Sterbehilfe

Das letzte Tabu: Exit will mit einem Missverständnis bei der Suizidhilfe aufräumen

Der 104-jährige Australier David Goodall sagte kurz vor seinem Tod in der Schweiz: «Ich bin nicht krank.»

Der 104-jährige Australier David Goodall sagte kurz vor seinem Tod in der Schweiz: «Ich bin nicht krank.»

Die grösste Suizidhilfeorganisation der Schweiz führt einen Richtungsstreit. Präsidentin Marion Schafroth kann das Publikum einer grossen Fachtagung von ihrem gemässigten Kurs überzeugen. Die kritischen Worte fallen erst in der Pause. Ein Ex-Präsident erklärt, weshalb der Verein wieder kämpfen sollte.

Werner Kriesi, 87, ist Suizidhelfer, ehemaliger Exit-Präsident und reformierter Pfarrer. Er steht auf der Bühne eines Zürcher Hotelsaals vor 600 Leuten und erzählt eine Geschichte:

Ein 89-jähriger katholischer Theologe aus der Innerschweiz meldet sich bei ihm. Kriesi bietet ihm ein Gespräch an. Doch der Mann sagt: «Ich will nicht reden, ich will sterben. Die Sache ist klar: Ich bin eine Ruine.» Der Alte hat keine Krankheit, aber tote Geschmacksnerven. Er sagt: «Ich glaube nicht an die Auferstehung. Aber ich wäre glücklich, wenn einige Tage vor meinem Tod meine Geschmacksnerven auferstünden.» Dann würde er noch ein Glas Wein geniessen. Jetzt schmecke alles gleich, nämlich nach nichts. Der 89-Jährige stirbt mit Kriesis Hilfe.

Ein Staatsanwalt sagte einst zu Kriesi: «Ein Mensch muss ein tiefes Gefühl der Verzweiflung haben, um mit Exit zu sterben.»

Kriesi widerspricht: «Ich habe so viele alte Menschen kennengelernt, die lebenssatt und leidenssatt sind, aber dankbar für ihr Leben. Sie umarmen mich und sagen, sie seien glücklich, gehen zu können.»

Wenn Kriesi solche Vorträge hält, wird ihm vorgeworfen, er rede den Suizid schön. Er entgegnet: «Diesen Leuten fehlt die Erfahrung.» Und ihnen fehle das Wissen. Der Suizid ist eines der letzten gesellschaftlichen Tabus. Worüber man nicht spricht, darüber weiss man wenig. Die entscheidende Frage, um herauszufinden, ob man selber von der Wissenslücke betroffen ist, lautet: Wer darf in der Schweiz Suizidhilfe in Anspruch nehmen?

Die gängige Antwort: Wer an einer tödlichen Krankheit leidet. Die Antwort ist nicht falsch, aber sie ist nicht vollständig. Sie müsste lauten: Wer urteilsfähig ist, also in der Lage ist, die Folgen des Entscheids zu begreifen.

Denn in der Schweiz gilt das Grundrecht, dass jeder über die Art und den Zeitpunkt seines Todes selber entscheiden darf. Das Strafgesetz macht nur die Einschränkung, dass Suizidhilfe «nicht aus selbstsüchtigen Beweggründen» betrieben werden darf, also nicht zur finanziellen Bereicherung. Das Heilmittelgesetz macht eine weitere Einschränkung: Ärzte dürfen das rezeptpflichtige Sterbemittel nur an urteilsfähige Patienten abgeben. Das bedeutet, dass grundsätzlich jeder normal denkende Erwachsene sich die tödliche Dosis verschreiben lassen kann – unabhängig von Alter und Krankheit. Exit schreibt lediglich ein «unerträgliches Leiden» vor.

Dennoch sagen viele Ärzte zu Sterbewilligen ohne tödliche Krankheit: «Ich darf das nicht.» Die Antwort ist falsch. Richtig wäre: «Ich will das nicht.» Das Problem für gewisse hochbetagte Leute bleibt dasselbe: Sie sind nicht so krank, dass der Arzt sie sterben lässt. Aber sie sind auch nicht so gesund, dass sie weiterleben wollen.

Alte Exit-Kämpfer proben den Aufstand

Innerhalb von Exit werden zwei Lösungen für das Problem diskutiert. Entweder versucht man, auf politischem Weg den Arzt zu umgehen und eine rezeptfreie Abgabe des Sterbemittels einzuführen. Oder man sensibilisiert die Ärzte und die Gesellschaft und verbreitet das Wissen, dass schon heute mehr möglich ist, als viele denken.

Eine Gruppe von alten Exit-Pionieren kämpft für die radikale Lösung, die rezeptfreie Abgabe. Der Vorstand hingegen verfolgt die gemässigte Lösung, eine Kampagne zur Aufklärung. Die interne Auseinandersetzung hat nun dazu geführt, dass Exit eine öffentliche Fachtagung organisiert hat. Die 600 Tickets waren innert weniger Tage ausverkauft. Der Verein hätte den Saal nach eigenen Angaben dreimal füllen können. Gekommen sind Hunderte Senioren, die sich über das eigene Lebensende Gedanken machen, und Dutzende Fachleute.

Die neue Exit-Präsidentin Marion Schafroth versucht, das Publikum von ihrem gemässigten Kurs zu überzeugen: «Wir wollen keinen politischen Krieg. Wir wollen unsere Kräfte nicht mit Grabenkämpfen verzetteln.» Der Weg über Gerichtsprozesse möge mutig sein. Aber es sei ein schlechter Weg für einen grossen Verein wie Exit. Den Rechtsweg überlässt sie Ludwig Minelli mit Dignitas und Erika Preisig mit Eternal Spirit, die beide im Publikum sitzen.

Schafroth erhält Applaus. Die kritischen Worte fallen erst in der Pause am Buffet. Dort steht Hans Wehrli, ehemaliger Exit-Präsident, mit einem Stück Kuchen in der Hand und sagt: «Ich traue dem neuen Vorstand noch nicht. Er muss kämpferischer werden und sollte die politische Auseinandersetzung nicht scheuen.»

Der andere Ex-Präsident, Werner Kriesi, hat sich hingegen von Schafroth überzeugen lassen, wie er im Gespräch sagt: «Wir wollen eine nationale Debatte anstossen.» Ein behutsames Vorgehen findet er richtig, denn: «Wenn man am Gras zupft, wächst es nicht schneller.» Exit kämpfe immer noch gegen «enormen Widerstand bei Anthroposophen, Pro Senectute und vielen Altersheimen».

Die Wissenslücke, dass ein Suizid nicht nur im Fall einer tödlichen Krankheit legal ist, hat Exit allerdings ein Stück weit selber zu verantworten. Kriesi sagt, Exit habe schon in seiner Zeit vor zwanzig Jahren Leute in den Tod begleitet, die nicht krank, sondern nur alt und leidend gewesen seien: «Damals haben wir einfach nicht darüber gesprochen.» Das hat er nun mit der Episode des 89-jährigen Theologen nachgeholt.

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