Reportage
Corona trifft Davos besonders hart: «Es ist für uns essenziell wichtig, dass die Bahnen fahren dürfen»

Am Freitag entscheidet der Bundesrat, ob und wie in diesem Winter Ski gefahren werden darf. In den Berggebieten ist die Nervosität bei Bahnbetreibern, Hoteliers und Gastronomen gross – gerade im sonst schon arg gebeutelten Davos.

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Davos macht sich bereit, nur wofür, das ist noch nicht ganz klar.

Davos macht sich bereit, nur wofür, das ist noch nicht ganz klar.

Andy Mettler

Ein paar Wochen noch, dann ist alles vorbei für Tarzisius Caviezel. Jemand anders wird dann in seinem arvengetäferten Büro im Davoser Gemeindehaus Platz nehmen. Vor ein paar Tagen erst wurde der neue Landammann gewählt. Caviezel ist nach sieben Jahren an der Spitze der Bündner Stadt nicht mehr angetreten.

Andy Mettler

Aber noch ist Caviezel ja da, bis Ende Jahr bleibt er im Amt. Und legt sich ins Zeug für seine Stadt. «Wir hoffen wirklich sehr, dass Alain Berset nicht einknickt und auf den Zug von Deutschland und Italien aufspringt», sagt er. Und das gibt die Gefühlslage im einstigen Bergdorf, das längst zu einer kleinen, etwas gesichtslosen Stadt gewachsen ist, akkurat wieder.

Caviezel, graumeliert, Hemd und Sakko, will damit sagen: der Bundesrat soll ja nicht auf die Idee kommen, im Kampf gegen Corona die Bergsportorte über die Weihnachtstage zuzusperren. Das machen sonst gerade fast alle so in Europa, die Italiener, die Franzosen, die Deutschen, neuerdings auch die Österreicher, zumindest ein bisschen. Sie alle haben ziemlich klar gemacht, was sie von den Schweizern erwarten: dass sie nachziehen.

Plötzlich stellt man die Regeln im fernen Bern auf

Am Freitag dürfte der Bundesrat entscheiden, wie es weitergeht, und derzeit stehen die Zeichen auf einen gutschweizerischen Kompromiss: ein bisschen etwas machen. Aber nicht zu viel. Zur Diskussion stehen etwa Kapazitätsobergrenzen für die Bergbahnen, dazu strengere Schutzmassnahmen und eingeschränkte Öffnungszeiten für die Bergrestaurants.

Andy Mettler

Draussen, vor dem Davoser Gemeindehaus, fallen Schneeflocken. Legen sich auf braune Berghänge. Endlich. Davos macht sich bereit, aber noch weiss niemand so genau, wofür. Die Regeln diktieren jetzt andere, und sie tun das aus dem fernen Bern. Beeinflusst von noch ferneren Mächten, in Berlin, Paris, Brüssel gar. Das macht viele in den Schweizer Bergen gerade ziemlich nervös, und Davos ist da keine Ausnahme. Im Gegenteil. Der Tourismusdirektor will vor dem Bundesratsentscheid keine Fragen dazu beantworten, mit welchen Massnahmen man noch leben könnte. Die Bergbahnen auch nicht. Wir reden erst, wenn wir genauer wissen, woran wir sind: So lautet der Tenor. Die Davoser Verantwortlichen sind leiser als mancher Politiker in Bern; vielleicht, weil sie froh sind, wenn sie überhaupt eine Weihnachtssaison haben.

Das Treppenhaus des Davoser Gemeindehauses ist eine Ahnengalerie. Dort hängen die Vorgänger von Tarzisius Caviezel. Es sind viele Gesichter, die sich da aneinanderreihen. Doch so kompliziert wie nun war die Lage noch selten in der langen Geschichte des Bündner Wintersportorts. «Einen weiteren Nackenschlag», sagt Caviezel, «können wir in Davos gerade wirklich nicht brauchen».

Davos fehlen heuer schon das WEF und der Spengler-Cup

Tatsächlich trifft Corona Davos hart, härter noch als viele andere Bergsportorte. Das WEF? Abgesagt. Der Spenglercup, das prestigeträchtige Eishockeyturnier? Findet ebenfalls nicht statt. Die Kongresstouristen? Bleiben weg. Die vielen Gäste aus der EU, gerade aus Deutschland, die sonst etwa ein Fünftel der Logiernächte bringen? Wohl auch. «Es ist für uns essenziell wichtig, dass die Bahnen fahren dürfen diesen Winter», sagt Caviezel. Schon jetzt sei der Rattenschwanz, den die Coronakrise nach sich ziehe, verheerend. Durch den Wegfall von WEF und Spenglercup entgehen Dutzende Millionen Wertschöpfung. «Eine Katastrophe» sei das. Denn das Geld fehle überall. In den Hotels und Restaurants, den Läden und Handwerksbetrieben.

Die Unterländer sollen also kommen, trotz der Pandemie. Und auch wenn das für Davos das Risiko mit sich bringt, dass die Massen das Virus verbreiten. Caviezel sieht das so: Man dürfe wegen Corona nicht alles stilllegen, sondern müsse lernen, «damit zu leben» – mit klaren Regeln und Schutzkonzepten, und, wenn nötig, auch mit Kapazitätsobergrenzen.

Wer vom Gemeindehaus aus die Davoser Promenade entlanggeht, vorbei am Kongresszentrum, wo in normalen Jahren das WEF stattfindet, landet irgendwann vor dem Hotel Seehof. Dort sitzt ein Mann in der Lobby, der sagt, er schaue gerade sehr gespannt nach Bern – und vorderhand optimistisch auf die nächsten Wochen. Tobias Homberger ist seit 2016 der Direktor des Seehofs. Der gebürtige Zürcher hat gut gefüllte Reservationsbücher, aber er hat auch ein Problem. Er steuert einen Dampfer, 1869 eröffnet, 113 Zimmer, mehrere Restaurants.

Andy Mettler

Dieser Dampfer lässt sich nicht so schnell stoppen. Und das macht Direktor Homberger Angst, weil er keine Ahnung hat, was der Winter noch bringt. «Was, wenn es wegen Corona plötzlich heisst, dass wir schliessen müssen?», sagt er. Der Dampfer würde dann noch ein wenig weiterfahren, es wären Löhne fällig, Rechnungen für Waren. In einer Saison, in der Homberger sowieso schon mit einem Umsatzrückgang von 30 Prozent rechnet, weil er etwa seine Restaurants nicht wie sonst auslasten kann, wäre das fatal. Und Dampfer wie seinen gibt es in Davos viele. «Ich kann mir vorstellen, dass manch ein Haus in einem solchen Szenario Konkurs anmelden würde, um einen Schnitt zu machen», sagt Homberger.

In Davos spricht man gerade viel über Schutzkonzepte

Wenn die Schneewolken nicht gerade an den Davoser Bergkuppen kleben würden, dann könnte man von der Terrasse des Restaurants Höhenweg weit ins Tal schauen. Es liegt gut 2200 Meter über Meer gleich bei der Mittelstation der Parsennbahn. Der Innenbereich ist mit leeren Weinflaschen und Tierfellen dekoriert; auf einer Tafel wird «Zwetschge-Luz» feilgeboten, Preis: 7 Franken 50.

Pächter Hannes Schimberg ist ein Mann, der die vergangenen Wochen damit verbracht hat, seine Restaurants coronatauglich zu machen, für Tausende Franken. Und der jetzt viel Wert darauf legt, darüber zu sprechen. Weniger gern tut er das über die Politik und mögliche neue Regeln für sein Restaurant, beschränkte Öffnungszeiten etwa. Da lässt er sich nur ein «kein Kommentar» entlocken. Lieber zeigt er auf Plexiglasscheiben und Klebestreifen, die an den Tisch angebracht sind und verhindern sollen, dass die Abstandsregeln nicht eingehalten werden. Spricht über die Kellner, die erst dann eine Bestellung aufnehmen, wenn der Kunde nachgewiesen hat, dass er seine Kontaktdaten per App registriert hat.

Hannes Schimberg (links) mit Höhenweg-Geschäftsführer Sven Kruschke.

Hannes Schimberg (links) mit Höhenweg-Geschäftsführer Sven Kruschke.

Andy Mettler

Es ist eine Botschaft, die den Davosern gerade wichtig ist: Wir tun alles, damit unsere Gäste sicher sind. Wir wollen kein neues Ischgl sein. Auch Landammann Caviezel lag das am Herzen; er hat in seinem Büro von den Schutzkonzept-Kontrollen gesprochen und von den zwei Betrieben, die man geschlossen habe, weil sie sich nicht an die Regeln hielten. Dann hat er noch zum Telefonhörer gegriffen und bei der Polizei abgeklärt, wie es denn derzeit so läuft. Die Antwort: Es laufe gut.

Trauen sich die Leute überhaupt in ein Restaurant?

Höhenweg-Pächter Hannes Schimberg ist einst aus Norddeutschland in die Schweiz gekommen, er hat als Koch angefangen und führt heute in Davos Restaurants am Berg und im Tal. Die Jahre in den Bergen haben ihn gelehrt, dass er die Dinge nicht steuern kann. Dass es nicht immer so läuft, wie er sich das vorgestellt hat.

In der Regel ist das Wetter der entscheidende Faktor. Jetzt, im Corona-Winter, wird es der Mensch sein. Trauen sich die Leute überhaupt ins Restaurant? Trinken sie wenigstens noch ein Gläschen Wein? Schimberg weiss es nicht, und schon gar nicht, ob sich das alles lohnt. Aber nichts machen, das gehe ja auch nicht.