Analyse

Die Gruppenselektion lässt es uns erkennen: Wir sind alle Rassisten – aber nicht nur

Wir sind Rassisten. Aber nicht nur.

Wir sind Rassisten. Aber nicht nur.

Die eingeborene Abneigung gegen alles Fremde und die Moralität haben eine gemeinsame biologische Wurzel: die Gruppenselektion. Aber wir sind nicht nur biologisch gesteuert, sondern auch Vernunftwesen.

Wir sitzen in einem Vorortszug und fahren Richtung Zentrum. Drei junge Schwarze steigen ein, unterhalten sich ziemlich laut, wie wenn niemand da wäre. Das Kopfkino springt an. Unnötig, zu schildern, was losgeht. Jedem wird Ähnliches durch den Kopf gehen. Vielleicht nicht gerade der Film aus der übelsten untersten Schublade, aber unser Hirn produziert, was – würde man es äussern – unbestreitbar als «Rassismus» angesehen wird.

Natürlich wissen wir – als zivilisierte Leute –, wie man damit umgehen muss. (Dass man dieses zivilisierte «Damit-Umgehen» inzwischen «Politische Korrektheit» nennt, ist allerdings nicht gerade hilfreich.) Es ist die ganz normale Weise, wie wir mit einer Emotion umgehen. Wir spüren sie und schicken sie zurück zum Kontrollzentrum, damit die Reaktion angemessen ausfällt.

Das Gefühl, bereit zu sein, um für das Kollektiv zu kämpfen

Der Auslöser der Emotion ist das Fremde. Alles Fremde ist erst mal unheimlich. Eine ganz alte Erfahrung. Was oder wer nicht zur eigenen Gruppe gehört, also «fremd» ist, soll draussen bleiben. Das kann durchaus auch mit Seuchen und Infektionen zu tun haben, mit denen man unliebsame Erfahrungen gemacht hat.

Der Abwehrreflex soll in erster Linie die eigene Gruppe schützen. Er äussert sich auch in anderen Ausprägungen. Zum Beispiel im «Rally-around-the-Flag»-Reflex, wenn sich die Nation im Falle einer Bedrohung (Krieg, Terrorattacke) um den Anführer schart. Jeder Mannschaftssportler kennt das «Garderoben»-Gefühl, man ist bereit, für den Erfolg des Kollektivs zu kämpfen. Soldaten kennen ähnliche Empfindungen.

Die Rechtfertigung gewisser Vorurteile

So weit, so gut. Dieser Abwehrreflex, die Fremdenangst, ist in zweifacher Hinsicht problematisch. Er ist offenbar angeboren. Und der Glaube, dass gewisse Eigenschaften oder Verhaltensweisen angeboren sind, führt Unbelehrbare dazu, gewisse Vorurteile zu rechtfertigen. Der Mann ist stärker als die Frau. Also muss die Frau dem Mann gehorchen. Das ist mehr als nur ein logischer Fehlschluss (das natürlich auch).

Der andere Punkt ist die Gruppe. Einerseits ist es nicht ganz einfach, einzuräumen, dass soziale Instinkte einen evolutionären Effekt haben. Aber die natürliche Selektion bewertet egoistisches Verhalten nicht in jedem Fall höher und merzt altruistisches aus. Abgesehen davon, dass die Existenz eines Sozialcharakters in der Natur unübersehbar ist: Es gibt auch eine Gruppenselektion. Nicht im Sinne des Vulgärdarwinismus, dass das stärkste Volk überleben soll, sondern raffinierter: Die Gruppe, die im Zeitalter knapper Ressourcen besser, das heisst: sozialer, organisiert ist, schafft es eher, mehr Nachkommen durchzubringen als eine Horde auf den eigenen Vorteil fixierter Egoisten.

Blinde Abneigung gegen Fremde ist allerdings nicht gerade etwas, worauf man stolz sein sollte. Auch wenn sie im Gruppengefühl verankert ist. Noch problematischer ist, dass auch das, was wir als Menschen so hoch einschätzen, dass wir glauben, es sei in der Natur einzigartig, die Moralität, auch hier ihre Wurzeln hat. Moralität heisst, auf die innere Stimme zu hören. Sie sagt uns, was falsch und was richtig ist. Sie hat sich entwickelt, weil uns viel daran liegt, was unsere Gruppenkollegen über uns und unser Handeln denken. Rücksicht, Fairness, Hilfe – das wird geschätzt; Niedermachen, rücksichtslos den eigenen Vorteil suchen eher nicht.

Philosophen pflegen hier den Kopf zu schütteln. Ethik und Biologie – geht nicht. Moralität ist in der Tat mehr als einprogrammiertes Gruppeninteresse. Der Mensch sei nicht nur ein Naturwesen, sagt der Philosoph Immanuel Kant, sondern auch ein Vernunftwesen. Moralische Reputation mag auch sein, einfach der Gruppe gefallen zu wollen. Aber sie kommt nur durch den Umweg über die Vernunft zustande. Gewisse spontane Reaktionsweisen müssen unterdrückt und andere bevorzugt werden. Vernünftig ist Kontrolle auf Allgemeinverträglichkeit. Bauchurteile durch die Vernunft zu überprüfen, heisst die Frage zu stellen: Handle ich so, dass theoretisch die ganze Menschheit zustimmen könnte?

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