Immigration

Die vergessenen Zuwanderer – oder wie 27 Millionen ihre Integration sicher stellen sollen

Schlecht ausgebildet: Der Familiennachzug schafft grosse Probleme und die Integration ist gefährdet. Themenbild. (BILD: KEY)

Schlecht ausgebildet: Der Familiennachzug schafft grosse Probleme und die Integration ist gefährdet. Themenbild. (BILD: KEY)

Die Schweiz macht viel für die Integration von Zuwanderern, vergisst aber jene, die über den Familiennachzug ins Land kommen. Jetzt wollen die Kantone das ändern - und hoffen auf die Unterstützung des Bundes.

Die Schweiz ist ein Land, das seit Jahrzehnten durch die Migration geprägt wird. Und sie hat sich im Lauf der Zeit einiges einfallen lassen, um die Integration der Neuzuzüger zu verbessern. Das fängt mit Fördergeldern für Schulen mit vielen Ausländerkindern an und reicht bis zu Programmen für Flüchtlinge. Eine Gruppe aber hat der Staat bis anhin kaum auf dem Radar. Es geht um die spät zugewanderten Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die nicht über den Asylweg in die Schweiz kommen, sondern den Eltern folgen oder dem Ehemann – und sich oft dauerhaft hierzulande niederlassen.

Sie sind bei ihrer Ankunft zwischen 16 und 24 Jahre alt und erhalten meist über den Familiennachzug ein Aufenthaltsrecht. Und auch sie tun sich hierzulande oft schwer. Sie kommen in ein Land mit einer fremden Sprache, ein Land, dessen Bildungssystem und Arbeitsmarkt anders funktionieren. Lange wusste niemand genau, wie viele dieser jungen Migranten es im Land gibt. Wo sie herkommen und was sie mitbringen. Klar war nur, dass auch diese Gruppe – wie die jungen Flüchtlinge – weit entfernt ist vom grossen bildungspolitischen Ziel der Schweiz: 95 Prozent der ständigen Bevölkerung, darauf haben sich Bund und Kantone geeinigt, sollen mit 25 Jahren einen Sek-II-Abschluss in der Tasche haben.

Der blinde Fleck ist erstmals ausgeleuchtet

Jetzt liegt die erste Studie zum Thema vor. Sie leuchtet den blinden Fleck in der Schweizer Integrationspolitik aus – und offenbart, dass es für die Schweiz hier «noch sehr viel zu tun gibt». So formuliert das Christoph Eymann, Nationalrat und Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos). Allerdings gibt es auch Politiker, die das ganz anders sehen. Zum Beispiel Nadja Pieren von der SVP. Für sie ist Integration keine Hol-, sondern eine Bringschuld. Doch der Reihe nach.

Im Durchschnitt kamen ausserhalb des Asylbereichs zwischen 2008 und 2017 jedes Jahr über 5000 Personen im Alter von 16 bis 24 Jahren über den Familiennachzug in die Schweiz. Grossmehrheitlich handelt es sich dabei um so genannte Heiratsmigranten, Menschen also, die von ihrem Partner über den Familiennachzug ins Land geholt wurden. 72 Prozent von ihnen sind Frauen, zwei Drittel stammen aus dem Westbalkan, – also Bosnien, dem Kosovo, Kroatien oder Serbien – und der Türkei. Ein anderes wichtiges Herkunftsland ist Portugal.

Fast die Hälfte von ihnen zieht zu einem Partner mit Schweizer Pass. Viele haben bis heute keinen Sek-II-Abschluss und befinden sich derzeit auch nicht in einer Ausbildung. Laut der Studie ist das bei 11'400 Heiratsmigranten der Fall, dazu kommen 2800 Personen, die zu ihren Eltern zogen. Macht total 14'200 Personen mit einem Ausbildungsbedarf – eine «merklich grössere Zahl als im Asylbereich», wie es in der Studie heisst. Jährlich kommen 1500 weitere Personen dazu.

Kantone warnen vor Sozialhilfe-Gefahr

Nicole Gysin vom Generalsekretariat der Konferenz der Kantonsregierungen (KdK) sagt, dass diese Zahlen den Schweizer Kantonen einige Sorgen bereiten. «Die Gefahr, dass diese Menschen in die Sozialhilfe abrutschen, ist gross», so Gysin. Tatsächlich zeigen Studien, dass eine schlechte Ausbildung ein grosses Sozialhilfe-Risiko mit sich bringt. Aus Sicht der Kantone braucht es deshalb eine Integrationsoffensive, um so vielen spät zugewanderten jungen Menschen so schnell wie möglich eine Sek-II-Ausbildung zu ermöglichen. «Es geht dabei nicht nur darum, Sozialhilfe-Fälle zu verhindern – sondern auch darum, Potenziale zu nutzen, die etwa im Kampf gegen den Fachkräftemangel helfen können», sagt Gysin.

Angedacht ist etwa eine bessere Information und Beratung der Betroffenen. Heute, sagt Gysin, fielen sie häufig durch die Maschen des Staats. Abhilfe soll eine intensivere Sprachförderung sowie eine bessere Potenzialabklärung schaffen. Auch wollen die Kantone sicherstellen, dass der Zugang zu so genannten Zubringern – etwa Brückenangeboten in eine Berufslehre - gewährleistet ist. Und schliesslich soll auch die Möglichkeit, während einer Ausbildung Stipendien an Betroffene auszuschütten, geprüft werden. «Wenn das Geld knapp ist, ziehen manche den Job als Hilfsarbeiter vor, der auf kurze Sicht mehr Geld bringt – dabei wäre eine Lehre eine viel bessere Investition in die Zukunft», sagt Gysin.

Kosten in Millionenhöhe

Das alles wird Geld kosten, so, wie das auch die Integrationsmassnahmen für Flüchtlinge tun. Im Rahmen der Integrationsagenda einigten sich Bund und Kantone im Asylbereich auf eine Verdreifachung der Integrationspauschale auf 18'000 Franken. Nun erwarten die Kantone, dass der Bund ihnen auch bei den Massnahmen für die spät Zugewanderten unter die Arme greift. Er könnte dafür etwa seinen Finanzierungsanteil an den Kantonalen Integrationsprogrammen erhöhen.

Zur Frage, wie teuer das alles wird, will sich Nicole Gysin von der Konferenz der Kantonsregierungen sich nicht äussern. Doch die Rechnung könnte ungefähr so aussehen: Eine Pauschale von 18'000 Franken, analog zum Asylbereich, multipliziert mit 1500 zugewanderten Personen im Jahr, ergäbe 27 Millionen Franken. Davon soll der Bund – wie bei den kantonalen Integrationsprogrammen üblich - die Hälfte übernehmen. Nicht eingerechnet sind hier jene Personen, die bereits im Land sind, aber noch eine Ausbildung machen müssen. Das Staatssekretariat für Migration äussert sich nicht zu den Forderungen der Kantone. Die Studie biete eine wichtige Grundlage für die nächsten Arbeitsschritte. Nun gelte es, Lösungsansätze zu vertiefen, heisst es dort.

Bei Christoph Eymann kommen die Pläne der Kantone gut an. Der Basler hat als ehemaliger Erziehungsdirektor in seinem Kanton, Mitglied der nationalrätlichen Bildungskommission und Skos-Präsident viel Erfahrung mit der Integration von Migranten. Er sagt, man dürfe «die Leute nicht sich selbst überlassen», und es sei wichtig, sie so individuell wie möglich zu betreuen. Eymann sitzt für die liberal-demokratische Partei im Nationalrat, doch er sagt, manchmal müsse der Staat junge Menschen auch «ein wenig zu ihrem Glück zwingen» - mit einer engen Begleitung, die mit Willkommensgesprächen beginnt und mit einer individualisierten Betreuung weiter geht.

Widerstand von der SVP

Bei vielen der schlecht ausgebildeten Migranten handelt es sich um Frauen, die von ihrem Ehemann ins Land geholt werden. Ist es da tatsächlich am Staat, eine Arbeitstätigkeit zu fördern - auch wenn dies vielleicht gar nicht dem Rollenbild und den Bedürfnissen des Paares entspricht? Christoph Eymann sieht den Staat dennoch in der Pflicht und zwar aus zwei Gründen. «Wir haben in der Schweiz eine Hausordnung, die für alle gilt», sagt er. Zudem gehe es auch darum, den Betroffenen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

SVP-Nationalrätin Nadja Pieren sieht den Staat dagegen kein bisschen in der Pflicht. Die Bernerin appelliert stattdessen an die Eigenverantwortung der Betroffenen und ihrer Familie. «Wenn jemand seine Angehörigen nachzieht, dann muss er auch dafür sorgen, dass sie die Sprache lernen und eine Ausbildung machen», sagt Pieren. In ihren Augen ist es «bestimmt nicht» die Aufgabe des Staats, hier noch weitere Angebote zu schaffen.

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