An'Nur-Prozess

Drei Frauen gegen zehn Islamisten: Staatsanwältinnen testen neues Führungsmodell

Die Anklägerinnen Tanja Fuchs, Susanne Steinhauser und Sabine Schwarzwälder zwischen Akten und Raubtier-Bildern.

Die Anklägerinnen Tanja Fuchs, Susanne Steinhauser und Sabine Schwarzwälder zwischen Akten und Raubtier-Bildern.

Die Winterthurer Staatsanwaltschaft hat zum ersten Mal einen Fall vor Gericht gebracht, der von einem Team geführt wird. Aus Sicht der angeklagten Männer gehen die drei Frauen zu hart gegen sie vor.

Der Prozess gegen zehn Islamisten der Winterthurer An’Nur-Moschee richtet sich gegen eine konservative Männerwelt. Die leitende Staatsanwältin Susanne Steinhauser hat den Fall zum Anlass genommen, in ihren eigenen Reihen ein Klima für eine progressive Frauenwelt zu schaffen.

Normalerweise hat ein Staatsanwalt alleine die Führung inne, auch bei einer Teamarbeit. Zum ersten Mal testet die Winterthurer Staatsanwaltschaft nun ein neues Arbeitsmodell. Mehrere Staatsanwältinnen führen den Fall gemeinsam.

Als Staatsanwältin Steinhauser Anfang 2017 die Verhaftung der zehn Männer vorbereitete, stand sie vor einem Problem. Wenn die Islamisten im Morgengrauen von der Polizei geweckt und in Handschellen abgeführt werden, bleiben ihr nur 48 Stunden, um alle zu befragen und Haftanträge zu stellen.

Gleichzeitig wird sie mit einem grossen Medieninteresse konfrontiert sein. Es sei ihr sofort klar gewesen, dass eine Person alleine diese Aufgabe nicht bewältigen könne, sagt sie.

Deshalb zog sie zwei weitere Staatsanwältinnen sowie eine Assistenz-Staatsanwältin hinzu. Den Fall des einen Jugendlichen übernahm zudem eine Jugendstaatsanwältin.

Die Frauen teilten die Islamisten unter sich auf und brachten sie mit zehn separaten Anklageschriften vor Gericht. Das Tempo ist rekordverdächtig. Zwischen der Verhaftung und dem Prozess verstrichen weniger als zwei Jahre.

Zu viel für einen Mann

Zum Vergleich: Die Baselbieter Staatsanwaltschaft benötigte mehr als vier Jahre, um 16 Männer, die in einen Überfall auf ein Kickbox-Studio verwickelt waren, vor Gericht zu bringen. Die Fälle haben Parallelen. Es geht um unübersichtliche Schlägereien in einer Schattenwelt mit vielen Angeklagten und einem gemeinsamen Prozess.

Den Baselbieter Fall führte ein Staatsanwalt jedoch alleine. Das war zu viel für den Mann. Vor dem Prozess liess er sich krankschreiben, sein Chef musste einspringen. Im Winterthurer Modell hätte er von seinen Kollegen entlastet werden können. Steinhauser sieht die Unterstützung im Team bei einem derart schwierigen Fall als Vorteil: «Ich stand nicht alleine zehn Anwälten gegenüber, sondern wir konnten zu viert Präsenz markieren.»

Am zweiten Prozesstag haben die Staatsanwältinnen ihren ersten grossen Auftritt in der Öffentlichkeit. Bei ihrer Premiere im Gericht tun sie allerdings so, als sei ihr Vorgehen nichts Besonderes. Sie treten auf, als würden sie schon immer im Team anklagen. Sie halten ein gemeinsames Plädoyer, bei dem sie sich abwechseln wie Schülerinnen bei einem Gruppenreferat. Die Übergänge sitzen. Es ist eine wuchtige Show mit drei Hauptrollen.

Steinhauser tritt polternd auf und sagt: «Wir müssen ein Zeichen im Sinne der Generalprävention setzen. Wir dürfen es nicht dulden, wenn unser Rechtsstaat unterwandert wird.» Es dürfe keine Schattengesellschaft mit einem eigenen Rechtssystem entstehen. Der Staat dürfe nicht akzeptieren, wenn in einer Moschee Selbstjustiz geübt werde.

Staatsanwältin Tanja Fuchs tritt besorgt auf und sagt: «Derartige Szenen waren mir bisher nur aus Mafiafilmen bekannt.» Sie meint den Vorwurf eines Opfers, es sei gezwungen worden, eine Zehnernote zu schlucken, weil es seine Religion für Geld verraten habe.

Staatsanwältin Sabine Schwarzwälder tritt gnadenlos auf und erklärt, weshalb ein 26-jähriger Afghane wegen des Vorfalls nach Kabul ausgeschafft werden müsse, auch wenn dort seine Sicherheit nicht mehr auf Schweizer Niveau gewährleistet sein werde. «Die Trennung von Kirche und Recht ist ein Grundpfeiler unseres Staates. Unser öffentliches Interesse wiegt schwerer als die persönlichen Interessen des Beschuldigten.»

Sind die Frauen zu hart?

Während die drei Staatsanwältinnen das Gericht dazu auffordern, Härte zu zeigen, bitten die zehn Männer um Gnade. Sie haben sich durch zehn Verteidiger vertreten lassen, die Entschädigungen verlangen für das, was man ihnen in diesem Prozess angetan habe.

Die Staatsanwältinnen würden zu Unrecht ein Exempel an ihnen statuieren und sie würden die Natur der Männer nicht verstehen. Denn der Vorfall sei auf eine «gute Portion jugendliches Testosteron» zurückzuführen.

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