Auflösung Ostblock
Die Auflösung des Ostblocks im Wunderjahr 1989

Vor 20 Jahren rauschte eine politische Revolution durch Osteuropa. Wegbereiter war der Sowjetführer Michail Gorbatschow.

Drucken
Teilen
03_gorbatschow_fhe.jpg
10 Bilder
Der Mauerfall in Berlin Drei junge Ost-Berliner laufen am 10. November 1989 jubelnd durch einen Berliner Grenzübergang
Der Mauerfall in Berlin Die ersten Trabis warden am 10. November 1989 am Berliner Grenzübergang Checkpoint Charlie von unzähligen Menschen begrüsst.
Der Mauerfall in Berlin Mit Wunderkerzen in den Händen freuen sich die Menschen auf der Berliner Mauer über die Öffnung der deutsch-deutschen Grenzen.
Der Mauerfall in Berlin Ein provisorisch angebrachtes Schild weist Bürgern aus der DDR den Weg in die BRD
Der Mauerfall in Berlin Ein Monat zuvor ware ein solches Bild noch undenkbar gewesen: DDR-Volkspolizisten unterhalten sich im Dezember 1989 an der Mauer vor dem Brandenburger Tor mit einem Westberliner Polizisten.
Der Mauerfall in Berlin Zwei DDR-Grenzsoldaten nehmen auf der Berliner Mauer am 10. November 1989 Blumen entgegen.
Der Mauerfall in Berlin DDR-Bürger warden am 14. November 1989 am neuen Grenzübergang Stubenrauchstrasse in Berlin von ihren westdeutschen Nachbarn begrüsst.
Der Mauerfall in Berlin Junge Menschen klopfen Stücke aus der Berliner Mauer.
Der Mauerfall in Berlin Am zweiten Tag nach Grenzöffnung rollte die Papplawine an allen Grenzübergängen in den Westen. Die DDR-Bürger sorgten mit ihren Trabis für ein neues Strassenbild in den alten Bundesländern.

03_gorbatschow_fhe.jpg

Keystone

Christian Nünlist

Der Kalte Krieg endete 1989 ohne grossen Knall, dafür mit vielen kleinen Wundern: Mit Hammer und Meissel zerschlugen Berliner ihre Mauer in Souvenirsteine, während im Hintergrund Beethovens «Ode an die Freude» durchs Brandenburger Tor dröhnte. Ein Demonstrant verteilte bewaffneten Polizisten Blumen vor einem Schild mit der Aufschrift «Havel ins Schloss» - wenige Tage später wurde der Dissident tschechoslowakischer Präsident. Der blutige Schauprozess gegen den letzten verbliebenen Stalinisten Nikolae Ceausçescu in Rumänien war die Ausnahme, welche die Regel der friedlichen Revolutionen von 1989 bestätigte.

Ein unerwartetes Happyend

Buchtipps von Christian Nünlist, AZ - Archie Brown, The Gorbachev Factor. New York: Oxford University Press, 1996 - Anatoly Chernayev, My Six Years with Gorbachev. University Park, PA: Pennsylvania State University Press, 2000. - Michail S. Gorbachev, Memoirs. New York: Doubleday, 1996. - Jack F. Matlock, Reagan and Gorbachev. New York: Random House, 2004. - Vladislav Zubok, A Failed Empire: The Soviet Union in the Cold War from Stalin to Gorbachev. Chapel Hill: University of North Carolina Press, 2007. (Kapitel 10)

Buchtipps von Christian Nünlist, AZ - Archie Brown, The Gorbachev Factor. New York: Oxford University Press, 1996 - Anatoly Chernayev, My Six Years with Gorbachev. University Park, PA: Pennsylvania State University Press, 2000. - Michail S. Gorbachev, Memoirs. New York: Doubleday, 1996. - Jack F. Matlock, Reagan and Gorbachev. New York: Random House, 2004. - Vladislav Zubok, A Failed Empire: The Soviet Union in the Cold War from Stalin to Gorbachev. Chapel Hill: University of North Carolina Press, 2007. (Kapitel 10)

Keystone

Aber in der Wissenschaft ist sein Beitrag zum friedlichen Ende des Kalten Krieges inzwischen unbestritten. Für die nach 1989 vor allem in Amerika weit verbreitete These, Reagans Wiederankurbelung der Rüstungsspirale habe den Kommunismus besiegt, gibt es keine Beweise. Nicht westlicher Druck hat die kommunistische Herrschaft im Ostblock unterhöhlt, sondern Gorbatschows Reformen. Die Sowjetunion kollabierte aufgrund von inneren Spannungen und Widersprüchen.

Für den kanadischen Politologen Jacques Lévesque, der das «grosse Rätsel von 1989» analysierte, hat Gorbatschow die Machtverhältnisse transformiert und den Kalten Krieg in Europa beendet. Der britische Historiker Archie Brown nannte sein Buch über 1989 schlicht: «Der Gorbatschow-Faktor». Und tatsächlich: Der Reformer beendete - vor dem Hintergrund der enormen Wirtschaftsprobleme im Sowjetimperium - das Wettrüsten und erlaubt es den osteuropäischen Staaten, nicht-kommunistische Regierungen zu wählen

Keine Osteuropapolitik

Webtipps von Christian Nünlist, AZ - Hervorragender CNN-TV-Dokumentarfilm "«The Wall Comes Down» (1998, 45 Minuten), mit vielen Interviews mit Zeitzeugen, inkl. George H.W. Bush, Michail Gorbatschow, James Baker etc. - Die beste Innensicht von Gorbatschows Entscheidungen im Jahr 1989: Die Tagebucheinträge von Gorbatschows Top-Berater Anatoli Tschernjajew, übersetzt ins Englische vom National Security Archive (Washington, DC) - Schlüsseldokumente aus Warschaupakt-Archiven zur Disintegration des Ostblocks, zusammengestellt 2005 von der ETH Zürich

Webtipps von Christian Nünlist, AZ - Hervorragender CNN-TV-Dokumentarfilm "«The Wall Comes Down» (1998, 45 Minuten), mit vielen Interviews mit Zeitzeugen, inkl. George H.W. Bush, Michail Gorbatschow, James Baker etc. - Die beste Innensicht von Gorbatschows Entscheidungen im Jahr 1989: Die Tagebucheinträge von Gorbatschows Top-Berater Anatoli Tschernjajew, übersetzt ins Englische vom National Security Archive (Washington, DC) - Schlüsseldokumente aus Warschaupakt-Archiven zur Disintegration des Ostblocks, zusammengestellt 2005 von der ETH Zürich

Keystone

Im Dezember 1988 hielt Gorbatschow vor der UNO in New York seine wohl wichtigste Rede. Er kündigte einseitige Abrüstungsmassnahmen an und erklärte den Verzicht auf das marxistische Konzept vom internationalen Klassenkampf. Sein denkwürdigster Satz lautete: «Wir sind weit davon entfernt, zu beanspruchen, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein.» Eine erstaunliche Kapitulation im ideologischen Wettstreit mit den USA.

Misstrauen im Westen

Der Westen tat sich allerdings schwer, über seinen eigenen Schatten zu springen. Der deutsche Kanzler Helmut Kohl verglich Gorbatschow 1986 mit dem Nazi-Propagandisten Joseph Goebbels. Auch US-Präsident Ronald Reagan änderte seine Meinung über den neuen Kremlchef erst nach der «Revolution von Reykjavik» (Henry Kissinger). Das Treffen von Ende 1986 war einer der zentralen Wendepunkte im Kalten Krieg: von diesem Moment an vertrauten Reagan und Gorbatschow einander fast blind. Als Reagan 1988 in Moskau gefragt wurde, ob er die Sowjetunion immer noch - wie 1983 - als «Reich des Bösen» betrachte, antwortete er: «Nein, das war in einer anderen Ära.»

Einen Dämpfer gab es aber, als Reagan im Januar 1989 von George H.W. Bush abgelöst wurde. Die Bush-Regierung misstraute Gorbatschow und legte den Dialog mit Moskau auf Eis. Zum ersten Treffen mit Bush kam Gorbatschow erst im Dezember in Malta. Sein Topberater Anatoli Tschernjajew nannte 1989 deshalb «das verlorene Jahr». Gleichzeitig war Gorbatschow im «Wunderjahr» stark absorbiert von den wachsenden Wirtschaftsproblemen im Innern und der volatilen Situation in den baltischen Staaten und im Kaukasus. Bereits im Mai erklärte Gorbatschow jedoch während einer Politbüro-Sitzung klipp und klar: «Wir werden keine Gewalt einsetzen, weder im Innern noch in der Aussenpolitik.» Darin hielt er fest, auch als der Ostblock kurz darauf aus den Fugen geriet.

Das Ende von Stalins Erbe

Die Osteuropäer hingegen nutzten 1989 das Vakuum in den Supermächte-Beziehungen. Oppositionelle zogen mutig und in immer grösseren Massen auf die Strasse. Den Anfang machten, wie immer, die Polen: Der spektakuläre Erdrutschsieg von Solidarnosc im Juni war das erste politische Erdbeben. Danach überschlugen sich die Ereignisse. Im September öffneten die ungarischen Reformer die Grenzen, worauf eine wahre Flut an Ostdeutschen nach Ungarn strömte. Hinter den Kulissen übten die Sowjets grossen Druck auf die DDR-Regierung aus, nicht mit Gewalt gegen die Demonstranten vorzugehen. Das grosse öffentliche Finale des Kalten Krieges war der Mauerfall in Berlin am 9. November. Tschernjajews Tagebuchnotiz reflektiert die historische Nacht mit erstaunlicher Nüchternheit: «Das ist das Ende von Jalta, das Ende von Stalins Erbe und dem Sieg über Hitler-Deutschland. Das ist alles Gorbatschows Verdienst.»

Seither wehrt sich Gorbatschow vehement gegen den Vorwurf, die Sowjetunion habe den Kalten Krieg «verloren». Er argumentiert, die ganze Welt habe vom Ende der Ost-West-Konfrontation profitiert, auch die Sowjetunion. Auch Reagan schrieb in seinen Memoiren, dass 1989 nicht ein Land ein anderes besiegt habe, sondern eine Idee eine andere. Genau das geschah, als Gorbatschow ab 1985 die «Idee» reformierte, auf der sein Land aufgebaut war. So befreite er die Sowjetunion und den Ostblock von den Fesseln eines totalitären politischen Systems. Für seine konstruktive Rolle in der Endphase des Kalten Krieges erhielt Gorbatschow 1991 den Friedensnobelpreis.

Aktuelle Nachrichten