Fall Carlos

Das Urteil: Weshalb «Carlos» kein Justizopfer ist

Brian K. alias Carlos ist wieder nicht vor Gericht erschienen.

Brian K. alias Carlos ist wieder nicht vor Gericht erschienen.

Der Richter erklärt, weshalb nicht der «Justizapparat» schuld ist. Die Belege findet er in der Kindheit des Täters.

Mit einem Moment des Pathos beginnen die meisten Urteilsverkündungen. Die Richter treten in den Saal, alle stehen auf, und manchmal hat der Richter einen richtigen Hammer dabei. Die Urteilsverkündung im Fall «Carlos» beginnt anders.

Die Richter sitzen schon da, als die Zuschauer eintreffen. Der Gerichtspräsident blickt auf die Uhr, und weil alle schon da sind und der Angeklagte ohnehin nicht kommen wird, beginnt er früher als angekündigt.

Der Richter liest das Dispositiv Punkt für Punkt vor. Erstens: Schuldig in allen Anklagepunkten. Zweitens: Freiheitsstrafe von vier Jahren und neun Monaten, wovon zwei Jahre schon abgesessen sind. Drittens: Stationäre Massnahme nach Artikel 59 des Strafgesetzbuches, umgangssprachlich: eine kleine Verwahrung.

Mit dem unprätentiösen Auftritt bringt Marc Gmünder, Präsident des Dielsdorfer Bezirksgericht, den Extremfall «Carlos» auf den Boden der Tatsachen. In seiner Rede wird er mit Spekulationen und Verschwörungstheorien aufräumen und erklären, weshalb sich die Taten in groben Zügen so abgespielt haben wie angeklagt.

Die Kriegserklärung mit einem Händedruck

Es geht um 29 Delikte, die Brian K., der unter dem Pseudonym Carlos bekannt geworden ist, in Gefängnissen begangen haben soll. Umstritten war die schwerste Tat, eine versuchte schwere Körperverletzung. Gemäss dem Gericht hat sich der Vorfall wie folgt ereignet.

Tatort ist das Büro des Leiters der Sicherheitsabteilung des Gefängnisses Pöschwies. Brian K. hat soeben erfahren, dass er versetzt wird, weil er andere Insassen angegriffen hat. Da packt er die Hand des Abteilungschefs, blickt ihm in die Augen und sagt: «Jetzt erkläre ich euch den Krieg.» Die Anwesenden wollen in den Augen eine Veränderung bemerkt haben, die sie noch nie bei jemandem gesehen hätten.

Dann schmeisst Brian K. einen Stuhl durch das Büro und prügelt auf einen Aufseher ein. Bei anderen Pöbeleien hat der Thaiboxer seine Schläge bewusst dosiert. Diesmal haut er mit blinder Wut zu. Der «extrem kräftige» Kampfsportler nimmt gemäss Gericht in Kauf, sein ­Opfer schwerwiegend, allenfalls sogar tödlich, zu verletzten. Sechs Aufseher sind nötig, um ihn zu Boden zu drücken.

Viele Fragen bleiben offen, doch das Gericht stuft sie nicht als entscheidend ein: Wie lange hat es gedauert, bis die Aufseher ins Zimmer gestürmt sind? Hat das Opfer den ersten Schlag kommen sehen? Wer ist wo gestanden, und mit welcher Hand hat Brian K. wie viele Male zugeschlagen?

Der Verteidiger hat ein Komplott gegen Brian K. vermutet. Die Aufseher hätten sich vor ihren Einvernahmen abgesprochen. Das Gericht teilt diese Auffassung nicht. Es widerlegt die These, der Täter sei ein Justizopfer.

Zwar sei es richtig, dass Brian K. «schlimme Erfahrungen mit dem Justizvollzug» gemacht habe, sagt der Richter. Er nennt drei Vorfälle: eine überharte Behandlung im Gefängnis in Pfäffikon, den Abbruch des Sondersettings und eine Fixierung in der Psychiatrie. Dies wertet das Gericht als strafmindernd.

Doch die Delikte seien nicht durch Fehlleistungen der Justiz verschuldet, sagt der Richter. Um diese Argumentation des Verteidigers zu widerlegen, geht er weit zurück in der Lebens­geschichte des Brian K. Der ­Gerichtspräsident sagt: «Wenn man sie von Anfang betrachtet, fallen einem über die Jahre immer wieder die gleichen Deliktmuster auf.»

Der pädagogische Super-GAU

Beim ersten Eintrag in den Akten ist Brian K. sieben Jahre alt. Wegen des aggressiven und provozierenden Verhaltens sind in der Schule spezielle Massnahmen nötig. Mit anderen Kindern geht er brutal um. Ein Jahr später kickt er einem Mittelschulmädchen karatemässig gegen die Brust. Mit elf demoliert er in einem Heim sein Zimmer, damit er ein neues erhält.

Mit 14 ist in einem Bericht vom «pädagogischen Super-GAU» die Rede: «Er hat gesehen, dass er alles nur genügend lang sabotieren muss, um seinen Willen durchzusetzen.» Im Gefängnis randaliert er später in seiner Zelle, um eine Versetzung zu erreichen.

Der Richter sagt: «Das Verhalten lässt sich mit Fehlern der Justiz weder erklären noch entschuldigen. Brian K. ist verantwortlich für sein Handeln.» Nun müsse er sich bewusst sein, dass die Zeit der milden Strafen vorbei sei.

Über die verhängte Massnahme spricht der Richter weniger lang als über die Taten. Dabei wird die «kleine Verwahrung» jener Teil des Urteils sein, der vor den nächsten Instanzen zum Hauptthema werden könnte. Die stationäre Massnahme ist gemäss Bundesgericht nur möglich, wenn der Täter ein «Mindestmass an Kooperation» bei der Therapie hat.

Eigentlich ist der Fall klar: Das Mass an Kooperation bei Brian K. liegt derzeit bei null. Da es aber im Bereich des Möglichen liegt, dass das Level in Zukunft steigt, verhängt das Gericht die Massnahme dennoch.

Der Fall lasse sich nicht mit einem Federstrich lösen. «Es braucht kreative Lösungen und Durchhaltevermögen auf allen Seiten. Rückschläge sind dabei unvermeidbar», sagt der Richter. Der Erfolg liege jetzt in der Hand von Brian K.: «Wir hoffen, er ist in der Lage, dies irgendwann zu erkennen.»

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