Nach einem Monat in der Schweiz war der Deutsche Michael Jakob überfordert. Schweizerdeutsch war viel komplizierter, als der Student dachte. Also gründete er eine Plattform, um sich und seinen Landsleuten Schwiizerdütsch beizubringen. Doch ist das sinnvoll?

PRO von Sabine Kuster, Redaktorin "Leben und Wissen"

«Warum soll nur Mundart mit italienischem Akzent ok sein?»

Sabine Kuster, Redaktorin «Leben und Wissen»

Sabine Kuster, Redaktorin «Leben und Wissen»

Sie müssen nicht unbedingt Mundart reden, aber man lässt sie auch nicht. So bleiben die Deutschen auf ewig die Fremden.

Sollen Deutsche in der Schweiz Skifahren lernen? Obwohl es am Anfang urkomisch aussieht und die meisten nie im Leben so gut fahren werden wie wir Schweizer, die von unseren Eltern schon mit vier Jahren auf die Bretter gestellt wurden und das Skifahren sowieso schon in den Genen haben?

Natürlich! Und die Deutschen sollen dazu auch Schweizerdeutsch lernen, obwohl sie es wahrscheinlich nie akzentfrei sprechen werden. Es ist absurd, dass es die Schweizer nur stört, wenn Deutsche Mundart reden. Schweizerdeutsch mit italienischer, englischer oder französischer Färbung oder die Balkan-Mundart, das finden die Schweizer in Ordnung und manchmal sogar süss. Nur unsere nächsten Sprach-Verwandten dürfen nicht. Ich verstehe das nicht.

Die Deutschen sollen zwar lernen, genau wie unsereins im Konjunktiv höflich ein Bier zu bestellen. Und sie sollen lernen, nur verhalten ehrgeizig zu sein statt offensichtlich selbstbewusst aufzutreten. Aber einen kompletten Satz in Mundart, das traut man ihnen nicht zu. Oder fürchten sich die Schweizer davor, dass die Deutschen nicht nur geschliffener Hochdeutsch, sondern auch noch die Mundart besser sprechen als sie selbst?

Viele gibt es ja nicht, die es trotzdem wagen. Ich kenne zwei. Der eine wohnt seit zwanzig Jahren in der Schweiz und hat sich eben einbürgern lassen. Ab und zu flicht er jetzt «es bitzli meh» oder «händ mir amigs gha» in seinen immer noch eloquenten Redefluss. Es fiel mir erst auf, als er mich fragte, wie es denn töne. Der zweite hats von Anfang an versucht. Und jetzt kann ers, ohne aufs Hochdeutsch zurückzugreifen zu müssen. Mit Akzent, und den find ich süss!

Aber die meisten lässt man nicht mal üben. «Probiers nicht, wir verstehen dich auch so», sagt man ihnen. In meinen Ohren tönt das jeweils wie: «Lass das mit der Integration, so richtig wirst du nie einer von uns.» Für ihre Schweizer Freunde mag das nicht stimmen, diese merken womöglich gar nicht mehr, dass der andere Hochdeutsch redet. Aber wo immer ihr deutscher Freund neue Schweizer trifft, und auch wenn er seit Jahren in der Innerschweiz als Primarlehrer arbeitet, werden die anderen denken: «Ein Fremder.»

CONTRA von Benno Tuchschmid, Stv. Ressortleiter Kultur

«Auf Schweizerdeutsch zu bestehen, ist chauvinistisch»

Benno Tuchschmid, Stv. Ressortleiter Kultur

Benno Tuchschmid, Stv. Ressortleiter Kultur

Wir verstehen die Deutschen, wenn sie deutsch reden. Belassen wir es dabei – auch aus akustischen Gründen.

Bitte nicht.

Natürlich, Integration führt über die Sprache. Und gerade Deutsche wollen im Ausland nicht herrisch erscheinen. Keine bösen Erinnerungen wecken. Sich anpassen. Verständlich. Und auch nett gemeint. Aber trotzdem: Bitte nicht.

Die Adaption des Schweizerdeutschen ist definitiv der falsche Ort, um historisch begründete Demut zu demonstrieren. Einfach auch aus akustischen Gründen. Wenn italienisch-sprechende Menschen schweizerdeutsch reden, dann klingen sie wie Viktor Giacobbo. Maggedegagge.

Wenn französischsprechende Menschen Schweizerdeutsch reden, dann klingen sie wie leicht angetrunkene Ostschweizer. Charmant. Wenn aber Deutsche versuchen, Schweizerdeutsch zu reden, dann klingen sie wie Deutsche, die versuchen schweizerdeutsch zu reden. Wi Tüüütschi, kopfertelli.

Germanisiertes Schweizerdeutsch klingt ungewollt immer leicht veräppelnd und überheblich, obwohl es genau das Gegenteil erzeugen soll. Natürlich, es gibt süddeutsche Ausnahmen, Ottmar Hitzfeld zum Beispiel. Aber sie sind selten. Viel stärker verbreitet sind jene, die der partiellen Übernahme von Mundart-Begriffen frönen. Das heisst: Einzelne schweizerdeutsche Wörter übernehmen, weil die so «schüli» ulkig und niedlich klingen. Ganze Horden von abgehalfterten deutschen Comedians haben schon versucht, mit diesem Witz durch mittelgrosse Schweizer Hallen zu touren. Weil ihnen sonst nichts mehr in den Sinn kommt. Grässlich.

Nun, klar. Das waren jetzt alles sehr subjektive, politisch äusserst unkorrekte Gründe gegen schweizerdeutsch-sprechende Deutsche. Sehr generalisierend. Ich bitte zu entschuldigen.
Aber es gibt auch einen wirklich guten, äusserst simplen Grund, wieso Deutsche in der Schweiz deutsch reden sollten: Deutsch wird von jedem Deutschschweizer verstanden. Schweizer, die auf Schweizerdeutsch bestehen, leiden unter diesem helvetischen Sprachminderwertigkeitskomplex und sind letztlich nichts anderes als Chauvinisten.

Auch darum, liebe Deutsche: Bitte nicht.