HIV

Die Pille davor: Weshalb die vor Aids schützende Tablette umstritten ist

Zulassen oder nicht zulassen? Verschiedene Positionen gibt es dazu auch unter Schweizer Ärzten. BAG/KEYSTONE

Zulassen oder nicht zulassen? Verschiedene Positionen gibt es dazu auch unter Schweizer Ärzten. BAG/KEYSTONE

Eine Tablette kann vor Aids schützen. Doch sie ist umstritten. Nun diskutieren Schweizer Ärzte die Zulassung.

Apotheker P. lebt seit zwanzig Jahren in einer festen Beziehung mit seinem HIV-positiven Partner. Das Paar benutzt innerhalb der Beziehung kein Kondom und verbringt regelmässig Ferien auf Gran Canaria. Ausschweifende Partys sind hier die Regel, Tabus die Ausnahme. P. ist ein HIV-Hochrisikofall.

Doch er hat Glück. Seit rund 30 Jahren gibt es für Personen, die sich solchen Risiken aussetzen, die HIV-Pille danach. Sie muss innerhalb von 48 Stunden nach einer Risikoexposition eingenommen werden und wird weltweit als wirksames HIV-Präventionsmittel eingesetzt.

Nun hat die Pharmaindustrie in der Medikamentenentwicklung zugelegt und die HIV-Prä-Prophylaxe (PrEP) entwickelt. Die Pille dient als chemisches Kondom und soll Personen mit hohem HIV-Risiko medikamentös schützen.

In den USA wurde PrEP 2012 zugelassen. Die Weltgesundheitsorganisation folgte 2015 ebenso wie die europäische Medikamentenbehörde. In der Schweiz sträubt man sich. In ihrem aktuellen Bericht vom Januar 2016 schlägt die Eidgenössische Kommission für sexuelle Gesundheit (EKSG) lediglich vor, dass die Verabreichung der PrEP in der Schweiz «beobachtet, dokumentiert und ausgewertet wird». Von einer Zulassung wird weiterhin abgesehen. Hauptargument dafür: Mit dem Kondom sei bereits eine wirksame Prophylaxe vorhanden.

Vorteil Kondom?

Kondome sind spontan und leicht anwendbar sowie kostengünstig. Sie werden flächendeckend verwendet und sind ein wirksames Mittel gegen HIV-Infektionen und andere Geschlechtskrankheiten.

Einziger Knackpunkt: Viele schwule Männer oder Transgender-Personen verwenden keine Kondome. Sie sind es jedoch, die oftmals wechselnde Sexualpartner haben und häufiger mit HIV infiziert sind.

Das Swiss Medical Forum erklärt deshalb, dass gerade für sie, die das herkömmliche Kondom weniger nutzen, ein chemisches Kondom umso nützlicher ist. Skeptiker wie der St. Galler Infektiologe Dr. Pietro Vernazza sehen genau hier das Problem.

Während Kondome sowohl HIV als auch andere Geschlechtskrankheiten verhindern, kann PrEP damit nicht dienen. Bei schweizweit sinkenden HIV-Infektionen sei PrEP ineffizient und werde es weiterhin sein, weil Neuansteckungen dank verbesserter Diagnosen und Therapie immer seltener werden, so der Spezialist.

Hinzu kommt, dass die dreissig Tabletten, die in einer Monatspackung enthalten sind, stolze 900 Franken kosten. Diese Kosten werden derzeit auf die Patienten übertragen. Eine Zulassung würde sie den Krankenkassen aufbürden. Dies bei einem verhältnismässig kleinen Adressaten- und Wirkungskreis und der Tatsache, dass das Medikament laut der EKSG bislang «unbekannte Langzeitnebenwirkungen» aufweist.

Angst-, aber nicht zügellos

Doch auch ohne Zulassung wird die PrEP hierzulande verschrieben. Diese sogenannten «off-label»-Verschreibungen erfolgen unter dem Vorbehalt, dass die verschreibenden Ärzte die Haftung für allfällige Nebenwirkungen voll übernehmen und das explizite Einverständnis der Patienten einholen.

Patienten, die laut dem Swiss Medical Forum nicht nur Angst vor einer HIV-Infektion bei ungeschütztem, sondern auch bei geschütztem Sex haben: «Kondome können platzen, beim Liebesspiel entgleiten oder man kann vergessen, sie mitzunehmen. An Kondome müssen viele Menschen dann denken, wenn sie unter dem Einfluss von Alkohol, Drogen oder Liebe stehen. Für viele Menschen ist das eine Herausforderung», statuiert das Swiss Medical Forum.

Es sieht die PrEP vor allem als Pille gegen diese Angst. Bedenken, dass diese neu gewonnene Sicherheit zu einem ausschweifenderen Sexualverhalten führt, konnten bereits widerlegt werden. Zwei klinische Studien aus Grossbritannien zeigen, dass PrEP-Nutzer ihr Sexualverhalten nicht ändern.

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