Reportage

Das Wallis fühlt sich von der übrigen Schweiz ausgegrenzt

In Skiorten wie Grimentz (Gemeinde Anniviers) wird es in Zukunft kaum noch Zweitwohnungen geben.

In Skiorten wie Grimentz (Gemeinde Anniviers) wird es in Zukunft kaum noch Zweitwohnungen geben.

Die Kantone befürworten das neue Raumplanungsgesetz. Einzige Ausnahme: das Wallis. ZuBesuch in der Berggemeinde Anniviers, die sich von der übrigen Schweiz ungerecht behandelt fühlt.

Vor dem Rathaus von Anniviers blinzelt Gemeindepräsident Simon Epiney in die Sonne und sagt zum Abschied, seine Mitbürger hätten wesentlichen Anteil daran, dass die Schweiz heute UNO-Mitglied sei. Tatsächlich stimmte Anniviers mit über 80 Prozent Ja zur UNO. Es lieferte so das hauchdünne Resultat, mit dem das Wallis ins Ja-Lager kippte und das Ständemehr rettete. «Wir sind sehr offen hier», sagt Epiney - wohl für den Fall, dass die Besucher denken könnten, die Bewohner des engen Tals oberhalb von Siders seien bockige Bergler, nur auf sich selbst bedacht.

Dabei leitet der 63-Jährige die Geschicke einer Gemeinschaft, die sich seiner Ansicht nach in den letzten Jahren vorbildlich verhalten hat: 2009 fusionierten sämtliche Gemeinden des Val d'Anniviers, die Schule wurde zentralisiert, die Tagesschule eingeführt, und auch beim sensiblen Thema Zweitwohnungen zog Anniviers die Bremse an. Umso bitterer stimmt Epiney, dass die Musterschülerin heute «doppelt bestraft» wird: nach dem Zweitwohnungsstopp jetzt mit dem neuen Raumplanungsgesetz (RPG). «Das wird dramatisch», prophezeit Epiney. Wohl ist Anniviers seit der Fusion flächenmässig die viertgrösste Schweizer Gemeinde, doch das Potenzial für neues Bauland beträgt hier laut dem Präsidenten nur noch ein Prozent. Sein Blick geht hinauf in die stotzigen Hänge: «Wie sollen wir denn mit einer Mehrwertabgabe die vielen Rückzonungen finanzieren, wenn es gar nichts mehr einzuzonen gibt»?

Es gibt nur den Tourismus

Epiney spricht von Dutzenden von Millionen Franken - Geld, das die Gemeinde nicht hat. «Bei uns gibt es keine reichen Pauschalbesteuerten, keine Banken, keine Pharmaindustrie und kaum Landwirtschaft. Nur den Tourismus, und diesen trifft das Ja zu Franz Webers Initiative hart. «An Skiorten wie Grimentz, Zinal und Saint-Luc wird bei Quoten von teilweise 80 Prozent in Zukunft effektiv keine Zweitwohnung mehr gebaut. Epiney räumt ein, man habe in der Vergangenheit Fehler gemacht.

Wie fast überall im Wallis besitzen auch in Anniviers rund 80 Prozent der Bevölkerung Boden, ein grosser Teil davon ist nicht bebaut. Land, das für die Kinder bereitsteht und nun, wie Epiney sagt, drastisch an Wert verlieren wird. «Und was geschieht mit all jenen, die ihr Land der Bank verpfändet haben für eine Hypothek?»

Wie viele Personen im Kanton in einer solchen Lage sind, weiss das Walliser Amt für Raumentwicklung nicht. Daniel Wachter vom Bundesamt für Raumentwicklung (Are) hingegen beruhigt: Laut Angaben der eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma) vergäben auch im Wallis die Banken nur in Einzelfällen Kredite für unerschlossenes Bauland. «Die Finma spricht von einem marginalen Problem. In der Regel werden Hypothekarkredite nur im Zusammenhang mit einem konkreten Bau- oder Renovationsprojekt vergeben.»

Epiney bringen solche Aussagen aus Bern auf die Palme. Er wisse aus der Praxis, dass dies gang und gäbe sei. Dem Wallis drohe ein riesiger Wertverlust. Treffen werde es vor allem die kleinen Leute. «Die Promotoren haben ihre Projekte realisiert, die kümmert das neue Raumplanungsgesetz wenig. «In den Reihen der Revisionsgegner wird die Zahl von drei bis vier Milliarden Franken genannt, 4000 Hektaren verlören an Wert. Die Kantonsbehörden halten sich mit Schätzungen zurück; die Kriterien zur Umsetzung werden erst später von Bund und Kantonen definiert.

Nicht nur Bürgerliche laufen Sturm

Die Sorge um den künftigen Wert des Bodens ist im Wallis weit verbreitet: Nicht nur die bürgerlichen Parteien laufen Sturm, auch die SP trägt das Referendum mit. Der Walliser SP-Nationalrat Stéphane Rossini spricht zwar offen davon, dass der Kanton seine Hausaufgaben nicht gemacht und sich jahrelang um die Vorgaben des Bundes foutiert habe. Und er kritisiert: «Diese Situation hat uns die CVP eingebrockt, welche die Einzonung von Bauland als Machtinstrument missbraucht. Dafür dürfen nun aber nicht alle bestraft werden. Dieses Gesetz ist im Wallis nicht umsetzbar.»

In diesem Punkt zumindest geht CVP-Mann Epiney mit Rossini einig. Die Bürgerversammlung von Anniviers werde sicher keine Rückzonungen akzeptieren. Provokativ fordert er: «Sollen die das Problem lösen und finanzieren, die das Gesetz beschlossen haben.» Von einer finanziellen Beteiligung an Entschädigungszahlungen will Bundesrätin Doris Leuthard zwar nichts wissen, nach verträglichen Lösungen sucht aber auch sie. Dabei stehen Fristen oder Etappierungen bei der Umsetzung im Vordergrund.

Im Wallis beruhigen solche Aussagen nicht. «In der Schweiz ist es bald wie in Russland, nächstens führen wir die Kolchosen ein», ärgert sich ein Gast im Restaurant am Platz über das «zentralistische Gesetz». Das «Diktat aus dem Mittelland» bringt auch Simon Epiney in Wut. In den Zentren werde weitergebaut und umgezont, an einem Ort wie Anniviers aber werde Eigentum zerstört.

Dabei tue die lokale Bodenpolitik niemandem weh, im Gegenteil. «Die grossen Baulandreserven halten bei uns die Bodenpreise tief.» Und dann erinnert Epiney, der 16 Jahre lang das Wallis in Bundesbern vertreten hat, an den Sturm der Entrüstung aus den Kantonen Zürich und Aargau, als es um die Umsetzung der Rothenturm-Initiative ging. Da sei heute noch nicht alles erfüllt. Auf eine Bergregion wie das Wallis hingegen gingen jetzt alle los. «Das ist unföderalistisch. Wir verlangen das Recht auf eine eigene Existenz.»

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