Vielleicht brauchte die Welt den Dalai Lama nie dringender als jetzt. Sein politisches Amt als tibetischer Regierungschef hat der 81-jährige Mönch zwar schon vor Jahren abgelegt. Doch als moralische Instanz ist der «Ozean der Weisheit», wie ihn seine Landsleute nennen, noch immer unübertroffen. Er scheut sich nicht vor Einmischung, bezieht Stellung als Atomwaffengegner, setzt sich für ein autonomes Tibet ein und hält seine Anhänger fast täglich mit politischen Weisheiten auf dem Laufenden. 13 Millionen Menschen folgen ihm auf Twitter, 600 000 mehr als dem selbsterklärten Twitter-König Donald Trump. Eigentlich beruhigend.

Doch weil sich die Welt nicht allein via Twitter verändern lässt, bricht der Dalai Lama von seinem Exil im indischen Dharamsala regelmässig zu Reisen rund um den Globus auf. Der jüngste Trip brachte ihn in die Schweiz, wo er heute Donnerstag im Berner Kursaal vor 1300 Fans zum Thema «Dialog und Solidarität in der globalen Krise» sprach.

Der «chräbelnde» Mönch

Ein grosses Thema, ein schweres Thema, ein Thema, zu dem sich der Dalai Lama eigentlich ein Skript vorbereitet hat. Doch er schaut während seiner Ansprache kaum je auf das Rednerpult. Zu oft hat er in seinem langen politischen Leben solche Ansprachen gehalten. Und seine Message ist im Wesentlichen immer dieselbe: Wir Menschen müssen zusammenkommen, uns als eins erkennen, Freundschaften pflegen und in die Bildung investieren.

Damit allein lassen sich 1300 Zuhörer aber nicht zwei Stunden lang unterhalten. Also packt der Dalai Lama im Gespräch mit dem Moderator ein paar persönliche Anekdoten aus. Dass er beim Kämpfen gegen seinen grösseren Bruder immer «chräblete», also mit unfairen Mitteln agierte, zum Beispiel. Oder dass er vorhin einer hübschen Dame den Lippenstift stibitzte, um sein Mönchsgesicht etwas aufzupeppen. «Chchchchchchchhihihihihihihi!»

Sein Lachen ist weltberühmt – und ansteckend. Selbst der Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät, der den Dalai Lama «in der schönsten Stadt der Welt» willkommen hiess und sich irgendwann neben den erhabenen Gast auf einen der roten Bühnensessel setzt, muss mitlachen. Dabei sei «Tschäppät so närvös, wienine no nie gseh ha», schwört ein Berner Regionalreporter, der sich das Ganze vom Bühnenrand her betrachtet.

Dass Tschäppät ein bisschen nervös ist, glaubt man gern. Schliesslich liess er sich für Schweizer Verhältnisse relativ weit auf die Äste hinaus, als er zusammen mit seinen Regierungskollegen und den Vertretern des Berner «Haus der Religionen» den Dalai Lama einlud. Denn jedes Mal, wenn jemand das tibetische Oberhaupt bei sich begrüsst, steigen die chinesischen Konsuln und Botschafter automatisch auf die Barrikaden. In Peking sieht man es nicht gern, wenn der Dalai Lama eine Bühne für seine Ansprachen erhält, weil die Idee eines autonomen Tibet nicht konform ist mit den geopolitischen Interessen Chinas. Tschäppät aber pfiff darauf und erntet unter den Zuschauern im Kursaal viel Zustimmung. «Der Berner Stapi hat eine klare Einstellung und ein reines Herz. Dass er den Dalai Lama einlädt, jederzeit wiederzukommen, ist stark», meint etwa Thomas Bücheli, Präsident der Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft.

Schöne Nachfolgerin?

Bevor der Dalai Lama nach rund zwei Stunden Power-Show mit viel ansteckendem Gelächter und noch mehr wohlklingenden Harmonie-Schlagworten von der Bühne zieht, hat er noch ein paar spannende Ankündigungen parat. Zum Beispiel die, dass er nicht gedenke, vor seinem 101. Geburtstag abzutreten. Oder den Vorschlag, das westliche Militärbündnis Nato solle doch sein Hauptquartier nach Moskau verlegen und damit den unnötigen Ost-West-Konflikt ein für alle mal beenden. Und auf die Frage, wie das jetzt eigentlich sei mit seiner Nachfolge, meint der tibetische Weltstar: «Ich hätte nichts dagegen, wenn mein Nachfolger eine wunderschöne Frau wäre. Chchchchchchchchchhihihihihi.» Er meine das aber ernst! Entscheiden solle das in ein paar Jahren dann ein Komitee. Er selbst werde sich dann zurückhalten.

Eine Frage noch aus dem Publikum: «Was sagen sie eigentlich zur ausserirdischen Zivilisation?», will eine Dame wissen. Nicht viel, lässt der Dalai Lama verlauten. «Zuerst einmal müssen wir schauen, dass wir das mit der irdischen Zivilisation hinbekommen. Ich hoffe noch immer, dass wir sieben Milliarden irgendwann einsehen, dass wir alle eins und alle gleich sind.»

Grosse Worte eines grossen Mannes. Doch dann ist Schluss. «Lunch time!», sagt der Dalai Lama, packt Tschäppät an der Hand und spaziert lachend davon.