Mauerfall
Der Faktor Gorbatschow

Die Gorbatschow-Story entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Denn Sowjetführer Michail Gorbatschow wollte ab 1985 die Sowjetunion für weitere Runden im Kalten Krieg fit machen und keineswegs den Kalten Krieg in Europa beenden. Er versuchte, den kommunistischen Staat von innen zu reformieren, ohne ihn aufs Spiel zu setzen.

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Michail Gorbatschow

Michail Gorbatschow

Keystone

Die Sowjetunion stand Anfang der 1980er-Jahre vor enormen innen- und aussenpolitischen Herausforderungen. Die Wahl Gorbatschows im März 1985 war aber kein «Betriebsunfall»: Der 54-Jährige wurde gewählt, gerade weil er als Reformer bekannt war. Das Politbüro hoffte, Gorbatschow werde die Sowjetunion in eine rosige Zukunft führen. Moskau hatte keine andere Wahl, als den Weg von Reformen einzuschlagen. Es brauchte aber den Ausnahmepolitiker Gorbatschow, der dieses Risiko einging. Denn der Ostblock hätte in irgendeiner Form wohl noch lange weiterexistieren können. Gorbatschows grosse Leistung war es, dass er seine Reformen und seine gewaltlose Politik auch dann fortsetzte, als sich unbeabsichtigte Folgen seiner Reformen zeigten.

Buch- und Webtipps Vojtech Mastny / Malcolm Byrne (eds.), A Cardboard Castle (CEU Press, 2005). Auf Englisch übersetzte Originaldokumente aus den Archiven des Warschaupakts. Hier liest man, wie Gorbatschow auf das Tschernobyl-Unglück reagierte und wie er mit den Warschaupaktführern über seine Reformen und seine neue Aussenpolitik diskutierte. Gorbatschows Rede 1988 vor der UNO-Generalversammlung in New YorkHier klicken zum Link

Buch- und Webtipps Vojtech Mastny / Malcolm Byrne (eds.), A Cardboard Castle (CEU Press, 2005). Auf Englisch übersetzte Originaldokumente aus den Archiven des Warschaupakts. Hier liest man, wie Gorbatschow auf das Tschernobyl-Unglück reagierte und wie er mit den Warschaupaktführern über seine Reformen und seine neue Aussenpolitik diskutierte. Gorbatschows Rede 1988 vor der UNO-Generalversammlung in New YorkHier klicken zum Link

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Im Dezember 1988 hielt Gorbatschow vor der UNO-Generalversammlung in New York seine wohl wichtigste Rede. Er kündigte einseitige Abrüstungsmassnahmen an und erklärte den Verzicht auf das marxistische Konzept des internationalen Klassenkampfs. Sein denkwürdigster Satz lautete: «Wir sind weit davon entfernt, zu beanspruchen, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein.» Eine erstaunliche Kapitulation im ideologischen Wettstreit mit den USA.

Im «Wunderjahr» 1989 war Gorbatschow stark absorbiert von den wachsenden Wirtschaftsproblemen im Innern und der volatilen Situation in den baltischen Staaten und im Kaukasus. Bereits im Mai 1989 erklärte Gorbatschow jedoch während einer Politbüro-Sitzung klipp und klar: «Wir werden keine Gewalt einsetzen, weder im Innern noch in der Aussenpolitik.» Daran hielt er fest, auch als der Ostblock kurz darauf aus den Fugen geriet.

Für seine konstruktive Rolle in der Endphase des Kalten Krieges erhielt Gorbatschow 1991 zu Recht den Friedensnobelpreis. Im eigenen Land zahlte er allerdings einen hohen Preis: Bis heute wird ihm von den meisten Russen Hochverrat vorgeworfen - er habe Osteuropa «verloren» und das Sowjetimperium zerstört.

Wir erinnern mit einer 15-teiligen Artikelserie an das "andere 9/11" - an den 9.11.1989 und stellen 15 Wegbereiter des Wende- und Wunderjahrs 1989 vor - politische Akteure, die unserer Meinung nach einen zentralen Beitrag geleistet haben, dass der Kalte Krieg nach 45 Jahren zu Ende ging - und zwar auf die Art und Weise zu Ende ging, wie er zu Ende ging, nämlich weitgehend friedlich und ohne Blutvergiessen.

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