Man schrieb das Jahr 1678, als die Menschen in Fiesch vor Gott und der Welt kundtaten, ab sofort tugendhafter zu leben, damit der Gletscher sein Wachstum einstelle. Denn die Eiszunge kam damals dem Dorf im Nordosten des Wallis gefährlich nahe. Der damalige Pfarrer Johann Joseph Volken übermittelte das Gelübde an den Vatikan, wo es prompt beglaubigt wurde. Und so beteten die Fiescher fortan mit päpstlichem Plazet gegen die eisige Bedrohung.

Dann aber drehte das Klima. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts hatte sich der Aletschgletscher nicht nur komplett aus dem Tal zurückgezogen, sondern begann auch dort zu schrumpfen, wo er für die Fiescher und die umliegenden Gemeinden keine Gefahr mehr darstellte.

An die Stelle von Angst trat angesichts der rapide schwindenden Eismassen allmählich Wehmut. Oben am Gletscher sei er eines Tages gesessen und habe zugeschaut, wie dieser langsam schmelze, erzählt der Gommer Regierungsstatthalter Herbert Volken, ein später Verwandter des umtriebigen Pfarrers Johann Joseph.

Er habe an die Trinkwasserversorgung gedacht und sich an die Vorfahren erinnert, «alles mutige und gescheite Leute, die auch ihre Probleme mit dem Aletschgletscher hatten». Also beschloss er, erneut beim Papst vorstellig zu werden, diesmal allerdings, um das Gelübde umzudrehen.

Mit Erfolg. Zu seiner Überraschung zeigte Papst Benedikt XVI. im Jahr 2010 ein offenes Ohr für das klimapolitische Anliegen und ermächtigte die Pfarrei Fiesch-Fieschertal, die Gletscherschmelze in Zukunft in ihre Prozessionsfürbitten aufzunehmen. Seither halten die Fiescher jährlich ein Gletscher-Gelübde ab: Der Aletschgletscher, der grösste seiner Art in den Alpen und zugleich grösste Touristenattraktion der Region, soll wieder wachsen – oder zumindest nicht mehr vor ihren Augen wegschmelzen.

Gletscher gibt Vermisste frei

Gefruchtet haben die Gebete der Fiescher bisher leider nicht. Aktuell verliert der Aletschgletscher an heissen Sommertagen bis zu 20 Zentimeter an Höhe. Zählt man die Abschmelzung im Winter dazu, verflüssigen sich jährlich bis zu 12 Höhenmeter Eis. Führt man sich noch dessen Breite von bis zu 1800 Metern vor Augen, kann man erahnen, welche Ausmasse die Gletscherschmelze inzwischen angenommen hat; beispielsweise war auch der grausige Fund von 2012, als Touristen auf dem Gletscher die Überreste dreier Bergsteiger fanden, die die Eismassen zuvor 86 Jahre lang verborgen hatten, nur wegen der Schmelze möglich.

Und der Aletschgletscher ist nicht allein: Seit Beginn der Industrialisierung um 1850 haben die Gletscher in den Alpen etwa einen Drittel ihrer Fläche und die Hälfte ihrer Masse verloren. Glaziologen rechnen mit einem fast vollständigen Abschmelzen noch in diesem Jahrhundert. Grössere zusammenhängende Eisflächen wie der Aletsch- oder der Rhonegletscher würden zwar überleben, so die Lehrmeinung, allerdings nur in höheren Lagen.

Skulpturen auf dem Rhonegletscher

Juni 2018: Skulpturen auf dem Rhonegletscher

Oberhalb von Gletsch wurde das Gletscherende des Rhonegletschers wie jedes Jahr mit Planen abgedeckt. Die Abdeckung soll das Abschmelzen verhindern. Unter der abgedeckten Gletscherzunge liegt eine der Touristenattraktionen der Schweizer Alpen. Seit 1870 wird hier jedes Jahr eine Höhle mit faszinierend blauen Wänden neu ins Eis geschlagen.

Der Biologe Laudo Albrecht, Leiter des Pro-Natura-Zentrums Aletsch auf der nahen Riederfurka, kann sich noch gut daran erinnern, wie weit der Aletschgletscher seine Zunge früher herausstrecken konnte. Seit Albrecht den Gletscher 1978 das erste Mal fotografierte, hat dieser wieder 1,3 Kilometer an Länge eingebüsst. Unzähligen Gästen hat er die Schönheit des Weltnaturerbes Aletsch gezeigt.

Heute ist das Gebiet gesperrt. Im Oktober 2016 rutschte unterhalb der Moosfluh ein Hang weg und zerstörte mehrere Wanderwege. «Dieses Ereignis hat die Menschen hier stark für das Thema Gletscherschwund und Klimawandel sensibilisiert», sagt Albrecht. Denn über den Grund für den Erdrutsch sind sich die Forscher in der Region inzwischen einig: Ähnlich wie beim letztjährigen Bergsturz am Piz Cengalo oberhalb von Bondo war der Hangrutsch bei der Moosfluh eine direkte Folge der Gletscherschmelze – und somit eine indirekte Folge der Erderwärmung.

150 Millionen Kubikmeter Gestein könnten sich am Aletschgletscher lösen

Juli 2017: 150 Millionen Kubikmeter Gestein könnten sich am Aletschgletscher lösen

Riederalp VS - 14.07.17 - Rund um den Aletschgletscher installieren Geologen ein neues Messsystem, sogenannte «Geophone». Sie wollen damit den Hangrutsch messen und Gefahren besser und schneller beurteilen können. An einigen Stellen verschiebt sich das Gelände bis zu einen Meter pro Jahr. Die Videoreportage zeigt die Gefahren rund um den schmelzenden Aletschgletscher.

Der rasante Rückzug des Aletschgletschers hatte die Bergflanke freigelegt und liess Fels sowie Ofen hinter sich zusammenbrechen. «Nirgends sonst in den Alpen verzeichnen wir so grosse Rutschgeschwindigkeiten wie im Aletschgebiet», sagte jüngst Geologe Hugo Raetzo vom Bundesamt für Umwelt (Bafu). Seit langem wird die Region von Experten der ETH beobachtet. Sie rechnen mit weiteren Felsstürzen und warnen: Würde der ganze Hang abbrechen, käme es zu einem riesigen Bergsturz, der noch viel grösser wäre als jener von Bondo.

Glücklicherweise würde ein Bergsturz in das vom Aletschgletscher geformte Tal stürzen und das Dorf Riederalp nicht direkt gefährden. Gemeindepräsident Peter Albrecht nimmt dennoch eine wachsende Besorgnis unter den Einheimischen wahr.

«Es kommen vermehrt Leute zu mir, die mich fragen, ob man im Aletschwald noch wandern könne oder ob das Besteigen des Gletschers noch sicher sei», sagt der 69-Jährige, der im Dorf Greich unterhalb der Riederalp aufgewachsen ist und schon als Kind auf den Aletschgletscher kletterte. «Ja, alles kein Problem, wenn man gute Schuhe hat», entgegne er dann immer. «Was jedoch viele in der ganzen Diskussion nicht auf dem Radar haben und was mir weit mehr Sorgen bereitet, ist das Thema Wasser.»

Moosfluh-Erdrutsch: stabil und aktiv zugleich

Moosfluh-Erdrutsch: stabil und aktiv zugleich

Die Hangrutschungen am Moosfluh-Hang beim Aletschgletscher sind in diesem Sommer langsamer geworden. Am unteren Hangende kommt es aber immer noch zu Felsabbrüchen. Die Wanderwege im Rutschgebiet bleiben gesperrt. Das gesamte Gebiet wird von Geologen überwacht. (Oktober 2017)

Wegen des Gletscherrückgangs werde die Versorgung der Dörfer mit Trinkwasser künftig zur Herausforderung, weshalb die Gemeinde Riederalp bereits heute Millioneninvestitionen in diesem Bereich tätige. «Es ist schon komisch. In unserer Region haben die Menschen von jeher auf die Umwelt geachtet, beispielsweise waren wir schon immer autofrei. Das alles nützt aber natürlich herzlich wenig, wenn hier dauernd Flugzeuge drüberdonnern.»

Mehr als ein Eisklotz

Doch auch wenn der Rückgang des Aletschgletschers den Menschen in der Region zunehmend Kopfschmerzen bereitet, ein Tourismusmagnet ist er noch immer. «Wir verzeichnen seit Jahren einen Zuwachs von ausländischen Gästen. Der Rückgang des Gletschers hat bisher nicht zu einem Rückgang der Touristen geführt», sagt Valentin König, Direktor der Aletsch-Bahnen AG. Das Aletschgebiet gehöre nach wie vor zu den Top-Ten-Destinationen der Schweiz.

Auch Martin Nellen, der seit 40 Jahren Gletschertouren in der Region organisiert, nimmt keinen Besucherrückgang wahr. «Der Aletschgletscher hat nichts von seiner Faszination verloren», sagt der 65-Jährige. «Mit seinen eleganten Formen gibt er bereits aus der Ferne ein gewaltiges Bild ab. Wenn man aber einmal drauf ist, ist das nochmals eine ganz andere Geschichte. Dann hat er fast etwas Mystisches.»

Das langsame Sterben des Gletschers, wie Nellen es nennt, tue ihm im Herzen weh. «Der Aletschgletscher ist für die Leute hier mehr als einfach ein Eisklotz.» Die Änderung des Gelübdes sei ein netter PR-Gag gewesen, «eine Mischung aus Frömmigkeit und Schlitzohrigkeit». Es mache eine gute Geschichte her, doch sollte man sich nicht allein aufs Beten verlassen.

Das sieht auch Nellens langjähriger Freund, der Geologe Laudo Albrecht, so: «Das Gletscher-Gelübde gehört zum katholischen Wallis, das ist gut so. Doch sollten sich die Menschen hier auch Gedanken machen, wie sie sich dafür einsetzen können, dass ihre Enkel ebenfalls noch etwas vom Aletschgletscher haben.»