Nachgefragt
«Die Klagen werden einseitig als glaubhaft angesehen» - der kritisierte Gutachter nimmt Stellung

Der kritisierte Gutachter Daniel Gutsch­ner nimmt im Gespräch mit unserer Zeitung Stellung zu den Vorwürfen an seine Adresse.

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Ein Gutachter der Kesb wurde kritisiert. (Symbolbild)

Ein Gutachter der Kesb wurde kritisiert. (Symbolbild)

KEYSTONE/CHRISTOF SCHUERPF

Die Berufsethikkommission der Psychologen hat mehrere Beschwerden gegen Sie gutgeheissen. Weshalb fechten Sie diese an?

Daniel Gutschner: Die Entscheide sind nicht nachvollziehbar. Es wird nicht dargelegt, worin mein Fehlverhalten liegen soll. Gleichzeitig werden die Klagen der Beschwerdeführer einseitig als glaubhaft angesehen, meine Stellungnahmen aber ignoriert. Die Berufsethikkommission hätte zur Beurteilung der Beschwerden weitere Personen befragen können. Wir haben die Gutachten immer zu zweit durchgeführt – unter anderem um sicherzustellen, dass die Gesprächsinhalte realitätsgerecht wiedergegeben werden. Heute werden sogar alle Gespräche im Einverständnis mit den Betroffenen aufgezeichnet.

Wieso treten Sie aus dem Verband der Psychologen aus?

Ich hätte mir von meinem Verband mehr Unterstützung gewünscht in diesen Verfahren. Ich habe den Eindruck, dass er meine Sichtweise zu wenig gewürdigt und meine Interessen zu wenig stark vertreten hat. Nach jeder Begutachtung stelle ich meinen Auftraggebern Evaluationsbögen zu. Ich frage sie unter anderem, ob sie mit dem Gutachten zufrieden sind, ob die Empfehlungen nachvollziehbar waren etc. Die Auswertungen zeigen, dass die Auftraggeber damit fast ausschliesslich zufrieden oder sehr zufrieden sind.

Wie erklären Sie sich, dass ausgerechnet gegen Sie mehrere Beschwerden eingegangen sind?

Zunächst: Es handelt sich faktisch nicht um unabhängige Verfahren. Die Beschwerdeführenden haben sich mitein­ander abgesprochen. Ich kann nichts zu einzelnen Fällen sagen, denn ich unterstehe der Schweigepflicht. Alle diese Beschwerden betreffen komplexe Familienrechts-Fälle, in denen die Kesb oder ein Gericht ein Gutachten erstellen liessen. Also um Situationen, in denen Eltern, die sich getrennt haben, sich nicht darüber einigen können, wer künftig welchen Kontakt zu den Kindern haben kann. Ich habe Verständnis, dass Feststellungen in solchen Gutachten für die Betroffenen nicht immer einfach zu akzeptieren sind. Jedoch muss berücksichtigt werden, dass die Kesb oder das Gericht nach Prüfung aller Informationen die Gutachten bewerten und den darin formulierten Empfehlungen nur folgen, wenn sie sie nachvollziehen können und für richtig halten.

Gibt es Ihnen zu denken, wenn ein Kind sagt: «Der Gutachter und der Richter sind Verbrecher»?

Zum betreffenden Fall darf ich nichts sagen. Wenn ein Kind so etwas sagt, beschäftigt mich das sehr, denn diesem Kind geht es nicht gut.

Empfehlen Sie auf unsorgfältige Weise Fremdplatzierungen?

Eine Begutachtung ist ein sehr aufwendiger, sorgfältiger und detaillierter Prozess, der zum Beispiel Auskunft darüber geben soll, welche Massnahme für das Wohl des Kindes am besten ist. Eine Fremdplatzierung ist nur eine von vielen Optionen. Es gibt auch unterschiedliche Platzierungen. Ein Kind kann zum Beispiel temporär fremdplatziert werden, um es vom Druck eines Loyalitätskonflikts zu entlasten. In dieser Zeit können das Kind und die Eltern therapeutisch dabei unterstützt werden, eine gute Besuchsregelung zu finden. Es geht immer in erster Linie darum, dass sich ein Kind bestmöglich entwickeln kann.

Fremdplatzierungen gelten als traumatisierende Erlebnisse.

Wir versuchen immer, das Bestmögliche im Sinne des Kindeswohls zu erreichen. Manchmal ist eine Fremdplatzierung die beste Lösung. Ist ein Kind physischer, aber auch psychischer Gewalt ausgesetzt, soll es davor geschützt werden. Studien zeigen, dass eine temporäre Fremdplatzierung entlastender ist.

Wenn Sie Ihre Arbeit selber beurteilen müssten: Was für ein Fazit ziehen Sie?

Ich mache diese Arbeit schon sehr lange. Oft geht es um sehr schwierige Situationen. Die Betroffenen leiden sehr darunter. Ich arbeite nach bestem Wissen und Gewissen. Angenehm ist das nicht immer.