Gottfried Locher? Nie gehört! Für die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung ist der Oberhirte von 2,4 Millionen Reformierten kaum ein stehender Begriff. Während der Papst – oder einer seiner Bischöfe – für die katholische Konkurrenz zuverlässig Schlagzeilen liefern, krankt der Protestantismus daran, nicht wahrgenommen zu werden. Trotz grossem Engagement in vielen Gemeinden bleiben die Kirchenbänke leer. Wenige wissen, wer die Reformierten sind und wofür sie genau stehen. Zu wenig Profil, zu wenig Einheit, so lautet die Diagnose. Die Rede ist von «Wischiwaschi-Religiosität».

Einer ist angetreten, das zu ändern: Gottfried Locher. Er stellt sich im Juni für eine dritte Amtszeit zur Verfügung. Der Mann mit dem vielsagenden Namen und dem grossen medialen Sendungsbewusstsein will der Kirche ein Gesicht geben – am liebsten sein eigenes. Seine Ambitionen hat er nie unter den Teppich gekehrt. Schon vor Amtsantritt im Jahr 2011 liebäugelte der Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) mit der Idee einer hierarchischeren Kirche, an deren Spitze ein reformierter Bischof thront. Sein erstes Buch von 2014 trägt denn auch nicht umsonst den selbstbewussten Titel: «Der reformierte Bischof auf dem Prüfstand».

Dem Präsidenten soll nicht nur die Rolle des Sachverwalters eines Vereins zukommen, welcher der SEK de facto ist. Nein, das Präsidentenamt soll in eine geistliche Führungsfunktion umgebaut werden, so das Leitmotiv des reformierten Oberhirten. Diese Idee verfolgt Locher konsequent im Zuge einer neuen Verfassung, die jene von 1950 ablösen soll. Die Reform soll noch in diesem Jahr von den Abgeordneten der Kantonalkirchen abgesegnet werden. Wie weit Locher gehen wollte, zeigt ein persönliches «Bischofslogo», das er sporadisch verwendet. Es ist ein Lamm. Ein Verweis auf das «Lamm Gottes» oder aber ein Insignum der Macht.

Synodal, kollegial, personal

Innerhalb der Kirche stösst ein solcher Machtanspruch aber auf Widerstand. «Ein reformierter Bischof in der Schweiz wäre undenkbar», sagt Andreas Thöny, Kirchenratspräsident der Evangelisch-reformierten Landeskirche Graubünden. «Wir sind gegenüber klerikalen-autoritären Führungspersonen sehr skeptisch.» Die Kirche fände immer bei den Menschen vor Ort statt. «Jeder Reformierte macht sich seine Meinung selber.»

Dem weitverbreiteten Unbehagen trugen die Abgeordneten des Kirchenparlaments Ende April Rechnung. Sie haben den Bischof in wesentlichen Punkten aus der Verfassung gestrichen. «Man hat an der Abgeordnetenversammlung gespürt: Den Schritt Richtung Bischof, den wollen wir nicht», sagt Michel Müller, Kirchenratspräsident der Zürcher Landeskirche.

Mit der Namensänderung in «Evangelische Kirche Schweiz» (EKS) gehen die Reformierten zwar einen Schritt Richtung Zentralisierung. Doch die geistliche Leitung übertrugen die 70 Delegierten auf drei Ebenen: die Synode (Kirchenparlament), den Rat und den Präsidenten. Der Präsident muss sich also immer auch auf die anderen Institutionen abstützen, was seine Kompetenzen relativiert. Weiter befand eine Mehrheit der Abgeordneten, dass auch Laien ins Präsidialamt gewählt werden können, womit ein geistlicher Führungsanspruch vom Tisch ist. Schliesslich wollten Locher und seine Ratskollegen die jeweilige Amtszeit des Präsidenten auf sechs Jahre erhöhen. Dieser Vorschlag fiel bei der Mehrheit durch, die Amtsperiode wurde bei vier Jahren belassen. Auch die vorgesehene Vollamtlichkeit des Präsidiums wurde abgelehnt.

«Hätte zurückhaltender agiert»

Lochers Personalie war zuletzt wegen umstrittener Äusserungen und eines angeblichen Hangs zu Luxus in Kritik geraten. Hatte diese Kritik gepaart mit seinen Ambitionen einen Einfluss auf die Zurückhaltung der Abgeordneten?

«Dass Locher das Stichwort des reformierten Bischofs vor Jahren einmal gebracht hat, ist sicher erlaubt», sagt Michel Müller. «An seiner Stelle hätte ich aber zurückhaltender agiert und mein Buch nicht ‹Der reformierte Bischof auf dem Prüfstand› genannt und auch keine Talksendung unter diesem Titel durchgeführt.» Viele würden es schätzen, wie Locher den Reformierten ein Gesicht gebe, sagt Andreas Thöny. «Seine früheren Äusserungen haben aber dazu beigetragen, dass sich eine Mehrheit sagte: Achtung, einer Person nicht zu viel Kompetenz geben.»

Und wie beurteilt Ratspräsident Locher die Entscheide der Abgeordneten? An seiner Stelle antwortet stattdessen der Dossierverantwortliche des SEK, Vizepräsident Daniel Reuter: «Der Rat hat keinen Anlass, die Ergebnisse der ersten Lesung in irgendeiner Art als Niederlage anzusehen», schreibt er. Die Abgeordnetenversammlung habe festgehalten, dass zukünftig alle drei Glieder (Synode, Rat und Präsident) die Aufgabe haben, das geistliche Leben der Kirche zu fördern. Die Formulierung entspreche dem Antrag des Rates und bestehe in der heutigen Verfassung noch nicht, meint er. Zudem sei beschlossen worden, dass der Präsident die öffentliche Stimme der Reformierten sei. «Erstmals wird es möglich sein, mit einer Stimme zu sprechen», so Reuters. Eine zweite Lesung über die Verfassungsreform findet im Sommer statt. Grosse Änderungen sind aber keine mehr zu erwarten.