Gerhard Pfister

CVP will weniger Christlich sein: Doch Parteipräsident Pfister holt obersten Reformierten ins Bundeshaus

Hat neu einen Badge fürs Bundeshaus: Reformierten-Präsident Gottfried Locher.

Hat neu einen Badge fürs Bundeshaus: Reformierten-Präsident Gottfried Locher.

Gerhard Pfister stellt das C im Parteinamen in Frage, holt aber Gottfried Locher ins Bundeshaus. Warum?

Dass CVP-Präsident Gerhard Pfister immer wieder für eine Überraschung gut ist, hat sich in Bundesbern längst herumgesprochen. Noch im Frühjahr 2019 bekräftigte er, wie wichtig das C im Parteinamen als Alleinstellungsmerkmal sei.

Wenige Monate später dann, nach den Wahlen im Herbst, war es wiederum Pfister, der eine C-Debatte anstiess und bald auch ziemlich offensiv und ziemlich öffentlich die Frage aufwarf, ob das Christliche aus dem Namen gestrichen werden sollte.

Klar ist: Die CVP, deren Vorläufer nach dem Sonderbundskrieg als Reaktion auf die reformierte Vorherrschaft entstanden waren, ist nach wie vor katholisch geprägt. Noch immer stammt die grosse Mehrheit ihrer Wählerschaft aus Milieus, in denen der Katholizismus vorherrscht. Noch immer sind die meisten ihrer Mandatsträger katholisch.

Klar ist aber auch: Die CVP legte zuletzt viel Wert auf ihre Unabhängigkeit von Kirchen und Konfessionen. Man sei kein politischer Arm des Vatikans, erklären ihre Vertreter mantraartig. Oder wie Pfister selbst einmal in dieser Zeitung erklärte: «Die Frage der Konfession spielt absolut keine Rolle.»

Nun ist es mal wieder der Nationalrat selbst, der für eine Überraschung sorgt: Seit neuestem verschafft er dem höchsten Reformierten des Landes uneingeschränkten Zugang zum Bundeshaus. Gottfried Locher, Präsident der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, erhält von Pfister einen von dessen zwei Badges für das Parlamentsgebäude. Meist gehen solche Zutrittsberechtigungen an nahestehende Lobbyisten.

Die Grenzen zwischen Politik und Kirche ausloten

Was hat Pfister, den gläubigen Katholiken, also zur Zulassung Lochers bewogen? Will er im Bundeshaus die Werte der Ökumene hochhalten? Oder die Expansion der Partei in reformierte Kantone vorantreiben? Weder noch. Auf Anfrage führt der Parteichef zwei andere Gründe an.

Der erste: «Ich pflegte in den letzten Jahren mit Herrn Locher einen wertvollen Austausch, von dem ich profitieren konnte.» Und der zweite: «Herr Locher ist für mich einer der seltenen Vertreter von Landeskirchen, die auch politisch kompetent sind.»

Tatsächlich sparte Pfister nie mit Spitzen gegen Kirchenvertreter. 2019 war er Mitgründer des Think-Thanks «Kirche/Politik», der sich mit der Frage befasst, wie politisch die Kirche sein soll. Es gehe nicht an, mit biblischen Normen Politik zu machen, sagte Pfister damals im «Tages-Anzeiger».

Statt politischer Stellungnahmen sei das ethische Wissen der Kirche gefragt. Bei der tagespolitischen Debatte um die Ladenöffnungszeiten etwa sollten sich die Kirchen seiner Ansicht nach nicht mit Ja oder Nein äussern, sondern eine ethisch saubere Güterabwägung liefern.

Mit Gottfried Locher dürfte Gerhard Pfister genügend Gesprächsstoff haben, um die Grenzen zwischen Kirche und Politik auszuloten. Schliesslich äussert sich der reformierte Oberhirte ebenfalls regelmässig zu politischen Fragen. 2018 ­beispielsweise forderte er das Parlament auf, die erleichterte Ausfuhr von Kriegsmaterial abzulehnen.

Und auch in den jüngsten Abstimmungskampf hat sich seine Evangelisch-reformierte Kirche eingeschaltet. Sie wirbt für ein Ja zur Erweiterung der Anti-Rassismus-Strafnorm. Wer Menschen aufgrund ihrer Sexualität gezielt herabsetze, verletze ihre Würde als «Geschöpfe Gottes».

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Autor

Sven Altermatt

Sven Altermatt

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