Tourismus

Die befremdliche Bestrahlung eines Schweizer Nationalsymbols

Am 19. April leuchtete das Matterhorn in den Farben Chinas.

Am 19. April leuchtete das Matterhorn in den Farben Chinas.

In Zeiten von Corona bestrahlen die Walliser nun seit Wochen ihren Hausberg Matterhorn. Eine geschickte PR-Aktion in Zeiten, in denen zahlungskräftige Klientel aus China und Bahrain fernbleibt.

Licht schenken in dunklen Zeiten, das wäre ja grundsätzlich eine schöne Idee von gar spiritueller Dimension, so weit, so nachvollziehbar. Gerade in Corona-Krisenzeiten lechzen die Menschen weltweit nach ein wenig Halt und Beständigkeit, nach einem Fels in der Brandung. Da eignet sich ein riesiger, ewig alter Berg wie das Matterhorn als Symbol auch ganz gut.

Es fing alles noch einigermassen harmlos an, der Lichtkünstler Gerry Hofstetter, der das Matterhorn schon vor Jahren mit Schweizerkreuzen gesprenkelt hat, projizierte aus 3,8 Kilometern Distanz ein #hope an den Felsen, rote Farbe, ein bisschen grell, für Naturfreunde ein Aufreger. Doch die meisten Leute im Dorf bekamen davon sowieso nicht viel mit, ausser, es ploppte gerade ein Foto in den Sozialen Medien davon auf.

Länderfahnen an den Felden projiziert

Die Aktion stiess im Ausland jedoch auf reges Interesse, kein schlechter Deal, im Grunde, ist Zermatt als Tourismusdestination in Zeiten von Reiseverbot und Angst vor dem chinesischen Touristen als Virenschleuder auf ein bisschen Aufmerksamkeit verständlicherweise doch angewiesen. Und ein Wahrzeichen als Träger von Hoffnung und Trost ist doch im Grunde auch was Schönes, wie, wenn Kirchenglocken läuten, unter normalen Umständen kann das nerven, gibt einem in unsicheren Zeiten dann aber doch irgendwie Halt.

Irgendwann hat die ganze Strahlaktion jedoch neue, befremdlich anmutende Dimensionen angenommen, Länderfahnen wurden an den Felsen projiziert, zuerst Italien, dann Deutschland, jetzt China, Saudi-Arabien, Katar, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate.

Die Vereinigten Arabischen Emirate reagierten auf diese als Solidaritätsaktion getarnte Schmeichelei prompt mit der Bestrahlung ihres höchsten Turms mit dem Schweizerkreuz. Der Burj Khalifa, das höchste Bauwerk der Welt, erstrahlte in einem rot-weissen Licht, als wäre grade 1. August und die Schweiz der Hauptsponsor der nächsten Golfstaaten-WM. Schweizer Botschaftsvertreter in Dubai jubeln derweil auf Twitter, wie "touching", wie rührend das Ganze doch ist.

Für die Tourismusverantwortlichen in der Schweiz ist das sicher auch rührend, immerhin stehen Gäste aus Ländern wie China und Saudi-Arabien mit zuoberst auf der Liste der finanziell potenten Touristen, die der Schweiz stabil anständige Einnahmen bringen und sie touristisch am Leben erhalten.

Die Schweiz als Aushängeschild von politischer Neutralität, die sich weltweit für die Förderung von Menschenrechten einsetzt, hat bei dieser Aktion leider eine temporäre Amnesie erlitten. Natürlich streiten die Tourismusverantwortlichen vehement ab, dass diese Aktion einen Werbehintergrund hat, das offizielle Motto lautet denn auch "Licht ist Hoffnung", ja, dann hoffen wir mal, dass zukünftig Schweizer Wahrzeichen, die schon vor uns allen da standen und sich neutraler Beständigkeit erfreuen, nicht für touristische Propaganda missbraucht werden, die sich wirtschaftlich zwar nahtlos in Landesinteressen reiht, vielleicht aber nicht ganz so sehr in unsere menschliche Wertehaltung und humanitäre Tradition.

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