Schweiz

Die Mehrheit will tschutten

Geisterspiel: YB und Kriens im leeren Stade de Suisse.

Geisterspiel: YB und Kriens im leeren Stade de Suisse.

Falls die Pandemie es zulässt, wird die Saison der Swiss Football League trotz vieler offener Fragen wohl ab dem 8. Juni fortgesetzt.

Am 11. Mai ins Mannschaftstraining einsteigen, wow! Ab dem 8. Juni wieder in der Meisterschaft spielen, wow!

Nachdem der Bundesrat am Mittwoch die Lockerungsmassnahmen für den Profifussball bekannt gegeben hat, sagt YB-Captain Fabian Lustenberger: «Es ist schön, zu Hause bei der Familie zu sein. Dennoch bin ich froh, wieder meinem Beruf nachgehen zu dürfen.» Endlich zwei Lichtlein am Ende des langen Tunnels der Ungewissheit.

Ganz anders hat Raphaël Nuzzolo in Neuenburg den Entscheid aus Bern aufgenommen: «Ich spiele fürs Leben gern Fussball. Aber ich sehe keinen Sinn darin, mit Geisterspielen fortzufahren. Die finanziellen Verluste für einen Klub wie Xamax sind einfach zu gross.» Und schwört, das habe nichts mit dem ungemütlichen Tabellenplatz zu tun und auch nicht mit der Angst, sich auf dem Fussballplatz mit dem Coronavirus anzustecken.

Entscheid an einer ausserordentlichen GV

So unterschiedlich die beiden Spieler ticken, so differiert beurteilen die Klubs die gegenwärtige Situation. Will die Mehrheit überhaupt weiterspielen? Beantwortet wird die Frage demnächst an einer ausserordentlichen GV, wenn die Vereine demokratisch darüber abstimmen. Stand jetzt ist eine Mehrheit dafür, die Saison fortzusetzen. Sie müssen darauf hoffen, dass die Pandemie dies zulässt und der Bundesrat am 27. Mai definitiv grünes Licht gibt.

Während in der Challenge League neun von zehn Vereinen weitermachen wollen, haben sich in der Super League Xamax, der FC Sion und der FC Lugano bereits klar für einen Abbruch ausgesprochen. YB und Servette dagegen möchten weiterspielen. Die anderen wollen abwarten, was die Auslegeordnung in der kommenden Woche ergibt. Luzerns Präsident Philipp Studhalter sagt: «Mit Geisterspielen fortzufahren, geht nicht ohne staatliche Hilfe.» Thuns Markus Lüthi, vor ein paar Wochen noch dezidiert für einen Abbruch, sagt: «Inzwischen habe ich die Komplexität der zwei Varianten <Abbruch oder Geisterspiele> erkannt und bin vorsichtiger geworden.» Man habe an einer Videokonferenz am Donnerstag festgestellt, dass es eine Woche Zeit brauche, um all die Daten aufzubereiten, die ein qualifiziertes Bild verschafften. «Man darf nicht entscheiden, so lange nicht alle Fakten auf dem Tisch sind», sagt Lüthi.

Zum Beispiel jene, was Geisterspiele denn wirklich kosten. Basels Präsident Bernhard Burgener spricht von 300 000 Franken pro Match, Studhalter von 250 000, während Lüthi im Fall des FC Thun von einem Nullsummenspiel redet, weil am Spieltag im Durchschnitt nur 2000 Tickets verkauft würden. Ancillo Canepa, Besitzer des FCZ, hat ausgerechnet, dass es für die ganze Liga 20 Millionen Franken teuer würde.

Am späten Donnerstagabend ist dieser Canepa dann in seiner Funktion als Finanzchef der Swiss Football League im Schweizer Fernsehen zu Besuch gewesen und hat erklärt: «Aus sportlichen und rechtlichen Gründen wollen wir zu Ende spielen, aber es muss finanzierbar sein.» Canepa verriet, dass die Liga dabei sei, einen Stabilisierungsfond in der Grösse von einem dreistelligen Millionenbetrag auf die Beine zu stellen. «Die Grundidee ist, durch einen Finanzpartner zu den erforderlichen Mitteln zu kommen. Unter der Voraussetzung, dass der Bund eine Bürgschaft dafür leistet.»

Lüthi ist skeptisch: «Das wird kaum zeitgerecht vor unserem Entscheid auf dem Tisch liegen.» Und was ist mit den 50 Millionen Franken, die der Bund für den Profisport zur Verfügung gestellt hat? «Das tönt gut, ist in der Praxis aber ein Nonvaleur», sagt Lüthi. «Nicht praktikabel, weil man sich erst eine Sekunde vor dem Konkurs melden kann.»

Die Lage ist bedrohlich. Die Verantwortlichen der Liga haben am Tag der Arbeit viel gearbeitet, um nach weiteren Lösungen zu suchen. «Wir sind auf staatliche Hilfe angewiesen», meldet Präsident Heinrich Schifferle aus dem Homeoffice. «Ich arbeite schon den ganzen Tag an diesem Begehren.» Die kleine Hoffnung, die Klubs könnten auch nach einem Start mit Geisterspielen noch vom Modell der Kurzarbeit profitieren, hat sich in Luft aufgelöst. In der «Tribune des Genève» haben Westschweizer Parlamentarier deutlich gemacht, dass dies ein Missbrauch wäre.

Maurice Weber, Präsident des FC Wil aus der Challenge League, hat die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben: «Vielleicht gibt es ja vom 11. Mai bis 8. Juni etwas Geld; so lange wir nur trainieren.» Und Weber gibt noch eine mögliche Erklärung dafür ab, weshalb so viele Challenge League Klubs die Saison beenden wollen: «In unserem Fall macht das Fernsehgeld 25 Prozent unseres Budgets aus.»

Was wären die Konsequenzen, würde die SFL gegenüber Cinetrade vertragsbrüchig? Es sind unendlich viele Fragen, die auf den Nägeln brennen. Sicher ist nur, was Liga-CEO Claudius Schäfer sagt: «Wir sind wirklich gefährdet, wenn wir noch lange ohne Zuschauer oder gar nicht spielen können.» Falls auch nach dem 31. August keine Fans zugelassen sind, wird das Damoklesschwert wohl bald auf die ersten Klubs niedersausen.

Autor

Markus Brütsch

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