Gretzenbach
«Der Mix der Aufgabengebiete lag mir»

22 Jahre lang war er auf der Gretzenbacher Gemeindeverwaltung so etwas wie die «gute Seele». Nun tritt Gemeindeschreiber Hans Beer in den Ruhestand. Im Interview hält er Rückschau.

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Hans Beer

Hans Beer

Oltner Tagblatt

Beat Wyttenbach

Welche Bilanz ziehen Sie nach 22 Jahren als Gemeindeschreiber?
Hans Beer: Eine positive. Dankbar blicke ich zurück in der Überzeugung, einen sinnvollen Einsatz geleistet zu haben. Nach meiner Tätigkeit in der Privatwirtschaft in verschiedenen Branchen wechselte ich in die Verwaltung. Der Dienst für die Gemeinde lag mir nahe, hatte ich mich doch vorher aus Interesse an öffentlichen Belangen zeitweise intensiv politisch betätigt. Der Beruf des Gemeindeschreibers ist sehr faszinierend. Er umfasst mit Ausnahme von Finanzen und Steuern sachlich eigentlich alle Gebiete der Gemeinde. Die Informationen laufen beim Gemeindeschreiber zusammen, und er kennt mit der Zeit Gemeinde und Einwohner wie kaum jemand. Der Mix der Aufgabengebiete lag mir: Ausführende Tätigkeiten mit anspruchsvollem Schriftverkehr samt Protokollen von Gemeindeversammlungen und Gemeinderatssitzungen, verbunden mit etwas Führungsverantwortung und sehr viel direktem Kontakt mit der Bevölkerung an der Front. Auch technisch bleibt man mit den zeitgemässen Arbeitsmitteln wie Computereinsatz, Internet, Mailverkehr oder Website immer auf einem aktuellen Stand. Der Gemeindeschreiber ist auch oft Ombudsmann. Manchmal konnte ich bei Problemen helfen oder vermitteln, manchmal nicht. Beeindruckt hat mich das grosse Vertrauen einzelner Einwohner, welche sich teilweise mit sehr persönlichen Fragen an mich wandten.

Wie präsentiert sich die Gemeinde Gretzenbach aktuell?
Beer: Gretzenbach ist ein lebendiges Dorf in überblickbarer Grösse mit vielen für die Gesellschaft aktiven Menschen (Behörden, Vereine, Feste). Die Gemeinde weist eine zentrale Verkehrslage und wunderschöne Naherholungsgebiete auf.

Zur Person

Hans Beer wird im Oktober 65 Jahre alt, ist mit Ursula verheiratet und Vater zweier erwachsener Töchter, Rebekka (30) und Deborah (21). Er ist in Gretzenbach aufgewachsen, hat - abgesehen von «ein paar Schweizer Wanderjahren» - stets in der Gemeinde gewohnt und im Dorf die Primarschule besucht. Nach der Bezirksschule in Schönenwerd folgte die Lehre als kaufmännischer Angestellter bei den Schenker Storen in derselben Nachbargemeinde. Dort war Beer - mit einigen Unterbrüchen - bis 1980 tätig, zuletzt als Abteilungsleiter. Es folgten fünf Jahre bei einer Hägendörfer Baumaterialfirma, bevor er sich für die frei werdende Stelle als Gemeindeschreiber bewarb und 1987 die Nachfolge von Franz Ramel antrat. Auch politisch war Hans Beer aktiv: Zuvor sass er für die FdP je acht Jahre im Gemeinde- und im Kantonsrat. Zu seinen Hobbys zählen Schreiben, Fotografieren, Lesen, Musik und Töfffahren. (bw)

Welche Projekte wurden während Ihrer Zeit als Gemeindeschreiber verwirklicht?
Beer: Vor allem waren es grösste Investitionen in die Infrastruktur. Das betrifft sehr viele Erschliessungen neuer Quartiere, die Versorgung (Wasser), den Verkehr (Strassenbau) und die Entsorgung (Kanalisation). Dann aber auch Hochbauten wie das Kindergartenhaus 1988, das Schulhaus Meridian 1993 samt Turnhalle und das Gemeindehaus 2002.

Welche Probleme müssen vordringlich angepackt werden, auch in Zusammenarbeit mit andern Gemeinden?
Beer: Aus Sicht der Verwaltung und des Mannes an der Front muss man sich gegen den zunehmenden Perfektionismus und die Flut neuer Gesetze, Verordnungen und Vorschriften wehren. Meist vom Staat her wird fast alles verplant und reguliert. Und zwar oft auf eine Art und Weise, die in der Praxis weder sinnvoll noch vollziehbar ist. Das macht mir Sorge, und unserem bewährten Staatssystem droht - wenns so weiter geht - der Zusammenbruch.

Soll Gretzenbach eher mit Däniken oder mit Schönenwerd fusionieren?
Beer: Weder noch.

Wie werten Sie die Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat in dieser Zeit?
Beer: Natürlich gut, sonst hätte ich nicht so lange Gemeindeschreiber sein können. Dabei profitierte ich sicher von meiner früheren Tätigkeit als Gemeinderat und Kantonsrat (jeweils acht Jahre für die FdP; Anmerkung der Redaktion). Dadurch konnte ich etwa abschätzen, was man von der Verwaltung oder dem Gemeindeschreiber erwarten würde. Ich hielt mich auch an meine Rolle als Gemeindeschreiber und mischte mich kaum je in die Diskussionen des Gemeinderates ein. Ausser natürlich, wenn mein Aufgabengebiet betroffen war oder ich über Informationen verfügte, welche der Gemeinderat (noch) nicht hatte. Ehrlicherweise will ich nicht verschweigen, dass ich hin und wieder mit Beschlüssen etwas Mühe hatte. Vor allem, wenn ich den Eindruck hatte, sie seien allzu sehr nach Gefühl statt nach Fakten zustande gekommen, oder es habe eine konsequente Linie gefehlt. Natürlich lag das auch etwas an unserem bisherigen System mit grossem Gemeinderat ohne direkte Verantwortlichkeiten. Und vielleicht war der erwähnte Vorteil meiner früheren Gemeinderatstätigkeit hier ein Nachteil. Ich genoss aber immer das Vertrauen des Gemeinderates, und dafür bin ich dankbar.

Wie beurteilen Sie die Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinde Gretzenbach; nach innen wie nach aussen?
Beer: Nach innen bemühen wir uns um eine gute Informationskultur. Aktuelles wird den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sofort weitergeleitet. Zudem trifft sich die ganze Verwaltung samt Gemeindepräsident einmal im Monat zu einer Teamsitzung. Da kommt alles auf den Tisch, was jemanden beschäftigt. Die Information nach aussen war immer eines meiner grössten Anliegen. Im Rahmen der Presseberichte über die Gemeinderatsitzungen versuchte ich, die Informationen über das Gemeindegeschehen der Öffentlichkeit zu vermitteln. Dabei konnte ich auch (an einer relativ trockenen Materie) meine Liebe zum Schreiben etwas ausleben. Meistens gelang es mir auch, die Berichte mit eigenen Fotos zu illustrieren. Ich behaupte, dass aufmerksame Leser über alle wesentlichen Geschehnisse aus Gemeinderat und Gemeinde informiert waren. Zum Informieren gehören aber zwei. Einer, welcher informiert und einer, der sich aktiv informiert. Als Informationsbeauftragter der Gemeinde hatte ich immer etwa Kontakt mit Vertretern von Presse, Lokalradio und in Ausnahmefällen Fernsehen. Ich bemühte mich stets, den Journalisten bei ihrer Arbeit zu helfen.

Welches waren Ihre schönsten Momente?
Beer: Spontan sehe ich keine einzelnen herausragenden Ereignisse. Natürlich freute ich mich, wenn beispielsweise eine komplexe juristische Verfügung oder Vernehmlassung Wirkung zeigte oder wenn ich mit meiner Erfahrung jemandem helfen konnte. Vor allem aber waren es positive Rückmeldungen von Einwohnern, welche meine Art der Arbeit oder Hilfe schätzten. Gerne erinnere ich mich an die frühere Zeit als Zivilstandsbeamter bis zum Jahr 2001 mit über 150 Trauungen (wenn auch ein grosser Teil davon - wohl ohne meine Schuld - auf Dauer nicht «erfolgreich» war). Oder die rund 350 Todesfälle, bei denen ich den Angehörigen mit Rat und Tat beistehen konnte. Dabei gingen mir aber manche Todesfälle persönlich auch sehr nahe, und es kostete viel Kraft, die nötige Distanz für meine Arbeit zu halten. In solchen Situationen ist man seinen Mitmenschen sehr, sehr nahe.

Gab es auch dunklere Augenblicke?
Beer: Das Feuerwehrunglück 2004 war natürlich DAS tragische Ereignis. Aber auch das grässliche Eisenbahnunglück im Jahr 1994 bleibt nach wie vor in Erinnerung. Gerade aber beim Feuerwehrunglück erlebten wir eine Welle von Hilfsbereitschaft und echter Solidarität und Anteilnahme - von der Bevölkerung über die Polizei bis zu Amtsstellen jeglicher Art. Auch das bleibt - und zwar sehr positiv - unvergessen.

Was möchten Sie Ihrer Nachfolgerin mit auf den Weg geben?
Beer: Andrea Flury und ich haben acht Jahre zusammen gearbeitet. Wir kennen einander von der Arbeitsweise und auch von der Persönlichkeit her sehr gut. Sie braucht keine Ratschläge - zudem sind Ratschläge sowieso sinnlos. Jeder muss seine eigenen Erfahrungen machen.

Soll sich Gretzenbach als Standortgemeinde für ein Kernkraftwerk Niederamt stark machen?
Beer: Aus meiner bisherigen Erfahrung mit dem bestehenden Kernkraftwerk seit der Planungsphase als Einwohner und Gemeindeschreiber eindeutig ja.

Wie werden Sie Ihren «Ruhestand» nach der Pensionierung verbringen?
Beer: «Ruhestand» steht schon in der Frage zu Recht in Anführungs- und Schlusszeichen. Vorerst freue ich mich ganz einfach darauf, über meine Zeit frei verfügen zu können. Zwar gibt es viele Pläne. Sie sind aber (noch nicht) klar strukturiert und vor allem nicht terminiert. Meine beruflichen Erfahrungen und Kenntnisse kann ich vermutlich in einigen «Mandaten» ausserhalb der Gemeindeverwaltung weiter verwenden. Das möchte ich auch gerne, um sozusagen «am Ball zu bleiben», soweit mich die Aufgaben interessieren. Zudem kann ich endlich meinen persönlichen Interessen, den Hobbys sowie dem Familien- und Freundeskreis, welche in den Berufsjahren zu kurz kamen, mehr Zeit widmen. Nur als Beispiele seien genannt: Lesen, Schreiben, Fotografieren, Musik (im Musikverein Gretzenbach) und Töff fahren. Schliesslich habe ich mit grosser Begeisterung für eine mir völlig neue Welt vor zwei Jahren die Prüfung für schwere Motorräder bestanden. Und das Schönste: Meine Frau kommt mit auf die Touren. Das bringt im wahrsten Sinne des Wortes frischen Wind ins Leben.

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