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Der Missverstandene: Andreas Meyer tritt als SBB-CEO ab – einst hätte er Chef der Deutschen Bahn werden können

Andreas Meyer war 13 Jahre lang Chef der SBB. Nun tritt er ab. Wer ist der Mensch Meyer hinter dem Manager Meyer? Ein Gespräch über Krisen, Momente der Trauer und über 30 Jahre Ehe mit der gleichen Frau.

Vielleicht schläft Andreas Meyer in diesen Tagen tatsächlich weniger als seine sechs Stunden, die er normalerweise schläft, und versucht derweil, weiter so zu funktionieren, wie er auch die letzten 13 Jahre funktionierte. Er sagt von sich, er habe das Glück, ein warmes Herz zu haben und einen kühlen Kopf. Nun ist Corona da, und mit dem Virus eine Zeit, die niemand hat kommen sehen. Auch wir nicht, als wir uns zu diesem Gespräch trafen, das stattfand an einem milden Tag im Februar. Ein Spaziergang zu einer Zeit, die uns gerade vorkommt, als liege sie Jahre zurück.

Grosse Schanze, Bern, die Sonne scheint, Meyer zielt strebsam auf das ehrfürchtige Altbaugebäude im Hintergrund zu, ehemaliger SBB-Hauptsitz, seine erste gewählte Station, um mir zu zeigen, wo vor 13 Jahren alles begann. Hier wurde er Chef der Bundesbahnen, nach seiner Zeit in Deutschland bei der Deutschen Bahn. Nach Hause kommen, nennt Meyer diesen Schritt, ­obwohl er am Anfang gar nicht recht gewusst habe, was er hier überhaupt soll, «der kleine Meyer aus Deutschland, und die SBB, die doch so gut funk­tionieren. Was soll ich hier noch ändern?»

Seit 13 Jahren wollen die Leute über nichts anderes mit mir sprechen als über Züge. Dieser Job hat alles verändert. Mit einem Schlag wurde ich bekannt. Alles, was ich tue, ist öffentlich. Dabei habe ich diese mediale Aufmerksamkeit gar nicht gesucht. Ich bin zurückhaltender geworden mit den Jahren. Automatisch. Dabei passt das gar nicht zu meinem Naturell.

Bilder für den Kollegenchat

Wir laufen den Gang entlang. Hier, sagt er, sei sein Eckbüro gewesen. Er drückt die Türfalle hinunter, obwohl ihm diese Räume gar nicht mehr gehören, eine Dame fragt irritiert: Kann ich helfen? Meyer setzt sein Lächeln auf, das sich mit Selbstverständlichkeit mischt, guten Tag, Meyer ist mein Name, Meyer von der SBB, ich habe hier mal gearbeitet, können wir mal rein und schauen, wie es jetzt aussieht? Meyer betritt den grossen Konferenzraum, als hätte er nie etwas anderes getan, Jahre der Führung hinterlassen ihre Handschrift, macht ein paar Smartphone-Bilder für den Kollegenchat, dann geht’s schon weiter, auf den Zug nach Wankdorf.

Im März 2008 kündigt die Direktion der SBB ihren Plan an, die Werkstätten von SBB-Cargo in Bellinzona aufzulösen. Der Streik sorgt landesweit für Schlagzeilen. Über 400 Arbeiter legen für einen Monat ihre Arbeit nieder. Die SBB müssen nachgeben, das Werk bleibt offen. Für Meyer ist Bellinzona die erste, grosse Herausforderung, die er meistern muss. Die ersten Negativschlagzeilen zu seiner Person. Und Tausende weitere zu den SBB in den nächsten 13 Jahren. Dichtestress. Technische Störungen. Unfälle. Probleme mit dem digitalen Wandel. Pannenzüge. Falsche Investitionen. Und ein Chef an der Spitze, der für seine Arbeit viel ehrliches Lob erhalten wird, aber auch viele Menschen überfordert zurücklässt.

Viele sagen, ich hätte einen autoritären Führungsstil. Einen deutschen. Ich sehe das nicht so. Ja, ich bin einigen Menschen auf die Füsse getrampelt, vor allem am Anfang. Aber meine engsten Freunde sagen: Andreas, wie zahm du bist, im Vergleich zu deiner Zeit in Deutschland. Beinahe ein anderer Mensch. Und diese Direktheit bewirkt auch vieles. Tiefe. Verlässlichkeit. Ich bin halt kein Ver­zärtelter.

Andreas Meyer führt nun durch die Büroräumlichkeiten am neuen Standort in Wankdorf, einige sehen darin einen Palast für die Verwaltung statt einer ­Repräsentanz für die Arbeiter, und präsentiert den Konferenzraum, Stehpult, Transformationsraum, partizipative Verfahren, Führen als Gemeinschaftsakt. An den Wänden Fotos von SBB-Mitarbeitern, als wäre das alles ein grosses Familienfest, seine Sekretärin nennt er «meine Perle», im Gang Fotos von Meyer mit einer Ananas in der Hand, Grüsse aus dem Sabbatical. Und als ich frage, ob Manager solche Bilder schicken, sagt Meyer: Manager sind auch nur Menschen, wissen Sie.

Er hätte Chef der Deutschen Bahn werden können – und sagte Nein

18 Monate nach Meyers Antritt als Chef der SBB ruft die Deutsche Bahn an, sie wollen ihn zum Chef machen, eine Wahnsinnschance. Doch Meyer sagt Nein. «Ich wusste, dass meine Familie daran zerbrechen würde», sagt er, «und das war mir diese Chance nicht wert.» Fast 30 Jahre verheiratet mit der ­gleichen Frau, immer geblieben, und auf die Frage, warum er sich keine neue ­gesucht hat, entgegnet er, es sei doch eher die Frage, warum sie sich keinen anderen gesucht habe, bei all der ­Entbehrung, die dieser Chefposten auch für die Familie bedeutet. Eine klassische Rollenverteilung hätten sie gelebt, «darauf haben wir uns ­ver­ständigt», nur so habe das klappen können.

Und wenn er nun manchmal die erwachsenen Kinder fragt, wie schlimm das war, Papa selten zu Hause, eine grüne Fläche pro Woche im Kalender für Privates, sagen sie: Du warst schon da, aber oft abgelenkt. Immerhin, sagt Meyer, habe er jeden Anruf seiner Familie entgegengenommen, immer, überall, auch in Verwaltungsratssitzungen, das sei bekannt gewesen und habe jeder akzeptiert, «aber das Leben lässt sich trotzdem nicht in einen Kalender eintragen», man könne Begegnungen nicht planen wie einen Fahrplan, so sei das nun mal, und jetzt, hoffentlich, bleibe noch Zeit für die Familie, für Freunde, für sich selbst, für den Vater, der nicht mehr gehen kann und doch von einer letzten Reise nach Italien träumt, für ein bisschen Strand.

2012 lässt sich Andreas Meyer in Badehosen an der Aare ablichten, zusammen mit seiner Frau Marie-Theres und einer Portion Pommes Frites, er will sich nahbar geben nach all dem Wirbel um seinen Start, nach Unstimmigkeiten mit dem Verwaltungsrat. Eine Repositionierung. Am Tag der Veröffentlichung im «Blick» zerreissen sich die Leute den Mund über Meyer auf dem Badetuch, das Foto wird auch im Verwaltungsrat zum Thema. So schnell so intim, so schnell so publik. Ein Fehler, sagt Meyer heute.

Ich habe den Kommunikationsleuten vertraut. Ich dachte: So bin ich doch, ich mag Pommes, ich mag die Aare, was ist da schon dabei. Und ich mache das oft und gerne. Also ganz authentisch. Mir fehlte die Erfahrung. Ich musste sowieso viele Dinge auf die harte Tour lernen. Dass Leute innerhalb des Unternehmens mich fertigmachen wollten. Kampagnen gelaufen sind. Ich kann damit noch einigermassen umgehen, aber für mein Umfeld war das hart.

Die Eltern, einfache Leute, trauen sich tagelang nicht aus dem Haus

Fotos vom alten Haus in Deutschland tauchen in den Medien auf, Andreas Meyers Frau sitzt abends weinend zu Hause und sagt: Komm, wir gehen zurück nach Deutschland, ich halte das alles nicht mehr aus. Während Andreas Meyer die digitale Transformation vor­antreibt, den Swisspass, die App, Effizienzsteigerung, Dosto-Züge, Krisenmanagement nach Todesfällen, trauen sich seine Eltern manchmal tagelang nicht aus dem Haus. Nicht in den Dorfkern des kleinen Ortes Birsfelden nahe Basel, Heimat von Pöstlern, Bähnlern, Zöllnern. Büezer, stolz, bei Staatsbetrieben zu arbeiten, ein gutes Leben, aber ein einfaches. Und plötzlich der Sohn in den Schlagzeilen mit seinen Millionenboni und der Vater, der auf die Fragen der Dorfbewohner keine Antwort weiss, bei Andreas anruft und fragt: Ändeli, was isch au los mit dier? So kennen wir dich gar nicht. Ändeli, der seinen Vater schon als Bub auf den Rheinhafen begleitet, wo er Wagenladungen kontrolliert und Bremsproben ausführt. Andreas, der während seines Rechtsstudiums als Putzkraft in den SBB-Waggons arbeitet. Und nun: der oberste Bähnler der Schweiz, ein Manager mit Krawatte und Sprechmikro, das ihm am Kopf klebt, und Kritiker, die sagen: Wie eitel Herr Meyer doch ist, selbstfixiert, wie so viele Manager es sind, eine Berufskrankheit.

Mein Lohn ist angemessen. Auch, wenn man das kaum jemandem erklären kann. Ich trage eine grosse Verantwortung. Wenn bei einer Bank etwas schiefläuft, verlieren Sie Geld, bei uns kosten Fehler Menschenleben. Mein Italienischer Freund und frühere Bahnchef wurde wegen eines solchen Fehlers zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Was ist ein Lohn? Eine ­Entschädigung. Ich liebe meinen Job, er hat mir Energie gegeben, mich glücklich gemacht. Aber er hat mich auch ­Lebensqualität gekostet. Alles hat seinen Preis.

SBB-CEO, das heisst 33'000 Leute führen und so viele Passagiere wie noch nie – und gleichsam Nahbarkeit ausstrahlen, an den Schienen stehen und gleichsam diese Aussicht aus dem Tower in Bern Wankdorf, oberste Etage, Konferenztelefonate mit der halben Welt. Die SBB sind ein Traditionsunternehmen, zu hundert Prozent im Besitz des Bundes, kein Mensch will Veränderung, und doch schreien alle nach dem Zug der Zeit. Und fanden in Meyer einen Menschen so stabil wie ein Stück Holz, mit dem man etwas Grosses bauen will, und gleichsam stürmisch, salopp, ein bisschen zu direkt.

Wir steigen in Wankdorf in den Bus Richtung Rosengarten, Andreas Meyer erzählt, wie er als Jugendlicher Herzchirurg werden wollte, Andreas macht Praktika auf einer Bank und in einer psychiatrischen Klinik, studiert Jura, macht das Anwaltspatent, danach kommt die ABB, der Bau von Industrieanlagen. Wenn Andreas Meyer am Grab seiner Grossmutter steht, betet er ein Vaterunser und ein gegrüsst seist du, Maria, streng katholisch erzogen, ab und an besucht er einen Gottesdienst.

Die grosse kollektive Verantwortung – und ein Todesfall in Baden

50 Milliarden Schweizer Franken haben die SBB vom Staat erhalten, in der Zeit, in der Andreas Meyer CEO war. Sehr viel Geld von der öffentlichen Hand, eine grosse kollektive Verantwortung, wie Meyer sagt. Damit umzugehen, sei eine grosse persönliche Verantwortung gewesen. Das – und die Sache mit Bruno. Im August 2019 wird ein SBB-Zugbegleiter am Bahnhof Baden in der Tür eines Waggons eingeklemmt und kilometerweit mitgeschleift. Der Unfalltod wird zum Politikum. Meyer räumt an der Pressekonferenz Probleme ein, aber keine Versäumnisse. Wo Menschen arbeiteten, passierten Fehler, sagte er. Eine Woche vor unserem Treffen im Februar erhält Meyer den Untersuchungsbericht der Unfallstelle, liest ihn durch und weint dabei, «das war für mich kein Scherz».

Den Tränen nahe: SBB-Chef Andreas Meyer äussert sich emotional zum tragischen Unglück am Badener Bahnhof

Den Tränen nahe: SBB-Chef Andreas Meyer äussert sich emotional zum tragischen Unglück am Badener Bahnhof, bei dem ein Zugblegleiter ums Leben kam. (Bellinzona, 8.8.2019)

Bei einem tragischen Arbeitsunfall ist in der Nacht auf Sonntag, 4. August 2019, bei der Zugabfertigung eines Interregios in Baden ein 54-jähriger Chef-Zugbegleiter in der Türe eingeklemmt, mitgeschleift und tödlich verletzt worden. SBB-Chef Andreas Meyer zeigt sich im Interview am Bahnhof in Bellinzona bestürzt und kündigt an, dass bei alle Zugwagen der betroffenen Art die Türschliessung auf den technischen Defekt geprüft wird.

Wir laufen durch den Rosengarten im Spätwinter, noch kaum etwas, das blüht, früher setzte sich Meyer hier auf die Mauer und liess die Füsse baumeln, und wenn er jemanden aus dem Kader anstellen musste, dann nahm er ihn auf einen Spaziergang mit, der Aare entlang, am Bärengraben vorbei, zum Rosengarten hinauf, und wenn man sich bis zur Mauer einig war, wurde unterschrieben.

In diesen Tagen, für Andreas ­Meyer ursprünglich gedacht als Abschiedstage vor dem Rücktritt, haben die SBB den grössten Fahrplanwechsel ihrer Geschichte vorgenommen. Wenn auch das vorbei ist, wird Andreas Meyer noch ein, zwei Gläser Rotwein trinken, «wie eine gefällte Tanne» ins Bett fallen und zehn Stunden durchschlafen. Ab 1. April wird auch das Handy, sonst immer 24 Stunden auf Alarm, ab und zu stummgeschaltet. Dann wird sich Andreas Meyer darauf besinnen, dass er nicht nur aus Management und Zügen besteht und vielleicht rausgehen und spazieren.

Sie haben mich nicht gefragt, wann ich weine. Ich weine, wenn ich sehe, wie mein Vater, dieser stolze Mann, im Alter zusammenfällt. Und mein glücklichster Tag, der war, als meine erste Tochter geboren wurde. Nach dieser langen Zeit, in der wir uns ein Kind wünschten und es nicht klappen wollte. Wir hatten die Hoffnung schon aufgegeben. Und dann kam sie.

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