Bundesratswahlen
Das lange Warten auf Karin Keller-Sutter – CVP ist gereizt

Tritt die FDP-Favoritin an oder nicht? Bei der CVP sind einige leicht gereizt. Da sucht die Partei eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger für ihre langjährige Bundesrätin Doris Leuthard, aber das ganze Land spricht von einer FDP-Frau. Von Karin Keller-Sutter (54), der St.Galler Ständerätin und aktuellen Präsidentin der kleinen Kammer.

Henry Habegger
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Alle warten auf ihren Entscheid: Karin Keller-Sutter (FDP/SG).

Alle warten auf ihren Entscheid: Karin Keller-Sutter (FDP/SG).

KEYSTONE

Ob die Kronfavoritin für die Nachfolge von FDP-Bundesrat Johann Schneider-Ammann antritt oder vielleicht doch nicht, davon hängt das Schicksal einer ganzen Reihe von anderen Kandidaturen ab. In der FDP, aber auch in der CVP.

In der Diskussionssendung «Club» des Schweizer Fernsehens sagte CVP-Präsident Gerhard Pfister es letzte Woche so: Der Zeitpunkt, an dem Keller-Sutter bekannt gebe, ob sie für den Bundesrat kandidiere, werde entscheidend sein. «Auf diesen Punkt warten alle», sagte Pfister. Es bestehe ein gewisser Druck, dass sie sich rasch entscheide.

Zwar muss sich erst bis zum 24. Oktober bei der FDP melden, wer ins Rennen um die Nachfolge von Schneider-Ammann steigt. Aber für die als grosse Favoritin gehandelte Keller-Sutter gelten andere Regeln: Die ganze Schweiz schaut auf sie. Und hinter ihr hat sich ein langer Stau aus möglichen Kandidatinnen und Kandidaten beider Parteien gebildet.

Tritt die unbestritten fähige und tüchtige St.Gallerin bei der Dezemberwahl an, dann heisst das: Der vakante FDP-Bundesratssitz wird mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Frau besetzt. Es wäre die erste FDP-Bundesrätin seit Elisabeth Kopp, die 1989 gehen musste.

Um ganz sicher zu gehen, suchen die FDP-Frauen nach einer zweiten Kandidatin, die neben Keller-Sutter aufs FDP-Ticket und dieser Flankenschutz geben soll. Die Suche harzt. Es gibt mehr Ab- als Zusagen. Nicht abgesagt hat bisher einzig Regine Sauter (52), Nationalrätin aus Zürich.

Tritt Keller-Sutter an, steigen die Chancen für die CVP-Männer, Leuthard zu beerben. In ihren Augen wäre das Damen-Soll im Bundesrat schon erfüllt, wenn sich zu Simonetta Sommaruga (58, SP) eine zweite Frau gesellt. Vorab Ständeräte lauern auf ihre Chance. Pirmin Bischof (59, SO) etwa oder – als besonders chancenreich taxiert – Erich Ettlin (56, OW).

Das mediale Brimborium um Favoritin Keller-Sutter geht allerdings einigen tüchtig auf den Geist. Sie fühlen sich in ihrer Wahlfreiheit eingeschränkt. «Wir sehen unsere Rolle nicht in erster Linie darin, Frau Keller-Sutter zur Wahl zu verhelfen», sagt ein CVP-Stratege. Wenn sie eine Frau im Bundesrat wolle, sei es an der FDP, eine Auswahl von mindestens zwei tüchtigen Frauen zu präsentieren, heisst es etwa.

In der FDP hört man ähnliche Töne. «Auch für die Männer ist es nicht leicht», sagt ein FDP-Schwergewicht. «Wer will sich durch seine Kandidatur schon dem Vorwurf aussetzen, eine gute Frau zu verhindern?» Als einer, der sich trotzdem ins Rennen werfen könnte, gilt der gut vernetzte Bündner Ständerat Martin Schmid (49, GR). Ihm werden sogar gegen Keller-Sutter intakte Wahlchancen eingeräumt.

Erst recht nicht leicht hat es einer wie der St.Galler CVP-Volkswirtschaftsdirektor Benedikt Würth (50), dem ebenfalls das Format zum Bundesrat attestiert wird. Als Kantonskollege von Keller-Sutter ist er in der Zwickmühle. Kann er kandidieren, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, womöglich eine Frau zu verhindern? Weil bei den Bundesratswahlen vom 5. Dezember der Sitz der CVP vor jenem der FDP besetzt wird, besteht diese Gefahr. Gestern Abend tagte die CVP St.Gallen, um die Strategie zu besprechen.

Hinter der Favoritin hat sich ein langer Stau von vielen möglichen Bundesräten und einigen möglichen Bundesrätinnen gebildet. Wann löst er sich auf? Noch diese Woche, so wird gemunkelt, könnte die Ständerätin ihren Entscheid bekannt geben.