

Diese Entschuldigung sei aber ein Anfang und nicht das Ende des Prozesses, sagte der ehemalige Urner Ständerat Hansruedi Stadler. Er wurde vom Bundesrat damit beauftragt, mit allen involvierten Kreisen – Betroffene und Vertreter der ehemaligen Täterorganisationen – an einem runden Tisch die Probleme zur Sprache zu bringen und Lösungen zu finden. «Am kommenden 15. Juni startet der erste runde Tisch», so Stadler. Als Vertreter der Opfer sprach der Präsident des Vereins «Netzwerk verdingt», Walter Zwahlen. Er hielt mit Kritik an der Schweizer Politik nicht zurück. «Es brauchte private Initiative, damit eine solche Gedenkstätte errichtet werden konnte».

Härtefall-Fonds im Kanton Waadt

Und weiter: «Es ist doch beschämend, dass es Länder wie Irland, Kanada und Schweden schafften, Härtefonds für Betroffene einzurichten und das sind ja nicht unbedingt reichere Länder als die Schweiz.» Hierzulande verfügt als Einziger der Kanton Waadt über einen solchen Fonds und der Kanton Solothurn sei bisher der Einzige, welcher sich für die Schaffung eines Fonds ausgesprochen habe. Zwahlen proklamierte den 1. Juni zum nationalen Gedenktag für alle Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und forderte den Bundesrat auf, eine Gedenk-Briefmarke dazu herauszubringen.

«Wie soll es jetzt weitergehen?», fragte bei der anschliessenden kurzen Podiumsdiskussion Moderatorin und Ex-Miss-Schweiz Tanja Gutmann. Hansruedi Zwahlen insistierte, dass viele Betroffene ungeduldig seien und endlich ein Zeichen der Wiedergutmachung erwarteten. Konkreter wurde Ursula Biondi, ehemalige «administrativ Versorgte»: Viele ehemals Betroffene haben durch ihre Kindheit ohne Liebe zeitlebens Probleme mit sich. Es geht darum, dass diese Menschen endlich eine finanzielle Rückerstattung bekommen. Wie wäre es beispielsweise mit Mietzuschüssen, Steuererlass oder Rentenerhöhung?» Biondi betonte: «Es geht hier nicht um Almosen. Diese Leute haben gearbeitet und haben nie eine Entschädigung erhalten.» Zwahlen forderte, dass sofort ein HärtefallFonds ins Leben gerufen werden müsse, was Biondi heftig unterstützte. «Schwerstbetroffene müssen so rasch als möglich Hilfe bekommen. Viele sind alt und die Zeit drängt.»

Infos: www.kinderheime-schweiz.ch