Zwischennutzung

Das Zuhause im Container: Ein Zuhause auf Zeit

Die Containersiedlung steht seit bald einem Jahr. Die Bewohner seien grundsätzlich zufrieden, sagt die Sozialarbeiterin

Die Containersiedlung steht seit bald einem Jahr. Die Bewohner seien grundsätzlich zufrieden, sagt die Sozialarbeiterin

In der temporären Wohnsiedlung Leutschenbach in Zürich lebt es sich wie in einer Gross-WG. Die Wohnräume wirken kühl, Zweckmässigkeit hat Vorrang. Die Bewohner sind trotzdem grundsätzlich zufrieden.

Wer am alten Getränkemarkt vorbeigeht und über eine Treppe den Hof zwischen den zwei Containerzeilen betritt, muss sagen: Doch, das hat was. Die «temporäre Wohnsiedlung Leutschenbach», wie diese aufeinandergeschraubten Container offiziell heissen, wirkt einladend.

Im Hof zwischen den beiden Containerstapeln spielen Kinder, Bewohner sitzen vor den Wohnungen und schauen ihnen zu.

Ganz in der Nähe des Fernsehstudios in Zürich Oerlikon wohnen seit vergangenem Sommer 114 Asylsuchende und vorläufig aufgenommene Personen. Wer hier einquartiert wird, ist Sozialhilfeempfänger und in der Regel über ein Jahr in der Schweiz - doch es können auch mehrere Jahre sein.

Auch das Zuhause im Container ist ein Zuhause auf Zeit: Das Areal, welches der Stadt Zürich gehört, wird von den Bewohnern zwischengenutzt; in voraussichtlich zwei bis vier Jahren soll dort eine Überbauung hin.

Ein Blick in die so genannten Wohneinheiten zeigt dann: Warm ist die Siedlung bloss von aussen. Die Wohnräume wirken kühl; Zweckmässigkeit hat Vorrang. Violeta Stojkovic hat ein Schweizer Fähnlein auf ihrem Kühlschrank platziert. Hoch oben auf dem Holzbuffet sitzen drei Osterhasen. Die neunjährige Bojana übersetzt flink für ihre Mutter. «Kein Problem», sagt Violeta Stojkovic über das Wohnen in der Siedlung.

Kein Problem: Man muss sich nur zu helfen wissen. Mit einem schweren Vorhang hat Stojkovic den lang gezogenen Aufenthaltsraum unterteilt. Sie zeigt auch den Vierkant, mit dem sie die Toilette, die sie, ihr Mann und ihre Tochter benutzen, stets von aussen wieder zusperrt. Es sind Versuche, sich ein bisschen mehr Privatsphäre zu schaffen, Räume für sich zu reklamieren, in einer Wohnsituation, die als Gross-WG konzipiert ist.

Jede Wohneinheit besteht aus vier bis fünf Wohncontainern, einem vorgelagerten Aufenthaltsraum und einem Sanitärraum. Die Wohneinheiten sind von acht bis zehn Leuten bewohnt. Zwar bemühen sich die Verantwortlichen der Zürcher Fachorganisation AOZ, die Wohngemeinschaften so zusammenzusetzen, dass sich die Bewohner verständigen können und einen ähnlichen kulturellen Hintergrund haben.

Dies klappt nicht immer, wie das Beispiel der Familie Stojkovic aus dem Kosovo zeigt: Auf der anderen Seite des Vorhangs leben fünf Männer aus Somalia. Während des Ramadans gab es Probleme: Die Muslime beteten laut, machten einen Teil der Nacht zum Tag. Keine einfache Situation, wenn nebenan eine Zweitklässlerin zu ihrem Schlaf kommen sollte.

Ein Fall für die Sozialarbeiterin. Doch auch Annette Zuniga von der AOZ sagt, das Zusammenleben funktioniere in der Regel gut. «Die Leute sind grundsätzlich zufrieden hier; sie schätzen, dass die Siedlung neu und sauber ist.»

Weil der Privatraum so stark eingeschränkt ist, entstehen aber typische WG-Probleme. Davon weiss auch die schwangere Zareta Vedzizheva aus der Republik Inguschetien zu berichten. Sie ist zwar glücklich darüber, dass sie mit ihrem Mann und den drei Buben im Parterre einquartiert wurde.

Doch: «Die Bewohner nehmen wenig Rücksicht aufeinander. Die einen haben lauten Besuch, die anderen trampeln oben herum, nicht alle putzen. Es ist nur ein Problem wegen der Kinder», meint sie. Auch die Familie aus Inguschetien und ihre WG-Nachbarn haben mit einem Tuch den eigentlich gemeinsamen Raum getrennt. Da aber die beiden Kochherde nebeneinander in der Mitte des Raums stehen, muss eine Familie zum Kochen trotzdem auf die andere Seite.

Keine Raumtrennung gibt es hingegen ganz zuoberst: Hier belegt eine Grossfamilie eine ganze Wohneinheit. Ubah Alkadr Osman wohnt mit ihren sieben Söhnen und einer Tochter hier. Auch hier ist es seltsam karg. Es hangen keine Zeichnungen, es liegt kein Spielzeug herum.

Für die bald neunfache Mutter hat die Siedlung vor allem ein riesiges Manko: Es gibt für sämtliche Bewohner nur zwei Waschmaschinen und zwei Trockner. Die Somalierin lebte 20 Jahre als vorläufig Aufgenommene in der Schweiz; nun hat sie eine B-Bewilligung bekommen. Ihr ältester Sohn wurde kürzlich eingebürgert. Damit lebt nun auch ein Schweizer in der Containersiedlung.

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