Schnee
Drei Meter Schnee liegen in Melchsee-Frutt - und keiner geht hin

Es wimmern die Schneefräsen auf dem 1900 Meter gelegenen Plateau Melchsee-Frutt. Trotz strahlenden Wetters: Nur wenige Wintersportler haben sich auf die Pisten verirrt.

Daniel Fuchs
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Drei Meter Schnee und keiner geht hin: Impressionen von Melchsee-Frutt
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Drei Meter Schnee und keiner geht hin: Impressionen von Melchsee-Frutt

Chris Iseli

Im Obwaldner «Schneeloch», nahe der Grenze zum Berner Oberland, herrscht tiefstes Januarloch: Die Weihnachtsferien sind vorbei, die skibegeisterten Familien längst ins Unterland abgezogen. Spuren in den unerschlossenen Hängen aber zeugen vom grossen Spass, den einige Freerider hatten. Kein Wunder, bei dem Schnee. Die stürmischen Tage der letzten Woche haben dem Skigebiet viel von der weissen Pracht beschert - sehr viel sogar: Drei Meter dick ist die Schneedecke. Stellenweise ist sie noch dicker.

Kaum noch hinausgetraut hatten sich die Gäste, die in ihren Häuschen ausharrten, um die sich Stunde um Stunde mehr Schnee türmte. An Skifahren war kaum zu denken. Der Pistendienst musste zusehen, dass nicht ganze Anlagen unter einer weissen Decke verschwanden.

Schaufel und Fräse statt Skis

Jene Ferienhäuschenbesitzer, die noch oben sind, beschäftigen sich nun mit Schaufel und Fräse statt Skis. Tief unter der Schneedecke befinden sich jene Hauseingänge, die noch unbenutzt blieben. Den bewohnten Häuschen sind schneehöhlenartige Zugänge vorgelagert. Michael Bühler hatte das Schaufeln zwischenzeitlich ganz aufgeben müssen. Seine Wohnung liege im Erdgeschoss eines Chalets, erklärt der Skimonteur, der das ganze Jahr über auf Melchsee-Frutt arbeitet.

Was er auch wegschaufelte - der Sturm blies alles immer wieder zu. «Nun habe ich in meinem Schlafzimmer kein Tageslicht mehr», klagt Bühler. Der Schnee reiche bis zum ersten Stock. Um überhaupt noch aus dem Haus zu kommen, musste Bühler bei den Feriengästen, welche die oberen Etagen bewohnen, anklopfen.
Schweissperlen sammeln sich auf Hans «Huck» Michels Gesicht. Huck Michel ist Haslitaler Geschlechts. Seine Vorfahren seien einst aus dem benachbarten Berner Oberland ins Melchtal gekommen. Von ennet dem «Glogghuis» also, dem Berg, den die Haslitaler «Glogghüs» nennen. Längst ist dieser mit einer Sesselbahn aus dem Skigebiet Hasliberg erschlossen. Von einer noch besseren Erschliessung träumen aber manche hüben wie drüben: dem Zusammenschluss der beiden Skigebiete mit jenem von Engelberg. Doch das Projekt ist blockiert.

Umwelt- und Landschaftsschützer stemmen sich gegen die für das «Schneeparadies» nötige Erschliessung der wilden Engstlenalp auf Berner Seite. Nur über eine steile Schneerampe ist der Eingangsbereich von Hucks «Huis» zu erreichen. Meterhoch türmt sich der Schnee. Huck steckt sich eine Gauloise zwischen die Lippen. Der Pensionär hat Zeit und nimmt die schweisstreibende Arbeit gelassen. «Ich mag den Sommer hier oben lieber», sagt er. Dann könne er am See angeln. Dabei wären die Pisten doch jetzt im perfekten Zustand. «Vielleicht unternehme ich noch eine Beizentour auf Skis», lässt Huck augenzwinkernd durchblicken.

Aussergewöhnliche Schneemenge

«Die Schneemenge ist schon aussergewöhnlich für diese Jahreszeit», bestätigt der Pisten- und Rettungschef Bärti Durrer. Jammern mag er aber nicht. Seine Freude über die weisse Pracht überwiegt. Schade sei, dass der Schnee erst Ende Dezember gekommen ist. Der Saisonbeginn war wie in so vielen Skigebieten spät: Erst Mitte Dezember konnte man am Melchsee die ersten Wintersportler empfangen. Längst sind nicht alle Pisten in Betrieb. So schaufeln nicht nur die Wohnungseigentümer an ihren Hauseingängen und auf ihren Balkonen. Auch die Pistenbullys stossen den Schnee umher. Die Angestellten haben alle Hände voll zu tun. Doch das Januarloch ist deutlich zu spüren. Und so hat Bärti Durrer den Schnauf, sich persönlich um den eingeschneiten Schlepplift zum 2255 Meter hohen Balmeregghorn zu kümmern.
Nicht ungefährlich - Durrers Aufgabe: Einmal steckte er mitsamt Pistenbully metertief in einer Lawine. Anderthalb Stunden musste er auf seine Rettung warten. Ein Horrorerlebnis? Durrer blieb cool: Er hörte seine Retter durch den Schnee und hatte eine Funkverbindung zu ihnen. Mit Sondierstangen fand man Durrer schliesslich. Er blieb unverletzt. Die Lawinengefahr - ist sie in diesem Jahr nicht besonders hoch? Die starken Schneefälle und der stürmische Wind hätten tatsächlich mächtige Triebschneeansammlungen verursacht, bestätigt Durrer. «Bereits 800 Kilogramm Sprengstoff setzten wir in dieser noch kurzen Saison ein, um die Pisten und Anlagen zu sichern», sagt er.

Zum Vergleich: In einem durchschnittlichen Winter benötigen Durrer und seine Mannen dafür ungefähr eine Tonne Sprengstoff. Doch habe sich die Situation während der letzten Tage sehr schnell stabilisiert. Durrer schätzt den Schneeaufbau in seinem Gebiet als «recht günstig» ein. Ihm bereitet aber eine andere Gefahr Sorge: die Karstfelder am Bonistock. Den Freerider, der 2005 in eine Felsspalte des zerklüfteten Gebiets stürzte und daran starb, vergisst er nicht so schnell. «Glücklicherweise geschah in jüngster Zeit nichts dergleichen», so Durrer.
Weniger Gefahr lauert an diesem prächtigen Tag auf der Schlittelpiste. Auf einem Rodler lässt es sich bequem zu Tale sausen. Längst hat sich die Sonne hinter den steilen «Glogghuis» verzogen. Über das tief eingeschneite Plateau legt sich kalter Schatten. Knapp 900 Meter tiefer: Es liegt nicht halb so viel Schnee. Bei Kerns dann ist der Spuk vollends vorbei: Grüne Matten lassen niemanden ahnen, dass das «Schneeloch» am Talende fast im Schnee versinkt. Dort, wo noch jetzt die Schneefräsen wimmern, ist Winter pur. Und keiner geht hin.