Sie heissen 23andMe, Family Tree DNA, Igenea oder Progenom und versprechen Auskunft darüber, wer man ist. Individuelle Gentests werden immer beliebter. Auch in der Schweiz. Das hat der Gesetzgeber erkannt. Gestern behandelte der Nationalrat die Revision des Gesetzes über genetische Untersuchungen beim Menschen (GUMG). Das Feld ist noch jung.

Heute ist die Möglichkeit, Krankheiten wie Diabetes, Alzheimer oder Brustkrebs vorauszusagen, beschränkt. In ein paar Jahren sieht das anders aus – da sind sich Forscher einig. Auch dank den Gentestfirmen, allen voran jenen aus den USA, die ihre gigantischen Datensätze an Dritte weitergeben. Mit dieser Entwicklung schrittzuhalten, ist für einen schwerfälligen Gesetzgeber schwierig. Umso mehr muss die Bevölkerung über die Chancen und Risiken der Gentests aufgeklärt werden. Wir haben die aktuell wichtigsten Fragen zusammengestellt:

1. Was will das revidierte Gesetz?

Das bestehende Gesetz ist erst seit 2007 in Kraft und soll doch schon wieder totalrevidiert werden. Das bestehende Gesetz regelt nur die medizinischen DNA-Analysen, die von Ärzten und Spitälern veranlasst und durchgeführt werden. Die überarbeitete Version soll auch den nicht medizinischen Bereich regeln. Heute gibt es dort einen Wildwuchs an Firmen, die Gentests unter anderem für die Ermittlung der eigenen Herkunft anbieten. Das revidierte Gesetz unterscheidet nun in speziell schützenswerte Eigenschaften, die beträchtliche Auswirkungen auf die Lebensweise oder das Verhalten haben, und weniger schützenswerte, etwa die Abklärung äusserlicher körperlicher Merkmale oder Proben für die Partnerschaftsabklärung. Je nach Status werden besondere Anforderungen an die Untersuchungen gestellt. Verbote sind nicht geplant.

2. Welche Arten von Gentests sind heute auf dem Markt erhältlich?

Grob lassen sie sich dem medizinischen und dem nicht medizinischen beziehungsweise Lifestyle-Bereich zuordnen. Bei Ersterem geht es um die Gendiagnostik: Auf Basis der Geninformationen soll ein Verdacht auf eine erbliche Veranlagung (z. B. Krankheit) entweder ausgeschlossen oder bestätigt werden. Nicht medizinisch sind Tests zur Abstammung. Sei es ethnisch oder familiär. Immer mehr bieten aber Apotheken, Fitnesszentren oder US-Firmen wie 23andMe im Internet klassische Lifestyle-Tests an: Die Analysen sollen ergeben, ob man stärker auf Fett oder Kohlehydrate reagiert, ob man eher schnell oder langsam Muskeln aufbaut oder welcher Lebenspartner genetisch am besten zu einem passt.

3. Wie kommt man zu einem Gentest?

Entweder über hiesige Anbieter wie Ärzte oder im Internet. Die Online-Angebote stammen meist aus den USA. Da das Feld noch jung ist, gibt es noch keine neutralen Beratungsstellen. Auch nicht beim Bund. Eine Website, die Informationen bereitstellt, ist «www.biorespect.ch». Diese beurteilt die Gentests eher kritisch. Hat man sich einmal entschieden, ist die Durchführung schmerzlos: Mit einem Wattestäbchen entnimmt man etwas Speichel von der Wangeninnenseite, schickt dieses ein und wartet auf die Resultate – falls der Anbieter in den USA sitzt, zwischen zwei bis fünf Wochen.

4. Was können die Tests?

Wenn es um Vaterschaftsanalysen oder Tests über die ethnische Herkunft geht, «sehr viel», sagt der ETH-Molekularbiologe Ulrich Genick. Jedenfalls, wenn sie von den US-Firmen durchgeführt werden. Diese analysierten nämlich das ganze Genom, weshalb eine viel zweifelsfreiere Aussage über eine Verwandtschaft gemacht werden könne. In der Schweiz sind die Analysen gesetzlich auf einen Teil des Genoms beschränkt. Ebenfalls kann festgestellt werden, ob jemand blaue Augen, braune Haare und bröckeligen Ohrenschmalz hat. Da die drei Eigenschaften monogenetisch sind.

5. Wo liegen die Grenzen der DNA-Analysen?

Die meisten Lifestyle-Tests sind laut Forscher Ulrich Genick unseriös. «Die Interpretationen, die mitgeliefert werden, sind wissenschaftlich nicht belegt.» Weder kann man sagen, ob jemand die genetische Veranlagung zum Langstreckenläufer hat, noch ob jemand besser mit fettfreier oder kohlenhydratfreier Diät abnimmt. Letzteres hat gerade eine Studie der US-Universität Stanford bestätigt. Aber auch im medizinischen Bereich stösst die Interpretation der Ergebnisse an Grenzen: Ob jemand an Alzheimer oder Krebs erkrankt, hängt von zu vielen Faktoren ab, als dass man sie anhand eines Gentests voraussagen könnte, sagt Experte Genick. «Wir wissen in vielen Fällen nicht, welche Gene und Umweltfaktoren eine Rolle spielen.»

6. Was sind die Risiken?

Macht man einen Test bei Firmen wie 23andMe, stimmt man zu, dass diese die Daten weiterverkaufen. Vor mehr als zwei Jahren schloss das US-Unternehmen einen Vertrag mit der Roche-Tochter Genentech über zirka 60 Millionen Dollar ab. Diese versucht nun, anhand der Daten Medikamente zu entwickeln. Laut Ulrich Genick sollte immer bedacht werden, dass man nicht nur seine Geninformationen weitergibt. Sondern auch jene der eigenen Kinder und Eltern. Ausserdem: Die Gefahr ist gross, dass die Daten letztlich in falsche Hände geraten. Auch durch Hacking. Der jüngste Angriff bei der Swisscom zeigt, wie einfach es ist, an Daten zu kommen.

7. Was ist der Nutzen der Genanalysen für die Forschung?

Viele Menschen tragen Gene in sich, die sie für eine bestimmte Krankheit prädestinieren – und trotzdem bleiben sie gesund. Weshalb, weiss die Forschung nicht genau. Vielleicht haben sie an einer anderen Stelle ihres Erbguts ein Gen, das sie schützt. Oder ihr Lebensstil ist so, dass die Krankheit nicht ausbrechen kann. Etwa weil sie sich anders ernähren oder mehr Sport treiben. Diese Zusammenhänge können nur anhand der Geninformationen von vielen Menschen beobachtet werden. Wenn die Wissenschaft Zugang zu diesen Informationen hat, können daraus neue Präventionsmassnahmen und Medikamente entstehen.