Medizin
Das Pflegepersonal will mehr Selbstbestimmung

Pfleger wollen nicht jeden Behandlungsschritt von einem Arzt absegnen lassen müssen. Mit einer Lockerung sollen Kosten und administrativer Aufwand reduziert werden. Der Ärzteverband wehrt sich heftig.

anna wanner
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Das Pflegepersonal soll künftig öfter eigenverantwortlich entscheiden können.key

Das Pflegepersonal soll künftig öfter eigenverantwortlich entscheiden können.key

Wenn ein Pfleger den Körper eines Patienten waschen oder dessen Verband auswechseln will, dann holt er in der Regel dafür die Bewilligung einer Ärztin oder eines Arztes ein. Tut er dies nicht, bezahlt anstatt der Krankenkasse der Patient für die Behandlung. Ohne Unterschrift des Arztes wird die Leistung nicht von der Versicherung vergütet. Der Berner SVP-Nationalrat Rudolf Joder findet, dass dies wenig Sinn mache. «Der Pfleger ist näher am Patienten als der Arzt und kann selbst beurteilen, wann und wie oft eine Behandlung nötig ist.»

Das war mit ein Grund, wieso er vor mehr als drei Jahren eine parlamentarische Initiative eingereicht hat, die den Pflegeberuf stärken will. «Die heute obligatorische ärztliche Anordnung auch für Patienten, die über längere Zeit ausschliesslich pflegerische Leistungen benötigen, verursacht unnötige Kosten und administrativen Aufwand», schreibt Joder in seinem Vorstoss. Könnte das Pflegepersonal öfter eigenverantwortlich entscheiden, würde das auch den Beruf attraktiver machen.

Vorlage vor dem Durchbruch

Vor zwei Jahren stimmten sowohl die Gesundheitskommissionen (SGK) des National- als auch des Ständerats Joders Initiative einstimmig zu. Es ist also unbestritten, dass Handlungsbedarf besteht. Über die Ausgestaltung der Vorlage wird nun verhandelt: Ein pfannenfertiger Vorschlag liegt vor und ist für die Kommissionssitzung von Mitte Oktober traktandiert. Die Mehrheiten zeichnen sich noch nicht eindeutig ab. Joder sagt, er sei optimistisch. Auch SGK-Kommissionsmitglied Barbara Schmid-Federer unterstützt die Initiative. «Wir bezahlen dafür, dass der Arzt jeden pflegerischen Entscheid unterschreiben muss.»

Die Zürcher CVP-Nationalrätin erhofft sich durch eine Gesetzesänderung einen doppelten Effekt. Falle dieser Aufwand weg, entlaste dies die Ärzte und senke die medizinischen Kosten. Genau da liegt aber der Hund begraben: Ein Teil der Ärzteschaft sieht die Änderung nicht bloss als Entlastung, sondern als Eingriff in seine Kompetenzen. Der Ärzteverband FMH verfolgt die Entwicklung kritisch – wohingegen die Hausärzte den Antrag Joder unterstützen.

Stützstrümpfe und Waschlappen

Yvonne Ribi, Sprecherin des Schweizerischen Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner, klärt auf: «Bei der Vorlage geht es nicht um eine Kompetenzerweiterung, sondern um urpflegerische Leistungen wie Stützstrümpfe anziehen oder waschen.» Das sind Leistungen, die Pfleger heute schon eigenverantwortlich ausüben dürfen, für deren Abrechnung sie aber die Unterschrift eines Arztes brauchen. Ribi betont: «Wir wollen damit nicht den Hausarzt ersetzen.» Die Abgabe von Medikamenten ist für Pflegepersonal beispielsweise kein Thema.

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