Medienopfer
Die Monica Lewinsky der Schweiz: Jolanda Spiess-Hegglin wurde Opfer des virtuellen Stammtisches

Monica Lewinsky, Protagonistin von Bill Clintons Sex-Affäre, und Jolanda Spiess-Hegglin, Protagonistin der Affäre nach der Zuger Landammannfeier 2014, haben Gemeinsamkeiten.

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Jolanda Spiess-Hegglin und Monica Lewinsky (von links).

Jolanda Spiess-Hegglin und Monica Lewinsky (von links).

Keystone

Jolanda Spiess-Hegglin (37), Protagonistin der Zuger Landammannfeier-Affäre von 2014/2015, macht ihre Rolle als Medienopfer zum Geschäftsmodell. Mit ihrem Mann gründete sie soeben die Firma Winkelried & Töchter. Den Namen hat sie sich vom Schweizer Kriegshelden geliehen, der nun eine Lanze brechen soll für Betroffene von gesellschaftlichem Hass. Spiess sagt: «Zudem ist es auch eine Anspielung auf die stolzen Eidgenossen, welche mich über Jahre durch die virtuellen Gassen gejagt haben.»

Mit der Firma will Spiess im grossen Stil machen, was sie mit ihrem Verein #NetzCourage begonnen hat. Dieser soll ausschliesslich Betroffenen von Internethass helfen. Es sei die einzige Anlaufstelle für Betroffene von Hatespeech in der Schweiz. Sie referiere bei Parteien, in Schulen und NGO. Zudem sucht sie den persönlichen Kontakt zu den Verfassern von beleidigenden Online-Kommentaren.

Die Firma bietet nun kommerzielle Beratungen und Expertisen an und dies auch für Fälle in der Offline-Welt, zum Beispiel bei sexuellem Missbrauch. Dazu erhalte sie sehr viele Anfragen, sagt Spiess.

Der Vorfall, der die Justiz jahrelang beschäftigte, passierte an der Landammannfeier im Dezember 2014.
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Spiess-Hegglin ging am nächsten Morgen mit Unterleibsschmerzen ins Spital. Erinnern konnte sie sich gemäss eigenen Aussagen an nichts.
Ihr Kantonsratskollege Markus Hürlimann (SVP) geriet darauf in den Verdacht, sie mit K.-O.-Tropfen gefügig gemacht zu haben und wurde verhaftet. Hürlimann stritt einen Übergriff jedoch ab. Das Verfahren gegen ihn wurde schliesslich eingestellt.
Im April sollten die beiden erneut vor Gericht stehen. Hürlimann und Spiess-Hegglin haben sich aber auf einen Vergleich geeinigt.

Der Vorfall, der die Justiz jahrelang beschäftigte, passierte an der Landammannfeier im Dezember 2014.

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Auch ihren Verein will Spiess professionalisieren, personell aufstocken und zu einer anerkannten Institution machen. Bis jetzt arbeitet sie ehrenamtlich, nun sucht sie Geldgeber. Eigentlich sollte dies Aufgabe des Staates sein, meint sie.
Jolanda Spiess sieht sich in einer ähnlichen Rolle wie Monica Lewinsky, Protagonistin von Bill Clintons Sex-Affäre: «Sie war das erste Medienopfer der Welt-Geschichte im neuen Zeitalter Internet. Ich war das erste Medienopfer der Schweizer Geschichte im neuen Zeitalter Social Media.»

Hätten die Schweizer die Online-Plattformen nicht als virtuellen Stammtisch verstanden, wäre ihr sehr viel erspart geblieben, sagt Spiess. Vor allem der Produktionsdruck der Boulevardmedien, immer neue Klick-Geschichten für Social Media produzieren zu müssen, sei fatal für sie gewesen.

Derzeit führt Spiess einen Strafprozess gegen die «Weltwoche» und einen Zivilprozess gegen den «Blick». (mau)

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