Digitalisierung
Wie wird die staatliche E-ID zum Erfolg? Die Schüler sollen sie etablieren

Entscheidend sei, dass die elektronische Identität (E-ID) schnell einen grosse Nutzen habe, sagt Stephan Schweizer, CEO der Nevis Security AG. Der Digitalisierungsexperte zeigt seine Vision in fünf Schritten auf.

Othmar von Matt
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Nach dem Nein zur privaten E-ID im vergangenen Frühling plant der Bundesrat nun eine staatliche Lösung.

Nach dem Nein zur privaten E-ID im vergangenen Frühling plant der Bundesrat nun eine staatliche Lösung.

Britta Gut

Stephan Schweizer ist CEO der Nevis Security AG und befasst sich seit Jahren mit digitalen Identitäten. Vor allem aber hat er eine Vision mit der elektronischen Identität (E-ID) für die nächsten fünf bis zehn Jahre in der Schweiz. So lange dauert eine digitale Generation.

Sie sieht so aus: Schülerinnen und Schüler der Oberstufe und der Kantonsschule erhalten eine E-ID, sobald sie existiert. Sie werden sofort ins neue System integriert. Das ist einfach. Die Jugendlichen arbeiten schon heute mit der Lernplattform Moodle. Dort loggen sie sich ein, erhalten ihre Aufgaben, laden erledigte Arbeiten hoch.

Die E-ID soll die Jugendlichen ihr Leben lang begleiten

Künftig sollen dies die Jugendlichen mit der E-ID tun können, die der Staat herausgibt. Sie soll sie ihr Leben lang treu begleiten: an die Universität, zur Eröffnung eines Bankkontos, beim Zügeln, für eine Wohnsitzbestätigung und einen Betreibungsregisterauszug, für eine Hausratsversicherung.

Für Schweizer ist klar: Die neue staatliche E-ID, die nach dem Nein vom 7. März zur privaten E-ID geplant wird, muss einen klaren Nutzen haben. Dafür ist Schweizer Spezialist. Seine Nevis Security gilt als Marktführerin im digitalen Identity-Management. Zu ihren Kunden zählen die Bundesverwaltung, diverse Kantone und Unternehmen wie Swisscom, UBS und Mobiliar Versicherung.

Der Bundesrat dürfte sich für die selbstbestimmte Identität entscheiden

Noch ist unklar, wann die neue staatliche E-ID bereit sein wird. Bis Mitte Oktober fand dazu eine öffentliche Anhörung statt. Und der Bundesrat soll noch vor Ende Jahr einen Grundsatzentscheid fällen.

Schon jetzt ist absehbar, dass er sich für die Self Sovereign Identity (SSI) entscheiden wird, die selbstbestimmte Identität. Sie bringt das, was die Abstimmungssieger fordern: Sie ist dezentral, datensparsam und berücksichtigt den Datenschutz schon bei der technischen Lösung. Nutzerinnen und Nutzer verwalten ihre digitalen Identitäten selber, sind nicht von einem zentralen Identitätsdienstleister abhängig.

Vergleichbar mit dem Umstieg auf Elektro-Mobilität

Wählt der Bundesrat SSI, baut der Bund ein eigenes Ökosystem auf, das durchgehende digitale Prozesse bietet. «Der Bau eines solchen Ökosystems», sagt Schweizer, «ist in der realen Welt vergleichbar mit dem Umstieg auf die Elektro-Mobilität.»

Er hat die öffentliche Anhörung ausgewertet. 86 Prozent sprechen sich da für ein Ökosystem aus und nicht für einen digitalen Ausweis, wie er mit der privaten E-ID geplant war. Das spricht für eine Lösung auf SSI-Basis. 54 Prozent der Antwortenden fordern diese explizit.

Nur: Welchen Nutzen hat eine E-ID auf SSI-Basis? Wie soll das System aufgebaut werden? Stephan Schweizer, CEO der Nevis Security AG, hat eine Strategie in fünf Schritten entwickelt.

Stephan Schweizer, CEO der Nevis Security AG und Digitalisierungsexperte.

Stephan Schweizer, CEO der Nevis Security AG und Digitalisierungsexperte.

zvg

1. Der Staat digitalisiert seine Interaktionen mit den Bürgerinnen

In einer ersten Phase soll der Staat seine Interaktionen mit Bürgerinnen und Bürgern digitalisieren, sagt Schweizer. Das Beispiel Dänemarks zeigt, dass es dafür jährlich 36 Interaktionen gibt – wie Steuern ausfüllen, eine Betreibungsurkunde oder Wohnsitzbestätigung anfordern. «Damit hätte man sehr schnell eine kritische Masse erreicht – was für die Schweiz zwei bis drei Millionen regelmässige E-ID-User bedeutet.»

2. Die staatsnahen Betriebe werden integriert

Staatsnahe Betriebe wie Post und SBB haben geschätzt je drei Millionen Online-Nutzerinnen und Nutzer. Bei der Post kommt die Swiss Sign Group dazu mit 1,75 Millionen Nutzern. Sie sollen eingebunden werden. Mit diesen Datentöpfen steigen die Interaktionen schnell an.

3. Der Hochschulbetrieb wird angeschlossen

Im Hochschulbereich gibt es bereits die Switch edu-ID. Ihr sind aktuell 560000 Identitäten und 1400 Dienste angeschlossen. «Es ist wichtig, dass wir die Jungen über den Bildungsbereich früh einbinden», sagt Schweizer. «Für sie ist es natürlich, überall eine E-ID einzusetzen.»

4. Das Gesundheitswesen wird eingebunden

Die Pandemie hat vor Augen geführt, wie wichtig die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist. Hier sieht Schweizer grosse Chancen für die Patientinnen und Patienten – gerade beim elektronischen Patientendossier: «Der Patient kann dann stigmatisierende Daten wie etwa einen positiven HIV-Test sehr selektiv freigeben.» Das Thema Patientendossier soll aber gemäss Schweizer erst in einer zweiten Phase angegangen werden - wegen der komplexen regulatorischen Anforderungen beim Datenschutz.

5. Die Wirtschaft kommt an Bord

Wer heute online ein Bankkonto eröffnet, muss die Identität mit einem ID-Scan beweisen. Ein Videochat belegt, dass es um eine lebende Person geht. Diese Prozesse seien «mühsam und teuer», sagt Schweizer. Deshalb sei eine staatliche E-ID für Banken attraktiv. «Sie liefert eine Basisidentität für jede Bank und ist gesetzeskonform: Deshalb bietet sie den Banken sehr grosses Sparpotenzial.» Das hat mit der Abbruchquote beim Online-Shopping zu tun. Heute werden im E-Commerce 27 Prozent der Einkäufe abgebrochen, weil der Registrierungsprozess nicht zu Ende geführt wird. Damit geht Umsatz verloren. Mit einem vereinfachten Registrierungsprozess auf SSI-Basis könnte die Abbruchquote gesenkt werden.

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